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..... Frühe Industrieform ( 1800- 1850)

Shaker / Thonet /

Die Frühgeschichte des industriellen anonymen Entwurfs beginnt mit Zeugnissen von monumentaler Einfachheit. Deutlich ist die Nähe zur handwerklichen Fertigungsweise zu spüren, die vielfach auch noch real dahintersteht. Die Gediegenheit des Materials und der Verarbeitung korrespondierten mit einer augenfälligen Einheit von Zweck und Form.

Man findet hier Werkzeuge, Geräte und Möbel vor, die teils handwerklich-manufakturell, teils fabrikmäßig mit Maschinen hergestellt worden sind, und Maschinen, deren erste Generation noch die Herkunft aus der Schlosser-, Schmiede- oder Mechanikerwerkstatt verrät, die aber in der Folge mehr und mehr als >Ingenieur-Entwürfe< selbst aus der maschinellen Produktion stammen.
So könnte man vereinfacht von zwei Phasen der >Maschinenkultur< sprechen: von einer ersten, noch stark handwerklich geprägten Entwurfsperiode und einer zweiten Phase, die - selbst schon durch industrialisierte Herstellung gekennzeichnet auf einer bereits entwickelteren Stufe steht. Die Maschinenkultur, die also in zwei Schüben aber auch mit Überschneidungen in der handwerklichen oder mechanischen Herstellungsweise bis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts entstand, kann auch insofern als die erste Periode der technischen Designgeschichte bezeichnet werden, als mit diesen Werkzeugen das Zeitalter der industriellen Produktion von Gebrauchsgegenständen erst eingeleitet wurde.

Diese Maschinenkultur zeichnete in ihrem Erscheinungsbild durchaus bestimmte Bedürfnisse und Grundhaltungen der Erbauer und Benutzer nach, ebenso wie sie in der Art und Zahl der Gegenstände einem bestimmten gesellschaftlichen Bedarf entsprach. je höhere Stufen der Produktivität erreicht wurden, um so mehr ergab sich die Notwendigkeit, nicht nur einzelne Maschinen handwerklich herzustellen, sondern mehrere der gleichen Art oder ähnliche mit besserer Leistung in größerer Anzahl mit anderen als den handwerklichen Mitteln - also selbst mit bestimmten Maschinen - zu produzieren.

Der wissenschaftlich-technische Fortschritt ging hier schon mit dem ökonomischen Hand in Hand. Neue Formen der Gewinnung und Umsetzung von Energie (z. B. die Dampf maschine)


 Exkurs:

Die Shaker

Die Shaker, eine Sekte, die in USA zwischen ca. 1780 und 1890 zunächst auf handwerklicher Basis, später auch manufaktur- und fabrikmäßig besonders einfach gehaltene, zweckhaft geformte Geräte und Möbel herstellte. Löbach betont, daß sich Lebensweise und Moral der Shaker, die zunächst nur für den Eigenbedarf produzierten, und zugleich die harten Existenzbedingungen bei der Ansiedlung in der Neuen Welt nachhaltig auf die Gestalt der Produkte ausgewirkt haben. Das Gleichheitsprinzip unter den Mitgliedern dieser Lebens- und Glaubensgemeinschaft und die Erfordernisse einer unmittelbaren Bedarfsproduktion erlaubten es nicht, produktästhetische Differennzierungen, also z. B. eine Auszeichnung der Produkte durch Ornamentierung (und damit eine soziale Differenzierung des Gebrauchers) vorzunehmen.

 

Thonet
Ein besonders herausragendes Beispiel sind die Thonet-Sessel. Sie wurden - ganz unter dem Zeichen der neuen gesellschaftlichen Produktionsweise - von einem Bilderbuchkapitalisten der Gründergeneration auf den Markt gebracht, und zwar sehr früh schon weltweit und massenhaft. Als die Gebrüder Thonet
1856 im mährischen Koritschan, in der Nähe von Rohstoffquellen und Reservoirs an billigen Arbeitskräften, ihre erste große Fabrik gründeten, war die Form der Produkte längst vorgegeben. Michael Thonet, ehemals Tischler in Boppard, war während der Ara Metternich nach Wien gekommen und hatte sich dort sein Bugholzverfahren patentieren und die Firmengründung durch kaiserlich-königliche Privilegien absichern lassen. Seine Erfindung bestand in einer

durch besondere Vorbearbeitung, Dämpfung, Verformung und Trocknung des Holzes gekennzeichneten Technologie, die sich für die Massenproduktion einsetzen und sich vor allem durch ungelernte Lohnarbeiter anwenden ließ. Michael Thonet war kein Designer, er fand die Form seiner BugholzSitzmöbel auf einer - produktionsästhetischtedinologischen Grundlage. Das elastische, verschraubbare Rundholz bzw. die Bearbeitungsmethode gaben von selbst bestimmte Formen und Formvarianten vor; er brauchte dafür keinen Musterzeichner, jedenfalls nicht bei den ersten klassischen Modellen, von denen die Nr. 14 (1859) der Markterfolg schlechthin wurde: 50 Millionen Stück sollen davon in unveränderter Form bis 1930 produziert worden sein; noch heute gibt es Nachbauten.

Schon um 18 7 1 besaßen die Gebr. Thonet Geschäftsniederlassungen in aller Welt. Michael Thoriet und seine Söhne hatten in rascher Folge auch im Ausland Fabriken gegründet. Um 1900 soll die Firma 6000 Arbeiter beschäftigt haben, die (nach Mang, 1969) mit Hilfe von 2o Dampfmaschinen 4000 Möbelstücke täglich erzeugten. Auch die Ausbeutung billiger Lohnarbeit, die Thonet früh fabrikmäßig zu organisieren wußte, hat also zu Gebrauchsformen geführt, die - ähnlich den Produkten der Shaker - kaum ästhetisch differenziert waren, dagegen funktional betont, langlebig und relativ billig (19 15 kostete das Modell 14 je nach Durchmesser des Sitzes 5.60 bis 6 österreichische Kronen). Im wilhelminischen Deutschland wie in der k. u. k. Monarchie, schließlich in ganz Europa und in übersee waren die Thonet-Sessel, z. B. als KaffeehausStühle, ein Stück öffentliches Design.


Zunächst ist es ja auffällig, daß es noch gar keinen Designer im modernen Sinne gab, der für die Erscheinungsform der Produkte verantwortlich gewesen wäre. Die Meister und Ingenieure der ersten und zweiten Phase der Maschinenkultur waren keine Designer, die Shaker waren es nicht, Michael Thonet auch nicht.

Thonet hat sich bestimmt nicht als Industriedesigner verstanden. Der Grund? Man brauchte diesen Beruf auf einer relativ unentwickelten Stufe der neuen Produktionsweise noch nicht. Der Designer ist ein Produkt der fortgeschrittenen gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der Entwicklung von Produktivität und Bedürfnissen. Nur in bestimmten Gewerbe- und Kunstindustriezweigen mit hohem Anteil an ästhetischer Arbeit und Differenzierung wie in der Textilindustrie oder in traditionellen künstlerischen Manufakturen (z. B. bei der Porzellanherstellung) gab es Vorformen dieses Berufs in den Manufakturkünstlern oder den Musterzeichnern des 18. und frühen i 9. Jahrhunderts. Der Industrieund Erwerbsbürger um 18 5 o bedurfte seiner Dienste in der Regel nicht, er war noch selbst Entwerfer seines

Produkts. Den Designer brauchte man erst, als es der Grad der Arbeitsteilung verlangte. Die frühindustrielle Produktkultur hingegen scheint charakterisiert durch die Unmittelbarkeit des Produzentenentwurfs.

Zwischen Produktionsgütern und Konsumgütern gab es in der frühbürgerlich-industriellen Epoche weitgehende ästhetische übereinstimmungen.

 

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