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.. HFG Ulm ( 1955- 1968 )

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Nachkriegsmöbel in Deutschland

Die Inneneinrichtung der fünfziger Jahre war bestimmt durch neobarocke Möbel, die zu Symbolen des Wirtschaftswunders stilisiert wurden. Der 1937 für die Erholungsheime des „Kraft-durch-Freude"-Freizeitprogramms der Nationalsozialisten entwickelte KDF-Stuhl mit ausgestellten Beinen und geschwungener Holzlehne aus massivem Holz lebt bis heute als anonymer Wirtshausstuhl fort. Die Architektur des Wiederaufbaus der fünfziger Jahre ging gleichzeitig einher mit Rückgriffen der Architekten auf Möbelentwicklungen, die bereits in den zwanziger Jahren angesichts von Massenarmut und mangelndem Wohnraum initiiert worden waren. Die Frankfurter Küche von Grete Schütte-Lihotzky von 1926 war nicht mehr lediglich eine Ansammlung von Hausrat aus verschiedenen Epochen, sondern eine Einbauküche, die kurze Wege ermöglichte, für die berufstätige Frau rationelle Arbeitsabläufe gewährleistete und zugleich allen Komfort einer Familienküche bot. Die Küchenentwürfe des Ulmer Designers Otl Aicher aus den sechziger bis achtziger Jahren haben in dieser Küche ihr Vorbild. Die Ulmer Hochschule für Gestaltung versuchte in den sechziger Jahren inhaltliche und stilistische Traditionen des Bauhauses wieder aufleben zu lassen, aber zugleich auf neue Produktionsmöglichkeiten einzugehen. Ist der Ulmer Hocker von Max Bill und Otl Aicher noch eine Reminiszenz an das Bauhaus, so wurden später Experimente mit Systemmöbeln gemacht, die sich vor allem beim Schrank- und Regalbau durchgesetzt haben. In den sechziger und siebziger Jahren wurde als neues Material glasfaserverstärkter Polyester entdeckt, mit dem Helmut Bätzner 1966 Stühle entwickelte, die ohne jede Handarbeit in nur vier Minuten auf einer Presse herzustellen waren. Der Münchner Architekt und Gestalter Werner Wirsing erfand einen Wasch- und Toilettenraum (Nasszelle), der aus Kunststoff in einem Stück gepresst wurde. In den achtziger Jahren wurden angesichts der Umweltproblematik, die die Entsorgung von Kunststoffen bereitet, Möbel aus Holz wieder entdeckt. Heute erlebt das Schreinerhandwerk eine anhaltende Renaissance, und im Bereich der Billigmöbel dominieren skandinavische Holzmöbel. Die Stilvielfalt der neunziger Jahre führte auch zur Wiederentdeckung von Metall als Werkstoff im Möbelbau.

HFG ULM

 

Daß der Entwurf von Produkten und Umweltsystemen auch anders als unter bloßen Profitmotiven aufgefaßt und bewältigt werden konnte, hatte beispielhaft die Hochschule für Gestaltung in Ulm gezeigt, die 1955 als eine private Einrichtung der >Geschwister-Scholl-Stiftung< mit Unterstützung von staatlicher Seite eröffnet worden war.

Diese Hochschule vertrat im Gegensatz zu den meisten Designerausbildungsstätten ein Lehrprogramm, das mit der sozialen und politischen Verantwortung des industriellen Entwurfs ernstzumachen versuchte.Die HfG Ulm war eine Institution, die ihre Wurzeln in der unmittelbaren Nachkriegszeit hatte, als man versuchte, »auf den Trümmern des Dritten Reichs ein neues und demokratisches Deutschland wiederherzustellen« Der politische Anspruch war von Anfang an vorhanden, blieb jedoch zunächst hinter der wissenschaftlichen und methodischen Organisation der Lehre verborgen. Die HfG ging daran, das Fundament für eine rationale Gestaltungslehre und für die Verwissenschaftlichung der Problemlösungsvorgänge in den komplexen Designprozessen zu legen. Damit bekannte sie sich zur Tradition des Dessauer Bauhauses, das ja erstmals Konsequenzen aus der ökonomisch-technischen, ästhetischpsychologischen und sozialpolitischen Problematik des Design zu ziehen versucht hatte. Die Politisierung der Ausbildung war eine zwangsläufige Folge.

Mit der exemplarischen Entwurfspraxis der HfG Ulm wurde nicht nur der >klassische Funktionalismus< der Bauhausperiode wieder aktualisiert; es wurden auch zeitgemäße, d. h. dem technologischen Fortschritt angepaßte gestalterische und funktionale Standards ausgeprägt, die eine Weiterentwicklung des >klassischen< Funktionalismus andeuteten.

Hatte die westdeutsche Konsumgüterindustrie um 1955 mehr Kühlschränke und Waschmaschinen hergestellt als Frankreich und Italien zusammen, außerdem viermal so viele Staubsauger und neunmal so viele Herde, so kann man überdies die stürmische Entwicklung und Erweiterung des Konsums an den Umsatzsteigerungen großer Versandhäuser wie QUELLE verfolgen. Nach eigenen Angaben zur Feier des 50ährigen Gründungsjubiläums (1977) hatte QUELLE 1950 wieder 40 Millionen DM Jahresumsatz gemacht, d. h. den Stand von 1938 erreicht, 1952 bereits 103 Millionen, 1958 403 Millionen. Schon 1955 bestand ein Drittel des Sortiments aus technischen Konsumgütern. 1961 überschritt der Jahresumsatz erstmals die Milliardengrenze.

Der >Ulmer Funktionalismus< wurde durchaus vom Produktionsinteresse adoptiert: »Der technische Rationalismus, den die HfG durchweg vertrat, bildete vor allem während der früheren Jahre der Existenz der HfG ein fortschrittliches Element. Ehemals bekämpft, hat er sich heute allenthalben durchgesetzt.

Der >Ulmer Funktionalismus< stellte einen Versuch des gebrauchswertorientierten, gesellschaftlich verantwortbaren und technologisch wie ästhetisch fortgeschrittenen Produktumweltentwurfs mit sozialfunktionalem Charakter dar, obwohl der Ulmer Stil zunächst ein Code des gehobenen Geschmacks im Elitekonsum wurde. Die HfG hatte es verstanden, dem >klassischen< Funktionalismus in der tendenziellen Weiterentwicklung auf eine sich vorübergehend versachlichende Produktlandschaft hin neue Geltung zu verschaffen. Schließlich hatte der Ulmer Stil nochmals verdeutlicht, daß die Idee der sozialfunktionalen Gestaltung aktuell geblieben war, daß der Funktionalismus in seinen verschiedenen Stufen trotz aller Indienstnahmen durch das Verwertungsinteresse als adäquater Ausdruck der industriellen Asthetik und als die kulturelle Errungenschaft des Industriezeitalters schlechthin erfaßt werden mußte.

Die Ulmer Impulse hatten zur Ausprägung besonderer Firmenstile (vgl. z. B. das Design der Braun AG) und zur Ausformung einer Klasse von ästhetisch wie preislich privilegierenden Konsumgütern geführt, in der Nachfolge dieser Avantgarde-Produkte aber auch zu einem breiteren Angebot sachlich gestalteter Warenhausartikel für jedermann. Die HfG Ulm hatte so letztlich trotz oder gerade wegen ihrer kommerziellen Vereinnahmung nicht nur für den Prestigekonsum, sondern auch für den Massenkonsum gearbeitet, soweit die Versachlichung der Produktgestalt auch eine Gebrauchswertsteigerung bedeuten konnte. Im Produktionsgüterbereich konnte diese Form des Funktionalismus traditionsbildend werden. Doch die besonders heikle Situation der Konsumgüterindustrie in der Phase der Rezession hatte einen Drang nach neuen warenästhetischen Reizen zur Folge, damit wieder mehr Umsätze gemacht werden konnten.


1968 hatte sich der Widerspruch zwischen der gesellschaftspolltisch unbequemen Lehre und den gesellschaftlichen Erwartungen hinsichtlich der Designerausbildung so zugespitzt, daß die HfG - finanziell ohnehin schon immer knapp subventioniert und in ihrer Arbeit von kulturpolitischen Vorurteilen behindert - unter Mitwirkung des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Filbinger, geschlossen wurde. Auch der durch die Erbschaft der Ulmer Tradition, durch die allgemeine Politisierung im Hochschulbereich und durch ein Theorie-Übergewicht belasteten Nachfolgeinstitution der HfG, dem Institut für Umweltplanung an der Universität Stuttgart (IUP), war keine lange Lebensdauer beschieden.

"Es wird auf dem kuhberg meist sehr schnell und ziemlich leise und in allen möglichen sprachen geredet, aber vor allem sehr schnell, von unerhörten dingen: sandwichplatten, raster-deformierung, zei-chenprozesse, Stimulus, synchroni-sche methoden, designatum und denotatum und significatum, von pluri-situationalen zeichen und von piktogrammen, es wird nie konversation an der kaffeebar getrieben. (...) der berichter sass stundenlang vor produkten, die in ulm entwickelt wurden, er hat sie angestarrt wie ein andachtsbild, um ihnen ihr geheimnis zu entlocken: ascher, brillen, türgriffe, hocker, radios, waschbecken und er dachte: was bloss geht von diesen dingen aus? sind sie so suggestiv, weil sie so frappieren? wieso frappieren sie? ihre formen sind an keinen aus der natur bekannten formen orientierbar und mit keinen bisher von menschen produzierten formen zu vergleichen, sie sind ohne gemüt, ohne Stimmung. (...) sie sind genau, dicht, sicher, nicht weiter zu reduzieren, letztmöglich, definitiv, sie sind in sich begründet, sie sind notwendig." Aus: Bernhard Rübenach: „der rechte winkel von ulm", 1959.

Max Bill, Hans Gugelot und Paul Hildinger entwarfen den " Ulmer Hocker "1954

 

 

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