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Der Deutsche Werkbund (1907- 1934 )

Am 5. und 6. Oktober 1907 gründeten 12 Künstler - unter ihnen der AEG-Berater Peter Behrens und der Jugendstil-Künstler Henry van de Velde - und 12 Firmen den Deutschen Werkbund. Die lange Zeit bedeutendste Organisation zur Förderung des Kunstgewerbes galt schon bald als „Zusammenschluß intimer Feinde" (Julius Posener). Sie sollte „die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk, durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen Fragen" fördern. Vorangegangen waren der Initiative zur Vereinsgründung Überlegungen im preußischen Innenministerium, wie der deutsche Export gesteigert und Waren aus Deutschland zu einem Gütebegriff werden könnten. „Ein solches Ziel wird sich nur erreichen lassen, wenn ihm die besten Kräfte der Nation in Einmütigkeit zustreben (...) In seinem Zusammenschluß zur Hebung der Qualität erblickt der Deutsche Werkbund sein höchstes Ziel, in ihm allein die Gewähr einer deutschen Kultur", hieß es in der Gründungssatzung.

 

Der Deutsche Werkbund (DWB), eine »Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen« auf Anregung von Hermann Muthesius in München gegründet mit dem Ziel der »Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk, durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen Fragen«. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Theodor Fischer, Henry van de Velde, Peter Behrens, Josef Hoffmann, Josef Maria Olbrich, Richard Riemerschmid, Fritz Schumacher und andere. Der spätere erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss war einer seiner ersten Geschäftsführer. Außerdem nahmen Vertreter von Firmen an der Gründungssitzung teil (zum Beispiel der Verlag Eugen Diederichs, die Wiener Werkstätte, die Druckerei Poeschel & Trepte).

1908 konkretisierte die erste Jahresversammlung des Bundes das Programm und ließ erkennen, daß unter dem Begriff >Gewerbe< im wesentlichen die Industrie zu verstehen war. Erklärtes Ziel war die »Steigerung der Qualität der deutschen Industrie und damit zugleich die Konkurrenzfähigkeit auf dem internationalen Markt sollte.

Der Werkbund knüpfte an die Ideen von William Morris und des Arts and Crafts Movement in England an, die Muthesius in London kennen gelernt hatte. Ziel des Werkbundes war es, dem mit der Industrialisierung einhergehenden Form- und Qualitätsverfall durch beispielgebende Formgestaltungen von Gebrauchsgegenständen, Möbeln oder Gebäuden entgegenzuwirken. Auf der Grundlage industrieller Fertigung sollte ein gegenwartsorientierter, sachlicher Stil entwickelt werden. Dazu sollten pädagogische Arbeit, Publikationen wie Jahrbücher und die Zeitschrift Die Form (1926-1934), später Werk und Zeit (seit 1952) und Ausstellungen beitragen. Höhepunkte der Werkbund-Bewegung waren die Ausstellung für industrielle Formgebung in Köln (1914), Berlin (1924), Stuttgart (1927) und Breslau 1929. 1914 kam es bei der Jahresversammlung zu einer Auseinandersetzung zwischen Henry van de Velde und Muthesius. Während van de Velde das Handwerk und die persönliche, schöpferische Haltung des Künstlers vertrat, betonte Muthesius die Rolle der Industrie und des Gestalters bei der Entwicklung von Standardprodukten. Muthesius' zukunftsweisende Vorstellungen setzten sich durch.

Qualitätsarbeit

Nach Auffassung von Muthesius war es die Aufgabe von Herstellern und Entwerfern, sich um die Verbesserung der Qualität von Massenprodukten und damit um deren Absatzfähigkeit auf dem Weltmarkt zu bemühen. Dies sei aber nur möglich durch »geistvolle Arbeit«, durch »Qualitätsarbeit«, die weder an den Massenprodukten zu imitieren noch billig zu machen sei, aber doch schließlich »das Geld auf sich strömen machen und den Markt behalten< lassen müßte.

Zugleich wurde allgemein anerkannt, daß die »stumpfsinnige Arbeit« in der Fabrik wenig zur Grundlage einer Verbesserung der Produktqualität tauge, sofern sie nicht ebenfalls reformiert würde. So kündigte sich in der Theorie des Werkbundes der Widerspruch zwischen entfremdetet Arbeit und Kulturreform des Produkts, zwischen der Zwangsarbeit des funktionalisierten industriellen Lohnarbeiters, der sich in seiner Arbeit nicht verwirklichte, und der erwarteten qualitätvolleren Produktkultur als Resultat dieser Arbeit an.

Doch der Werkbund war nicht nur ein Interessenverband von Kunstunternehmern und Künstler-Entwerfern (Handwerker waren als Mitglieder in der Minderheit, und Kunstarbeiter kamen erst gar nicht hinein), er war auch - obwohl ein Privatverein - institutioneller Ausdruck des >Gemeininteresses< einer hochorganisiertindustriekapitalistisch produzierenden Nation.

Der industrielle Entwerfer mußte schon um 1908 die produktionstechnischen Voraussetzungen und die Organisationsform der industriellen Arbeit ebenso berücksichtigen wie die Erfordernisse der Warenkonkurrenz und die Psychologie des Verbrauchers. Die Hersteller, Entwerfer und Theoretiker im Umkreis des Werkbunds, förderten die Tendenz, sich vom schwülstigen Jugendstildekor zu lösen.Zu dieser Zeit war auch die Expansion der Gebrauchsgüterindustrie, vor allem der optischen und der elektrotechnischen Industrie im Gang. Es war kein Zufall, daß die AEG sich 1906/07 der Dienste des Gesamtkünstlers Peter Behrens versichert hatte, nachdem das Unternehmen (zusammen mit Siemens & Halske) sich als einzigem mächtigen Konkurrenten auf dem Weltmarkt nur noch der amerikanischen General Electric Company gegenübersah.

Rationalisierung

Ganzen Produktgattungen zur Absatzsteigerung ein ansprechendes d. h. jeweils modernes und neuen Nutzen versprechendes Erscheinungsbild zu verschaffen, war ja eine traditionelle Aufgabe des Designers. Nun aber wurden im Prinzip außerkünstlerische Anforderungen an ihn gestellt, die Anforderung der Rationalisierung. Was Richard Riemerschmid für den Maschinenmöbel-Entwurf zu leisten hatte, strengte sein konstruktives, auf Vereinfachung in der Herstellungsweise, Einsparung von Material und Montagezeit d. h. insgesamt auf einen glatteren und verbilligten Produktionsverlauf bezogenes Entwurfsdenken weit mehr an als seine formale Phantasie, die er als Künstler-Entwerfer des Jugendstils um die Zeit der Pariser Weltausstellung von 1900 so überzeugend unter Beweis gestellt hatte.

Diesen Prozeß der Rationalisierung der Produktion muß man sich in der zeitgenössischen großen technischen Gebrauchsgüterindustrie im Zuge der Taylorisierung der Arbeit, der Entwicklung auf das Fließbandprinzip hin und unter den Merkmalen einer scharfen Stückkostenkalkulation noch produktbestimmender vorstellen.Gespart werden konnte an den Lohnkosten (bzw. dadurch, daß die Arbeit möglichst von Ungelernten und von unterbezahlten Frauen geleistet wurde), am Material und am Maschineneinsatz bzw. den Energiekosten, was alles - produktionsästhetisch im Entwurf zu berücksichtigen war.


Eine Rücknahme des dekorativen Überschusses an den Produkttypen konnte daher durchaus - sofern die Ornamentierung einen Mehrverbrauch an Material, Maschinen und Arbeitszeit verursacht hatte - derartig beachtenswerte Einsparungseffekte versprechen, daß endlich eine vereinfachte, glatte, funktional bestimmte Produktform der dekorativ-aufwendig ausgestatteten vorzuziehen war.

1927 vereinte die vom Werkbund veranstaltete Bauausstellung auf dem Weißenhof in Stuttgart, die Ludwig Mies van der Rohe leitete, Künstler wie Peter Behrens, Walter Gropius, Hans Poelzig, Hans Scharoun, Le Corbusier und andere. Die hier verwirklichten Vorstellungen von Bauen und Wohnen hatten großen Einfluss auf die moderne Architektur in der ganzen Welt. 1934 wurde der Deutsche Werkbund durch die Nationalsozialisten aufgelöst.

Die vom Werkbund mit Ausschließlichkeitsanspruch gehandhabten Bewertungskriterien für Produkte wurden nach 1945 unter der Bezeichnung > Gute Form< nochmals aktuell. Erster Vorsitzender der 1947 in Rheydt wieder gegründeten Vereinigung war Hans Scharoun. 1972 wurde in Berlin das Werkbund-Archiv eingerichtet. Heute veranstaltet der Deutsche Werkbund regelmäßig Ausstellungen zum Wohnen und betreibt eine öffentliche Wohn- und Einrichtungsberatung. Die Werkbund-Idee fand auch in anderen Ländern Anklang, so gibt es z. B. ähnliche Bewegungen in Österreich, in der Schweiz, in Schweden oder in England.


Werkbund-Streit

Werkbund-Ausstellung in Köln. Hermann Muthesius und Henry van de Velde streiten über Typisierung und individuelle Künstlerentwürfe. 1914 kam es in Köln zur ersten Theoriedebatte der Gebrauchsformgestalter. Auf dem Messegelände der Domstadt - zwischen Bruno Tauts Glashaus mit Architektursprüchen des Prädadaisten Paul Scheerbart ("Das Ungeziefer ist nicht fein, ins Glashaus \ommt es niemals rein") und Walter Gropius' Musterfabrik - stritten Hermann Muthesius und Henry van de Velde um den richtigen Weg zur gültigen Form. Muthe-sius, preußischer Staatsbeamter und Architekt, forderte in zehn Thesen die Typisierung der Industriegüter zur Steige-ung ' des deutschen Ex-ports: "Mit dem vom Künstler für den Einzel-fall entworfenen Gegenstand kann nicht einmal der einheimische Bedarf gedeckt werden". Van de Velde, Leiter der Weimarer Kunstgewerbeschule, eines Vorläufers des Bauhauses, konterte, Künstlern liege es fern, die von ihnen gefundenen Formen oder Verzierungen anderen nunmehr als Typen aufzwingen zu wollen". Bei aller Kritik an Muthesius' Expansionismus und van de Veldes Angst vor Vermassung durch serienproduzierte Ornamente - die Debatte zeigte die Möglichkeit der Prototypenentwicklung und begründete so die Aufgabe kommender Indu-strie-Designer.


Nach der Gleichschaltung 1933 wird der Deutsche Werkbund in die Reichskulturkammer integriert.

Die Verdienste des Werkbundes 

Die Verdienste des Werkbundes bestanden vor allem im Rückhalt für den gebrauchsbewußten Entwerfer. Durch die berufsständige Organisation im Werkbund wurde sein Ansehen gesichert und die neue industrielle Produktkultur möglichst vielen zugänglich zu machen. Für den Werkbund war es selbstverständlich, daß die Kultur von oben kommen müsse. In der Festschreibung des Ein-Kulturenstandpunktes, der keine Differenzierung - außer einer nach den unteren Schichten hin erwünschten Verbilligung der bürgerlichen Standards zuließ, hat sich ein sehr enges Kulturverständnis festgeschrieben, daß erst ab den 80ger Jahren aufgelöst wird. Die Bevormundung des Masssenkonsumenten,dem keine Chance zuu eigener kultureller Entfaltung zugestanden wurde, begann in dem Moment als der kalte Krieg endete.

 frei nach Gert Selle >Die Geschichte des Design in Deutschland von 1870 bis heute<

kunstwissen.de

 
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