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..... Morris und Ruskin und die Arts und Crafts Bewegung (1850)

Ruskin / Morris / Mackintosh

Das Arts and Crafts Movement, eine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England entstandene Bewegung, hatte das Ziel , im Zeitalter der Massenproduktion minderwertiger Gebrauchsgüter das Kunsthandwerk wiederzubeleben und zu reformieren.

Widerstand gegen die Maschinenkultur

England wurde infolge seiner frühzeitigen Industrialisierung auch besonders früh mit den produktkulturellen und kunstwirtschaftlichen Folgeproblemen konfrontiert. Um eine Art Kulturkrise handelte es sich ja insoweit, als die unaufdringlich selbstverständlichen, auf alltägliche Bedarfsnotwendigkeit bezogenen handwerkichen Formen der bürgerlichen Ausstattung seit Beginn der industriellen Revolution durch eine neue Produktästhetik in Bedrängnis geraten deren Gestaltungsergebnisse durch die Bedingungen der Maschine mehr und mehr bestimmt werden.

In England wurden die Ursachen des geschmacklichen Niedergangs über parlamentarische Untersuchungskommissionen gesucht; man richtete staatliche Schulen zur Ausbildung von Musterzeichnern ein und gründete Kunstgewerbemuseen, die Vorbildsammlungen aufbauen sollten. Letzten Endes gipfelte diese Aktivität auch in der Londoner Weltausstellung von 18 5 1.

Vor allem Henry Cole, Mitbegründer des South Kensington Museums, der diese Ausstellung zusammen mit dem Prinzen Albert vorbereitete, und der Deutsche Gottfried Semper, als politischer Flüchtling nach 1849 eingewandert, versuchten eine erste Reform des industriellen Entwurfs einzuleiten. Schon in den 6oer Jahren zeigte sich offenbar ein gewisser Erfolg, so daß die bisher führende französische Konkurrenz aufmerksam wurde.
Zur gleichen Zeit erfolgten auf dem Kontinent die ersten Gründungen von Kunstgewerbemuseen. Allein in Deutschland begannen zwischen 1865 und letzten Eröffnungen gegen Ende der 8oer Jahre mehr als
30 solcher Museen als Mustersammlungen für Kunstunternehmer und Kunstgewerbetreibende ihre geschmackspädagogische Öffentlichkeitsarbeit.

Neben den staatlichen kultur- und gewerbepolitischen Reformmaßnahmen, deren praktisches Ziel die Konsolidierung der heimischen Konsumgüterindustrie war, formierte sich jedoch in England auf gesellschaftskritischer Ebene eine breite ideelle Front gegen jede Art von Profitmacherei, Surrogatkultur und schlechter Fabrikware.

 

Ruskin ( - )
Es entstand eine im Grunde gegen das > industrial design < als moderne Produktivkraft gerichtete Bewegung, die bis in die Zeit nach der Jahrhundertwende Maßstäbe für die industrielle Produktkultur herausbilden sollte. In der auf konservative Tradition und frühbürgerliche Moral gestützten Gesinnung eines Thomas Carlyle, vor allem aber in den Theorien John Ruskins bildete sich ein besonderer ästhetischer Idealismus heraus, der geschichtlich anhaltende Wirkungen haben sollte. Ruskin, ein religiös empfindender, von der Restauration mittelalterlicher Produktionsverhältnisse, der Wiederherstellung einer einheitlichen Kultur und der Wiedereinführung der Handarbeit träumender Sozialphilosoph und Schriftsteller mit ausgeprägter Abneigung gegen jede Art von Industrie hatte vergeblich unter Vermögensopfern versucht, Produktionskommunen mit dem Ziel der Einrichtung nichtkapitalistischer Arbeits- und Reproduktionsverhältnisse zu gründen.

Ruskin hat als Moralist, nicht als Entwerfer gewirkt. Dennoch hat er mit seinem intellektuellen Einfluß den Boden für kunstsoziale Strömungen geebnet, die neben, ja zum Teil mit der Arbeiterbewegung einhergingen und in deren Vorstellungsbereich der industrielle Lohnarbeiter als kulturwürdiges Subjekt im doppelten Sinne entdeckt werden sollte - als Produzent wie als Konsument.

 

Morris (1834-1896)
Schlüsselfigur dieser sozialkritischen Bewegung war William Morris, der von Ruskin vielfach beeinflußte, aber schließlich über ihn hinausgehende Präraffaelit, Kunsthandwerker, Unternehmer, Kunstgewerbetheoretiker, Denkmalschützer und Dichter, der im reifen Alter mit dem Studium der marxistischen Kritik der Ökonomie begann, radikale Zeitschriften herausgab und mit englischen Arbeitern auf die Straße ging.

Im Jahr 1861 gründete der englische Dichter, Maler und Kunsthandwerker William Morris die Firma Morris, Marshall & Faulkner, die nach höchsten handwerklichen Qualitätsmaßstäben Textilien, Bücher, Tapeten und Möbel herstellte und vertrieb und sich ausdrücklich gegen die sterile Hässlichkeit maschinell erzeugter Produkte wandte. Morris scharte zahlreiche Künstler um sich, darunter die Architekten Philip Webb und C. F. A. Voysey, den Möbeltischler Ernest Gimson, den Töpfer William De Morgan und die Designer Walter Crane und C. R. Ashbee. Sie alle waren wie er selbst überzeugt, dass wahre Kunst aus den Traditionen des Kunsthandwerks erwachse. Zeitschriften wie >The Studio< oder >Hobby Horse< und nicht zuletzt die 1888 gegründete >Arts and Crafts Society<, die kunsthandwerkliche Ausstellungen veranstaltete, trugen zur Verbreitung ihrer Ideen bei.

 

Obwohl Morris kaum auf dem Gebiet des industriellen Entwurfs gearbeitet hat und auch seine kunsthandwerkliche Firma Morris, Marshall, Faulkner & Co - 1861 mit den Partnern Burne-Jones, Faulkner, Rossetti, Madox Brown und Marshall gegründet alles andere als ein DesignerBüro war, hat er auf die Theorie und auf die Bewertungsmaßstäbe des Gebrauchsgüterentwurfs nachhaltig eingewirkt. Noch im Gründungsmanifest des Bauhauses läßt sich auf Morris zurückweisende ideengeschichtliche Substanz feststellen.


Durch sein Kunsthandwerk und durch seine Theorie konnte Morris weder die Produktionswirklichkeit, noch den Charakter der Produkte als Waren verändern. Er konnte jedoch mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen, daß zu seiner Zeit und durch sein Zutun sich in England eine breite, sozialästhetisch ausgerichtete kunsthandwerkliche und kunstgewerbliche Erneuerungsbewegung institutionallsierte. Neben einer Reihe anderer Vereinigungen sind hier die Gründung der Arts and Crafts Exhibition Society (1888) und die im gleichen Jahr von Charles R. Ashbee ins Leben gerufene Guild an School of Handicraft zu nennen.

Charles Rennie Mackintosh Großen Einfluss hatte die Bewegung auch auf die Glasgow School, die sich Ende des 19. Jahrhunderts im Umkreis des Architekten und Designers Charles Rennie Mackintosh entwickelte. In den Vereinigten Staaten von Amerika gab es eine ähnliche Bewegung seit den siebziger Jahren, die bis zum 1. Weltkrieg große Bedeutung hatte. Über die Wiener Werkstätte beeinflusste das Arts and Crafts Movement besonders den Jugendstil und in Deutschland den Deutschen Werkbund, der eine bedeutende Rolle beim Übergang zum Industrial Design spielte, das sich mit der Herstellung qualitativ hochwertiger Massenprodukte beschäftigt. Auch hierfür gab das Arts and Crafts Movement hinsichtlich der Bevorzugung einfacher Materialien und Oberflächengestaltung wichtige Impulse


Die Arts & Crafts Bewegung hat mehrere bedeutsame Folgen. Bald lagen nicht nur britische KunstgewerbeErzeugnisse auf dem Weltmarkt vorn, sondern es fand bei vielen Künstlern, die traditionell zu einer Trennung zwischen hohen und niederen, zwischen freien und angewandten Künsten erzogen worden waren, auch eine Umpolung ihres Wertbewußtseins statt. Den Theorien und dem praktischen Beispiel der Morris-Zeit ist es zu verdanken, daß die angewandten Künste endlich als gleichberechtigt mit den freien Künsten anerkannt wurden und daß ein Typus des KünstlerEntwerfers entstand, der die Gestaltung der Alltagskultur zu seiner Lebensaufgabe machte.

 frei nach Gert Selle >Die Geschichte des Design in Deutschland von 1870 bis heute<

kunstwissen.de

 
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