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Fritz Schwegler ( *1935 -2014 )
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Fritz Schwegler von Breech

Fritz Schwegler, der unprätentiöse Einzelgänger erscheint heute als wichtige Gestalt für die POSTMODERNE indem er die Erfahrungen von FLUXUS und einem regionalem Kolorit in eine Situation der Welt als Dorf mit den Methoden des POP und einer vorwärts, seitwärts und rückwärts gewandten Inhaltlichkeit basisbildend gestaltet. K.T.

Jetzige und einstige wundersame Bilder und Wichtigkeiten

FRITZ SCHWEGLER ist schon seit frühen Jahren ein ausgeprägter Individualist, dessen eigenwilliger Geist die Vielfalt der Dinge von ihrem Miteinander her zu erfassen und zu befragen sucht und sich dabei vorherrschenden Kunstauffassungen verschließt.

Der 1935 im schwäbischen Breech auif der Alp geborene Künstler, der ursprünglich als quergeistiger, skurriler Schöpfer von Bildcollagen und Wort-Performances bekannt geworden ist, hat in den letzten zehn Jahren ein außergewöhnliches und umfangreiches Werk von Kleinskulpturen geschaffen. Mit einer gerade erst abgeschlossenen Werkgruppe von 1000 Bronzearbeiten hat er zu Ende des 20. Jahrhunderts eine Enzyklopädie des Plastischen geschaffen, die ohne Vergleich dasteht. Fritz Schwegler war bis vor kurzem ein äußerst erfolgreicher und hoch geschätzter Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie. Viele aus der jüngeren Künstlergenerationen, z. B. Martin Honert, Thomas Huber, Thomas Demand und auch Katharina Fritsch, verdanken ihm als Schüler den erfolgreichen Start ihrer Karrieren.Sein Werk zeigt die spielerische Verbindung der Plastik mit der Ironie, Formerfindung , flächiger Farbfassung und Collage.

Prägend für den im Schwabenland am Fuße des Hohenstaufen geborenen Künstler mag neben dem ungebrochenen Erlebnis von Landschaft und Natur auch das vom Vater ausgeübte Schreinerhandwerk gewesen sein, das auch er zum Nutzen seiner zugreifenden und soliden Kunst schließlich erlernte. Seine Gesellenjahre brachten ihn in der Alten und Neuen Welt herum und vermittelten ihm Eindrücke, die er mit der ihm eigenen Umsicht des genau Hinschauenden subtil umsetzte und verbreitete.

Von der Skulptur her entwickelte Fritz Schwegler seine Kunst über die Zeichnung weiter, in denen er seine Einfalle und Eingebungen skizzenhaft festhält. Die Notationen, von Schwegler Urnotizen genannt, verbinden Bild- und Textideen zu doppelbödigen Sinnzeichen, die gleichermaßen von erhellender Intelligenz und untergründigem Humor getragen werden. Aus den Notizen entstehen Bilder, die wie Bücher gelesen werden können, angefüllt mit verschlüsselten Bedeutungen und anhand der Texte rhetorisch erhöht.

Kunst ist für Fritz Schwegler das Wunder der Verwandlung, dessen Wesen sich der Erlärung entzieht, und er zitiert das Wort eines Freundes: "Kunst ist eine Waffe, die lebendig macht".


Ein gutes Vierteljahrhundert - von 1975 bis 2001 - war Fritz Schwegler Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, zunächst für Malerei, seit 1985 dann für Bildhauerei. In dieser Zeit wirkte er prägend auf unzählige junge Künstler und trug maßgeblich dazu bei, den national wie international außerordentlich guten Ruf der Düsseldorfer Hochschule zu festigen.

In Schweglers Klasse ging es stets darum, die eng gezogenen Grenzen von Gattungen und Begriffen zu sprengen: Malerei akzeptierte er nur, wenn sie die Malerei überwand, Skulptur nur dann, wenn sie die traditionellen Vorstellungen von Skulptur hinter sich ließ, Photographie nur dann, wenn sie das anschmiegsame technische Medium gegen den Strich bürstete. Dieser im Grunde sehr strenge und konzeptionelle Ansatz schloss aber keineswegs von vornherein alles Spielerische und Experimentelle aus; er ließ auch Raum für den überraschenden Einfall, für Ironie und Humor. Insgesamt wollte er zu einem reflektierten künstlerischen Arbeiten anleiten, das aus individuellen Erfahrungen allgemeingültige Formulierungen destilliert.

Die Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf wurde zuvor im Museum Kurhaus Kleve gezeigt und wird von Dr. Helga Meister kuratiert. Sie zeigt Werke von 22 ehemaligen Schwegler-Schülern, die inzwischen markante Positionen im zeitgenössischen Kunstgeschehen bezogen haben: Bilder und Skulpturen, Objekte und Installationen, Filme und Photographien. Das Projekt steht unter dem Motto eines Werktitels von Fritz Schwegler, der sein Vertrauen in die schöpferische Kraft des Menschen unterstreicht: "Und keiner hinkt"

Thomas Bernstein, geb. 1957 in Mündersbach (Westerwald), lebt und arbeitet in Düsseldorf
Michael Cleff, geb. 1961 in Bochum, lebt und arbeitet in Bochum und Hattingen
Alice Creischer, geb. 1960 in Gereistem, lebt und arbeitet in Berlin
Thomas Demand, geb. 1964 in München, lebt und arbeitet in Berlin
Stefan Demary, geb. 1958 in Troisdorf, lebt und arbeitet in Düsseldorf
Elke Denda, geb. 1956 in Oberhausen, lebt und arbeitet in Düsseldorf
Katharina Fritsch, geb. 1956 in Essen, lebt und arbeitet in Düsseldorf
Lothar Hempel, geb. 1966 in Köln, lebt und arbeitet in Köln
Martin Honert, geb. 1953 in Bottrop, lebt und arbeitet in Düsseldorf und Dresden
Thomas Huber, geb. 1955 in Zürich, lebt und arbeitet in Düsseldorf
Julia van Koolwijk, geb. 1968 in Düsseldorf, lebt und arbeitet in Düsseldorf
Alexej Koschkarow, geb. 1972 in Ulan Bator (Mongolei), lebt und arbeitet in Düsseldorf
Simone Letto, geb. 1965 in Stuttgart, lebt und arbeitet in Düsseldorf
Paul Luckner, geb. 1960 in Mettmann, lebt und arbeitet in Düsseldorf
Christian Müller, geb. 1961 in Wolfenbüttel, lebt und arbeitet in Düsseldorf
Christian-Philipp Müller, geb. 1957 in Biel, lebt und arbeitet in New York
Gabriele Rothemann, geb. 1960 in Offenbach, lebt und arbeitet in Weimar
Viola Rusche, geb. 1960 m Kiel, lebt und arbeitet in Berlin
Klaus Richter, geb.
Stephan Sachs, geb. 1958 in Pforzheim, lebt und arbeitet in Düsseldorf
Wolfgang Schlegel, geb. 1956 in Gefrees (Oberfranken), lebt und arbeitet m Berlin
Jan Schüler, geb. 1963 in Gießen, lebt und arbeitet in Düsseldorf
Torsten Slama, geb. 1967 in Schwarzach (Österreich), lebt und arbeitet in Berlin
Klaus Tesching, geb. 1951 in Gladbeck , reist und lebt in Münster
Norbert Wehner, geb. in D-dorf, lebt
Etienne Szabo, geb.


Im Rücken einen Sägelsteb- Fritz Schwegler

Text aus Kunst in Düsseldorf 1988

Fritz Schwegler (*1935, Breech/Schwaben) war von 1982 bis 1988 Dekan für den Fachbereich II (Künstlerisches Lehramt) an der Kunstakademie Düsseldorf. Er ist seit 1985 Präsident des Internationalen Künstlergremiums. Er wurde bei einem der Verwirrspiele am Eiskellerberg im Januar 1985 zum Direktor gewählt, nur für einige Tage, bis die damalige Leiterin Irmin Kamp ihren Rücktritt wieder rückgängig machte. Fritz Schwegler ein Verwaltungstalent? Mitnichten. Eher ein reiner Tor. »Ich tue niemandem weh und vermittle. Das ist ein gutes Stück Dummheit. Die anderen zieren sich oder haben Angst.«

Schwegler ist nicht der Held der Kunstszene. Er hat in seinem Raum Nummer 118 in der Kunstakademie noch immer jenen ramponierten Koffer im Schrank, mit dem er 1972 bei Alfred Schmela auftauchte und den Galeristen so faszinierte, daß der ihm die erste Einzelausstellung ermöglichte. Das Gepäckstück wurde sein Fetisch, seit er 1973 an der Kunstakademie unterrichtete und 1975 zum Professor für Malerei avancierte. Ein Koffer für den fahrenden Gesell, mit einem Loch für den Spazierstock. Im Innern befindet sich eine Hutschachtel, aus der sich der Zylinder herausziehen und auf dem Kopf befestigen läßt. Der Chapeau eines Clowns. Der Blumentopf ist leicht lädiert, der Kunstprofessor kann ihn bei Bedarf auf dem halb geöffneten Schirm balancieren (»da muß man schon aufpassen, daß der Topf nicht runterfallt«). Auch das zerzauste Geäst hat die Zeiten überdauert. Wie ein Eulenspiegel hält es Schwegler hinter dem Kopf, schiebt es wie eine Wünschelrute an den Haaren vorbei, flattert mit einem weißen Tuch »für die Baumkrone« und doziert mit dem größten Ernst: »Es gibt eine neue Sprache, die heißt Baum.« Der Koffer enthält allerdings auch ein Rasiermesser. Man kann nie wissen.

»Ich habe meine Auftritte, um die Bilder zu vertreten. Beim ersten Anblick sehen die Leute, daß meine Arbeiten gut sind. Aber dann haben sie die Sicherheit nicht und gehen weiter. Dem muß ich Rechnung tragen und durch meine Person dazustehen. Solange ich lebe, kann ich meine Person dazugeben.«

Seine Bilder: »auf welche Weise ein immer immer über alles ist« sagt er 1982 und erklärt 1987: »Es geht um das Höchste, das Bleibende. Das ist immer mein Thema gewesen. Das kann man nicht fassen, da kann man nur Zuordnungen schaffen. Sage ich Kunst, dann habe ich einen Begriff, der festgelegt ist. Deshalb kann ich mit dem Begriff nicht sehr viel machen. Ich muß ihn jedoch vertreten. Ich kann nur ein Fenster öffnen.«

Zu seinem nur scheinbar dadaesken Satz von dem »immer« malt er ein himmlisches Blau, nimmt den Zylinder aus dem Clowns-Koffer und setzt ein Auge obenauf. Ein Zylinder ist ein Hut, und ein Hut ist ein »Hüter«. Auf der Hut sein. Er kann behüten. Schwegler knüpft beim Wort an, wenn er ein Bild malt, führt es »höher«, wie er sagt, aber verbindet es auch mit dem Alltag.

Er fängt seine theatralischen Auftritte, seine Sprach- und seine Sinn-Bilder zufällig an. Mit einem, »A wie Auto« etwa, so auf der Documen-ta 1987 in Kassel bei einer Performance. Und assoziiert: »A wie Alles«, aber auch das »A des Todes«. Seine Bemerkung: »A ist leicht und erhebt keine Ansprüche.« »A-Leisten« nennt er seine Folgen ab 1985, und erklärt: »Die Hilfe von der Sicherheit befreien.« Ständig »leistet« er eine Grenzüberschreitung.

Ein Fußgänger der Luft, der auch auf Erden bewandert ist. Denn als Neunzehnjähriger war er nach fünf Lehr- und Gesellenjahren mit 12,50 Mark Bargeld in die weite Welt gezogen, hatte sich in 25 Städten der Welt verdingt und kehrte erst 1958 zurück, mit unzähligen Bildern im Kopf. Die Zeit der Ausbildung ging weiter: Meisterschule für Holzbildhauer in Stuttgart, 1959 Meisterprüfung und Werkstattleiter im Stuttgarter Jugendhaus bis 1963; zwischendurch ab 1961 Student der Kunstakademie Stuttgart und von 1963 bis 1964 Student der City and Guilds Art School of London.

Bei all diesem Wandern und Lernen wurden kleine Zettel besonders wichtig. Von 1962 stammen seine ersten »Urnotizen«. Er schafft sie immer noch, oder besser, »sie laufen ihm zu«. Einfalle. Sinnsprüche. Prosatexte. Partituren. Dingdarstellungen. Er sammelt sie wie ein Buchhalter. In DIN-A-5-Leitz-Ordnern. Einfalle in Meterware. Derzeit ist er beim 82. Band. Und die Produktion hält an, fast täglich. 1969 entstehen die ersten »Effeschiaden« (bis 1972). »Effesch hört sich so schön an«. Effesch ist F und S, sind die Initialen von Fritz Schwegler. »EN« schreibt er noch heute unter die Blätter und Leinwandbilder. »EN heißt Einfallsnummer oder einfach Eine Nummer.« Die Bilder nimmt er wörtlich, und die Sprache bildlich. «Ich will etwas Unsichtbares sichtbar machen. Das Bild ist hierzu unmöglich. Ich will mit Sätzen etwas setzen, was nicht zu setzen ist, aber im Geist faßbar ist. Ich will in einem Wort alles reinnehmen, was Welt ist.« Aber bitte, mit System: Für die »Effeschiaden« malt er »Moritafeln« auf Pappe, mit den Texten in Kurzform; nennt diese Kurztexte »Effe-schiaturen« und hält Vorträge, die »Effeschiadiana« (bis 1973) mit »Moritafeln, Pfeif und Sang«. »Effeschille« war die dazugehörende Zeitung, sie ging allerdings mangels Käufer nach der ersten Nummer ein.

Auf der Spielstraße in München schmetterte er 1972 »das olympische Öle«, der »Moritafelsang« sollte an den Gruß der Gladiatoren beim Einzug in die Arena erinnern. »Morituri te salutant« hatten einst die Totgeweihten dem römischen Kaiser zugerufen. Siegen oder untergehen.»Ratat« (1974) ist Rat und Tat. Oder: »Wie einem ein Baum auf dem Kopf wächst.« Der Koffer erlebte seine große Zeit. Man kann die Effeschiadentexte auch mitsamt Bildern auf Theaterleinen malen, mit Goldrand versehen (»Goldrandler«) und als Einfall-Nummer 3815 eine Faust aus einem Ärmel wachsen lassen, die einem Kaktus wie einem Herzen gleicht. »Die Faust. Die hat schon manches schlimme angerichtet in Äug und Nacken. Die allgemeine, — nicht diese hier. Diese hier ist anders, wohlgemerkt, so bald man näher sie beschaut. Aus dem Ärmel, wenn der hochgehoben, kommen nicht die fünf Finger raus als Ballen, gefährlich knochig und bedrohlich, sondern ein weiches wohlbekanntes Förmchen: zwei Berge mit dem Einfinden in der Mitte. Es ist natürlich nur eine Hülle, angefertigt und auf die Hand gesetzt, damit man so ein Zeichen geben könne für eine Faust nicht wie üblich ist, zum Schlagen, sondern mehr zur Erinnerung, ob das denn hilft und nötig ist, oder besser mehr mit Herz plädieren.« (EN 3815)

Da zieht einer mit Worten und Bildern aus, um die eigene Angst zu besiegen. Und benutzt dabei eine Logik, die dem Wahnsinn nahe steht. Gesucht wird der Boden unter den Füßen, »wenn die Sachen schon irre sind.«

365mal gab es 1975 »Die Tägliche Jubelrolle« in der Kunsthalle Düsseldorf. Schwegler befand sich in einer Krise, erwähnte den Urwald als Zufluchtsort, und verordnete sich täglich ein Werk. Denn: »Fast alle Reisenden haben in ihrem Rücken einen Sägelsteb.« Sägelsteb? Oder Säbel? Segel? Stab? Ein Messer im Rücken?

»Satzgegenstände« stemmen sich den Sätzen entgegen, assoziieren Sprünge und Impulse. »100 Heidenhaussagenbogen« knüpfen in 50 fotografierten Häusergiebeln an der Alltagswelt an, doch am Ende der Reihe taucht das eigene Bild wieder hervor. »Pheine« (1976) ist »fein auf alte Weise«, ist aber auch Pein. Schwegler versucht es mit dem »Sinn-Durchkommen«, setzt das »Schriftbild« gegen das »Sichtbild«, gelangt zur »Eiwerdichtung« (1977) ... Ei wer? Wehr! Verdichtung. Wehrmut. Mut. . . . und zu »Erscheinungsmasznahmen« (1978), mit grünem Rand; schreibt die »Abulvenz« (ab 1980) und die »Ä-Leisten« ... und ist inzwischen beim Einfall Nummer 8216 angelangt.

Literatur:

Fritz Schwegler von Breech. Das unbewegliche Theater,
2 Bde. von Fritz Schwegler von Breech, u. a.

Hatje Cantz Verlag (September 2004)

Broschiert

Dreihundertfünfundsechzig Öffnungen, Die tägliche Jubelrolle von Fritz Schwegler

Kerber (März 2001)

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