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.....Industriejugendstil
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Der individuelle, nicht selten manieriert wirkende Stil der Arts-and-Crafts-Bewegung erlag gegen Ende des 19. Jahrhunderts dem Einfluss des Jugendstiles, der zwischen 1890 und 1910 aufblühte und Inneneinrichtung und Architektur beeinflusste. Einfach gebaute Möbel wurden mit floralen Motiven geschmückt, und natürliche Formen sollten ein Gefühl von Bewegung vermitteln. Aufgegeben wurde die Vorstellung der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung, dass sich schöne Formen nur durch handwerklich hergestellte Möbel verwirklichen ließen. Die Verfechter des deutschen Jugendstiles, wie Hermann Obrist, Peter Behrens, Otto Pankok und August Endell, strebten zwar nach Zweckmäßigkeit und Materialgerechtigkeit, suchten aber darüber hinaus nach Lösungen, um durch industrielle Produktion ihre Entwürfe kostengünstig realisieren zu lassen. Zu den wichtigsten Möbeldesignern des Jugendstiles gehörten die belgischen Architekten Henri van de Velde und Victor Horta, die die Innenräume ihrer Gebäude so möblierten, dass sie die geschwungenen Formen ihrer architektonischen Umgebung ideal ergänzten. In Frankreich entwarf der Architekt Hector Guimard, der 1900 die Pariser Métro-Stationen schuf, ähnlich asymmetrische, mit Ornamenten versehene Möbel in freien Formen. Emile Gallé produzierte in seiner Glaswerkstätte in Nancy Vasen und Lampen, entwarf aber auch Möbel, die er häufig mit einem darauf abgestimmten Pflanzenornament verzierte. Louis Majorelle, der luxuriöse Möbel herstellte, die ebenfalls durch Naturformen inspiriert waren, gehörte nach dem 1. Weltkrieg zu den führenden Designern des Art déco. Der schottische Architekt Charles Rennie Mackintosh stellte in seiner individuellen Auslegung des Jugendstiles schlichte, schwarz gebeizte, formal strenge Möbel her, die er zurückhaltend mit eleganten Intarsien, Metallornamenten oder Glasmalereien verzierte.

Ornament und Massenkonsum

Die wilhelminische Dekorationskultur ist in ihren heute sinnlos erscheinenden überladenen Arrangements der Stil der Zeit.Das historisierende Ornament besetzte alle Formen und Flächen, als hätte es eine Angst vor Leere und Sachlichkeit gegeben.

Gesellschaftlich entsprach der Entwurf einer Alternative zum Historismus zunächst nur einer kleinen Minderheit, die neue Bedürfnisse auf Grund ihrer besonderen Stellung innerhalb der sozialen Struktur des Kaiserreichs entwickeln konnte. Es waren Teile des wirtschaftlich abgesicherten, liberalen Bildungsbürgertums.

Nach 1900 kommt es zur Vereinnahmung des Jugendstils durch die deutsche Industrie; denn für den wohlhabenden Mittelstand und die kulturbewußt-progressiv eingestellten Teile der Oberschicht standen die Produkte des Kunsthandwerks im neuen Stil als Gegenstände des Elitekonsums seit etwa 1896/98 zur Verfügung. Wie überall in Europa gelangten diese Produkte auch in Deutschland über Kundenauftragsarbeit der Künstler-Entwerfer selbst oder über exklusive Geschäfte zur Verteilung, während sich einige Jahre später Massenangebot und Massennachfrage über das Warenhaus und die Werbung regelten, als der Industriejugendstil etabliert war.

Zunächst fand die erste avantgardistische Künstlerentwerfer-Generation - z. B. van de Velde in Weimar und Berlin, Bruno Paul und Riemerschmid in München, Peter Behrens in Darmstadt - neben der Möglichkeit zur Entwurfsrealisation im Kunsthandwerk d. h. zur Kooperation mit Kleinwerkstätten die traditionellen Manufakturen und solche kunstindustrielle Produktionszweige vor, die sich bereits mit Serlenfertigung befaßt hatten, aber keineswegs zur >großen< Industrie zu zählen waren. Auf Grund der Bedarfslage

Aus der Assoziation einzelner Künstler mit speziell qualifizierten Handwerkern bildeten sich bald kleine Werkstattunternehmen mit dem Ziel der geschäftlichen und ideellen Kooperation, die mit dem wachsenden Bedarf nach neuen Stilgütern eine >Werkstättenbewegung< auslösten. Auf der Weltausstellung 1900 in Paris wurden schon hervorragende Erzeugnisse Münchner und Darmstädter Werkstätten dieses Entwicklungsabschnitts gezeigt.


Sodann entstand die Großwerkstatt mit erweitertem Maschinenpark und schließlich der Werkstättenverbund im Zuge einer Konzentration von Kapital und Produktionsmitteln. Unversehens wurde der anfangs durch seine individuelle Leistung bekannt gewordene Künstler-Entwerfer zu einem Entwurfslieferanten unter vielen anderen und stand in Abhängigkeit vom Kunstunternehmer als Auftraggeber. Die deutsche Werkstättenbewegung kam mit der Fusion mehrerer führender Unternehmen in München und Dresden in eine Art monopolistische Phase und war bald in der Lage, große Mengen von Ausstattungsartikeln und Gebrauchsgütern zu produzieren. In Form von Kapital


Mit den veränderten Produktionsbedingungen wälzte sich allmählich auch das Selbstverständnis der Künstler um, die das Prinzip der Maschinenarbeit akzeptieren mußten. Von den exklusiven Künstler-Unikaten über preislich gestaffelte Serienprodukte aus Werkstattunternehmen bis zur Obernahme der neuen Geschmacksmuster durch billige Nachahmung der Vorbilder in der massenhaft produzierenden Industrie vergingen nur wenige Jahre.
Die Industrialisierung des Stilkunstornaments war auch eine Zeit des verstärkten Einsatzes einer nicht geringen Zahl anonymer Musterzeichner, deren deprimierende und schlecht bezahlte Arbeit überliefert ist.


Nahezu jeder Fabrikant, dessen Produkte mit anderen ästhetisch konkurrieren mußten, sah sich gezwungen, die Stilkunstmode mitzumachen. Die für den gebildeten Kunstbetrachter und Verbraucher gehobener Stilkunsterzeugnisse sichtbaren Strömungen des neuen Stils, die floralen und organischen Motive belgischen (van de Velde) und deutschen Ursprungs (Eckmann, Obrist), die von der schottischen Schule ( Mackintosh) und den Wiener Sezessionisten (Wagner, Hoffmann) beeinflußten tektonischkonstruktiven Gestaltungen und die monumental-klassizistischen Spätformen (Behrens, Bruno Paul, Albin Müller) wurden im industrial design unterschiedslos verwertet, vor allem die besonders dekorativen Stilprägungen.


Beherrschendes Grundmotiv für Entwürfe im Industriejugendstil war die Übernahrne des neuen Ornaments in die Sprache des Massenprodukts, so daß die ursprünglichen Vorbehalte der Kritik gegenüber dem »belgischen Bandwurm« oder dem »gereizten Regenwurm« nochmals aktuell wurden, als die neue - Produktsprache im Massenkonsum verbindlich geworden war.


Man muß angesichts der Reichweite des Jugendstils und seiner relativen Verbilligung durch die industrielle Massenproduktion davon ausgehen, daß das neue Ornament zu einem verbindlichen Code für Konsumenten unterschiedlicher sozialer Schichtung werden konnte.
Gegenüber der sich zwischen 1890 und 1914 unaufhaltsam durchsetzenden industriewirtschaftlichen Rationalität waren Historismus und Jugendstil veraltete Stile.

Insgesamt fiel die Entwicklung des Jugendstils bis hin zu seiner Industrialisierung und Verallgemeinerung im Sinne einer Massenproduktspradie mit einer nur durch geringe konjunkturelle Schwankungen gestörten langen Aufschwungphase der deutschen technischen Industrie zusammen.

Man muß angesichts der Reichweite -des Jugendstils und seiner relativen Verbilligung durch die industrielle Massenproduktion davon ausgehen, daß das neue Ornament zu einem verbindlichen Code für Konsumenten unterschiedlicher sozialer Schichtung werden konnte. Natürlich erhielt nicht jeder den gleichen Gebrauchswert.

Während die Werkstattunternehmen bis in die Kriegszeit hinein ein Angebot gut sortierter, anständig verarbeiteter Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände bereithielten, sorgte die den Jugendstil absorbierende Industrie für die billigere Konfektion oder auch für den dekorativen Ramsch.

frei nach Gert Selle >Die Geschichte des Design in Deutschland von 1870 bis heute<

kunstwissen.de

 
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