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Das Bauhaus (1919-1936)

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Leben am Bauhaus

Das Bauhaus war mehr als eine Schule; es war eine Kommune, eine spirituelle Bewegung, ein radikaler Zugang zur Kunst in all ihren Formen, ein philosophisches Zentrum, dem Garten des Epikur vergleichbar. Gropius, der Epikur auf diesem Gemälde, schlank, schlicht, aber peinlich exakt frisiert; das volle schwarze Haar zurückgekämmt, für Frauen unwiderstehlich gut aussehend, auf klassische Art korrekt und weitläufig, im Kriege Kavallerieleutnant, wegen Tapferkeit dekoriert: eine Gestalt, die im Zentrum des Mahlstroms Überlegtheit, Überlegenheit und Überzeugungskraft ausstrahlte. Der Maler Paul Klee, der im Bauhaus lehrte, nannte Gropius den „Silberprinzen". Genau: Silber. Gold wäre für so einen feinen und präzisen Mann zu prunkvoll gewesen. Gropius scheint ein Aristokrat gewesen zu sein, der sich durch eine geradezu wundersame Sensibilität jede Tugend dieser Rasse bewahrt, allen Ballast der Ver-

gangenheit dagegen über Bord geworfen hatte.

Die jungen Architekten und Künstler, die ins Bauhaus kamen, um dort zu leben und zu studieren und vom Silberprinzen zu lernen, sagten, man müsse „bei Null anfangen". Diese Redensart hörte man ständig: „bei Null anfangen". Gropius unterstützte jedes Experiment, das ihnen in den Sinn kam, solange es im Namen einer sauberen, reinen Zukunft geschah. Sogar neue Religionen, wie Mazdaznan. Sogar Reformhaus-Diät. Es gab in Weimar eine Phase, da bestand die Bauhaus-Diät ausschließlich aus einem Mus von rohem Gemüse. Das Mus war so schlaff und faserig, daß man Knoblauch beigeben mußte, um irgendeinen Geschmack zu erzielen. Zu der Zeit war Gropius mit Alma Mahler verheiratet, der früheren Mrs. Gustav Mahler, dem ersten und stärksten Exemplar dieser wunderbaren Gattung, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, der Künstlerwitwe. Die Historiker sagen, bemerkte sie später, die Merkmale des Bauhaus-Stils seien gläserne Ecken, Flachdächer sowie als solche erkennbar verwendete Materialien gewesen. Sie aber, Alma Mahler-Gropius-Werfel -sie hatte unterdessen den Dichter Franz Werfel in ihre Frohschar aufgenommen -, versichert uns, das unvergeßlichste Charakteri-stikum des Bauhaus-Stils sei gewesen, „wenn jemand nach Knoblauch aus dem Hals stank".

siehe Tom Wolfe in Spiegel Special, Das Jahrhundert des Design,1995

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