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Das Design der Nazizeit (1933-1945)

Die Einrichtung einer >Reichskammer für bildende Künste< ab Sept. 1933 bedeutete für Architekten, Graphiker,Designer und Künstler, daß sie sich in ihrer Arbeit den Zielen der NS-Kulturpolitik unterzuordnen hatten. Außerdem garantierte das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom April 1933 die Entfernung nichtkonformer Architekten, Hochschullehrer, >nicht-arischer< Künstler usw. aus staatlichen Ämtern. Derartige Maßnahmen sollten - verbunden mit der Zwangsmitgliedschaft in entsprechenden NS-Berufsorganisationen - die totale Anpassung der Kultur an die nationalsozialistische Ideologie gewährleisten. Zu den prominenten Verkündern und Kontrolleuren dieser die gesamte kulturelle Reproduktion erfassenden Unterdrückung und Gleichschaltung gehörten Goebbels als Reichspropagandaminister und Rosenberg als Reichsleiter für das >Amt zur Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP<.


Doch von der dichten Systematik des Überwachungsapparats sind die Industriedesigner offenbar nicht so stark erfaßt worden wie z. B. Künstler oder Architekten. Dennoch wurde der Deutsche Werkbund 1934 aufgelöst.
Im gleichen Jahr wurde das >Amt Schönheit der Arbeit< eingerichtet, und das Architektengesetz trat in Kraft, das u. a. die Einhaltung der offiziellen Baugesinnung verlangte.

Im nationalsozialistischen Deutschland wurde die Stromlinie als biodynamische und damit naturgegebene Form propagiert. Hitler soll zum Design des Volkswagen bemerkt haben: „Wie ein Maikäfer soll er aussehen. Man braucht nur die Natur zu betrachten, um zu wissen, wie sie mit der Stromlinie fertig wird."

 


Die Rationalisierung der Produktion (z. B. durch das Prinzip der Materialökonomie) wurde noch durch die Autarkiepolitik Hitlers verstärkt, mit der die deutsche Industrie von Rohstoffimporten für den Kriegsfall unabhängig gemacht werden sollte. Die politische Forderung stützte hier die ohnehin im Verwertungsinteresse wirtschaftliebste Lösung. Auf diese Weise wurde ein Funktionalismus weitergepflegt, der eigentlich der nationalsozialistischen Kulturideologie mit ihren kleinbürgerlich-heroisierenden und bäuerlich-dekorativen Geschmacksnormen im Wege stand. Dieser Funktionalismus sollte klein und sparsam sauber und unaufdringlich sein.

Der klassizistische, schwülstig-bombastische Ausstattungsstil der Staats- und Parteibauten ebenso wie der pseudobodenständige Stil von Volkseinrichtungen entsprachen diesem Industriestil natürlich in keiner Weise. Das im Kunsthandwerk gesuchte germanische Ideal ,einer deutsch-bodenständigen Kultur stand im krassen Gegensatz zur industriellen Zweckrationalität. Um die Widersprüche im Bild der nationalsozialistischen Kultur zu überbrücken, mußten besondere ideologische Umdeutungsund Rechtfertigungsstrategien entwickelt werden. So wurde u. a. zum Zweck der Aneignung und Umdeutung der international gültigen Stromlinienform der Begriff der >Biotechnik< und mit ihm ein besonderer Zweig der NS-Grundlagenforschung etabliert. Die >naturwissenschaftliche< Ableitung sollte dafür sorgen, daß die deutsche Technik und Formgebung als Prinzipien aufgefaßt werden konnten, die mit den Gesetzen der Biologie, der wichtigsten Legitimationswissenschaft im Dritten Reich, in Einklang standen. Scheerer (1975) beschreibt, wie diese Theorie der Biotechnik aus dem Prinzip der darwinistischen Zuchtauswahl abgeleitet wurde, d. h. aus der den Nationalsozialisten sehr genehmen Auffassung, daß nur die am besten den widrigen Umständen angepaßten Arten genetisch überleben.


Damit war die technoide Form in der Nachfolge des >Stil um
1930< der nationalsozialistischen Rassentheorle unterstellt. Es war gelungen, ein von der industriellen Ökonomie und den warenästhetischen Zwängen losgelöstes kulturelles Wertkriterium für die deutsche Form auszuprägen. Praktisch handelte es sich bei diesem Vorgang jedoch um eine Art Übersetzung der amerikanischen Stromlinie ins Deutsche, zugleich um ihre Aufwertung.

Pseudovolkskunst und Warenhausdekor zugleich Anspruch auf volkhaft gesunde Schlichtheit und Größenwahn sowie Technikliebe als auch Blut und Boden, so lassen sich die Tendenzen der Gestaltungsideologie beschreiben.

Das nationalsozialistische Design trennte nicht, sondern es verband mit jenen bürgerlichen und kleinbürgerlichen Codes, die den Zusammenbruch des wilhelminischen Reichs überdauert hatten und die auch in der Weimarer Republik nicht abgelöst werden konnten. Nach 1933 wurden diese traditionellen Codes weiter ausformuliert und endgültig im Bewußtsein und Erwartungshorizont breiter Verbraucherschichten verankert. Zur Erbschaft der Traditionselemente deutscher Alltagskultur seit dem Historismus trat eine spezielle nationalsozialistische KonsumentenErziehung, die besonders die Aufwertung und Festigung kleinbürgerlicher Normen begünstigte.

Doch mit ihrer Schlichtheitstheorie hatte die faschistische Propaganda nur oberflächlich Front gegen die dekorative Alltagsästhetik der dreißiger Jahre gemacht. Sie brachte vielmehr das Kunststück fertig, eine existierende, nicht von Kapitalverwertungsinteressen gesteuerte Volkskultur vorzuspiegeln und damit von den eklatanten Widersprüchen in Wirtschaft, Politik und Kultur abzulenken. Das Produktionssystem selbst hatte längst für identitätsstiftende produktkulturelle Codierungen gesorgt, die endlich im Nachkriegskonsum ihre ungehinderte Verbreitung finden sollten. Bestimmte Codes waren inzwischen verstärkt, andere mit Bedeutung neu aufgeladen worden, so daß sie für eine massenkulturelle Formierung nach dem Krieg sozusagen auf Abruf zur Verfügung standen.

Mit dem Ende des Dritten Reichs war nicht das Ende einer Produktionsepoche erreicht, sondern das Ende eines politischen Herrschaftssystems, die Gestaltungsideen wirken in Deutschland noch lange fort.

frei nach Gert Selle >Die Geschichte des Design in Deutschland von 1870 bis heute<

kunstwissen.de

 
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