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Verkaufsfaktor Produktdesign und seine Grenzen

Interview mit Prof. Günter Horntrich, FH Köln, 2002


Profile online: Herr Professor Horntrich, zu wie viel Prozent trägt gutes Design zum Erfolg eines Produkts bei?

 Prof. Günter Horntrich: Bei Konsumgütern sicherlich zu mehr als 50 Prozent, bei Investitionsgütern geschätzte 20 Prozent -- mit steigender Tendenz. Denn auch diese Produkte werden sich qualitativ immer ähnlicher, Design wird zunehmend zum Verkaufsfaktor.

  

Gibt es überhaupt noch Bereiche, die ohne gutes Design auskommen? 

Eigentlich nicht. Heute ist alles gestaltet -- von Umwelt über Politik bis zur Jeans. Dem Scharping macht man den Bart weg, die Bushaltestelle ist plötzlich durchgestylt, selbst der Belag auf der Tiefkühlpizza wird designt. Die Folge ist, dass wir in vielen Bereichen absolut überdesignt sind. Theoretisch finden Sie heute fast jedes Produkt und jedes Design bereits irgendwo am Markt. Dabei ist das funktionale Element zweitrangig geworden: Bei einer Kaffeemaschine setzen Sie ganz einfach voraus, dass die Kaffee kochen kann. Entscheidend für den Kauf ist, ob Sie die Form ansprechend finden und die Maschine farblich in Ihre Küche passt.

  

Also nicht mehr "form follows function", sondern umgekehrt? 

Mehr noch: "form follows emotion". Das gilt inzwischen auch für viele Investitionsgüter. Dort soll Design heute Technologie begreifbar machen. Da aber die technologischen Komponenten immer kleiner werden, hat der Designer immense Freiheiten. Und so zieht auch hier die Emotion ein. Deshalb sehen die Produkte weltweit wie ausgelutschte Hustenbonbons aus und sind stark austauschbar, was ihre Wertschätzung mindert. Und viele Designer sind zu Dekorateuren geworden;sie machen Mode, ohne über die Funktion nachzudenken.

 

 Wie wollen Sie diesen Trend stoppen? 

Die Industrie muss umdenken. Damit jemand merkt, dass Sie eine neue, besonders innovative Kaffeemaschine gemacht haben, muss sich nicht nur die Gestaltung, sondern auch die Verkaufsform ändern. Marketing, Technologie und Gestaltung gehören zusammen -- als multidisziplinäres Designmanagement. Nur dann kann ein Unternehmen seine Kultur und Identität angemessen über das Design transportieren. Allerdings haben das bislang nur wenige Firmen begriffen. Und so leben wir in einem Durcheinander von Marken, Farben und Formen; ich nenne das "optische Umweltverschmutzung". Vor 20 Jahren haben wir Unternehmen gesagt: Sie verkaufen sich besser, wenn die Produkte gestaltet sind. Heute fragen wir immer häufiger:

Darf's ein bisschen weniger sein? Designer müssten künftig angestellt werden, um bestimmte Produkte zu verhindern. 

 Das bedeutet ein völlig neues Selbstverständnis Ihres Berufsstandes.

 Eindeutig. Die entscheidende Frage ist die der Nachhaltigkeit: Wie viele Produkte braucht der Mensch? Eigentlich müsste man Schuhe für 250 Mark das Paar produzieren, die zehn Jahre halten und nicht designt sind, also nicht unmodisch werden. Das spricht gegen Design. Im Prinzip geht es darum, den Nutzen zu gestalten, nicht das Besitzen. Denken Sie mal an eine Bohrmaschine: Die wird nur fünfmal im Jahr benutzt, aber jeder hat eine im Keller. Warum also soll ich mir die Maschine nicht am Kiosk um die Ecke leihen können? Dazu müsste die Maschine so designt sein, dass sie langlebig, leicht zu bedienen und leicht zu reparieren ist. So etwas würde die Produktgestaltung und die Warenwelt verändern. Das ist es auch, was ich unter ökologischem Design verstehe-- das hat mit Recyclingmaterial oder Jute statt Plastik nicht viel zu tun.

 

Wie weit ist dieses Bewusstsein bei Industrie und Verbrauchern bereits verankert?

 Ökologie ist heute selbstverständlich. Das ist gut so. Andererseits haben -- gerade angesichts der Globalisierung-- Marktsegmentierung und Absatz immer noch Vorrang. Das ist aber nicht allein die Schuld der Industrie, es liegt an uns allen -- Produkte werden ja schließlich nicht vom Staat verordnet. Umso stärker müssen Unternehmen in der Produktgestaltung ganzheitlich beraten werden -- da liegt die Zukunft des Designs.

  

Professor Günter Horntrich (51) leitet den Fachbereich Ökologie und Design an der FH Köln und ist Inhaber der Designbüros Yellow Design (Pforzheim) und Yellow Circle (Köln). Yellow wurde mehrfach für innovatives Produktdesign -- unter anderem für Pelikan und Hoesch -- ausgezeichnet.

 

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