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MILAN KUNC , geb, 1944 (Prag,Tschechei)
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Peinlicher Realismus, Punkpop

Der 1944 in Prag geborene Milan Kunc vermengt bewusst ironisch heroischen Kitsch des Sozialistischen Realismus mit gestalteter Werbung, indem er die Graphikikone CocaCola verfremdet und in kyrillischer Schrift in sein Originalgemälde einbringt (Punkpop).
Zusammen mit Hans-Peter Angermann und Jan Knapp bildete er die Grupppe NORMAL und agierte im Freundeskreis um die Gruppe Ata Tak in Düsseldorf.

Kunc emigrierte als Student 1969 in den Westen, studierte bis 1975 in Düsseldorf. 1992 wurde sein Werk in einer großen Ausstellung im Belvedere in Prag gewürdigt. Seine Arbeit bildet einen wesentlichen Beitrag zur Postmoderne.

Biographie:

1944 gebohren in Prag (CSSR)

1964-1967: Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Prag. Wegen angeblich mangelndem Talent musste er die Schule im 8. Semester abbrechen.

1969: bei Italienreise Zwangsemigration nach Deutschland da in seiner Heimat der "Prager Frühling" mit dem Einmarsch der russischen Truppen beendet wurde.

1970-1975: Studium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf in der Klasse von Joseph Beuys, dann ab ca. 1973 bei Gerhard Richter. Beuys schimpft ihn einen Werbemaler.

1974 beginnt er mit eher provokanten Bildern. Der von ihm entwickelte Stil wird als "Peinlicher Realismus" bezeichnet. Mit Peter Angermann und dem New Yorker Jan Knap bildet er die Künstlergruppe "Normal". Er wendet sich kurzzeitig der Abstraktion zu. In ironischer Ablehnung des "PopArt" entsteht der Ost-Pop mit Elementen aus Werbung, Photographie und Strassenkunst. 1978 Zusammentreffen mit der Gruppe Ata Tak (Moritz Reichelt) und erste Straßenaktionen in Wuppertal 1979.

ab 1980 setzt er sein künstlerisches Programm "Internationale Folklore" um, eine allgemein verständliche Kunst für das Volk.

Nach Erfolgen in Frankreich und den USA ( hier zeigen die Künstler George Condo,Kenny Scharf ,Ronny Cutrone und Keith Haring eine vergleichbare Malerei) zieht er sich mehr zurück. Reisen nach Amerika und in den Orient folgen.

1984 greift er wieder mehr landschaftliche Elemente auf, aber auch aus der Comic-Kunst.

1987 Reise nach Rom, bleibt dann 2 Jahre dort.

Lebt dann abwechselnd in Deutschland und in der Toscana. Die toskanische Landschaft prägt seither auch sehr seine Malerei.

Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs lebt er auch in der Tschechei.


Milan Kunc als >sozialistischer Realist < (siehe Immendorf) malt ironisch-trotzige Bilder, die immer auch wirkliche (d.h. normale = vernünftige) Bilder sein wollen. Über die Rettung der Malerei wird gegrübelt, das so schwere Geschäft des Bilder-Machens im Bildermachen abgehandelt, eine »radikal seriöse Haltung« angesichts der »peinlichen Lage der Welt«.

Milan Kunc malt melodramatische Allegorien, die manchmal bis zu einer Art Emblem verkürzt werden Ironie ist schon dabei, aber im Grunde ist alles auch ernst gemeint. Die ironische Komponente entsteht -wie bei Angermann und Knap - immer auch durch die Konfrontation dieser Kunst mit diesem Kunstbetrieb. Daher spricht Kunc auch davon, daß seine Bilder »Kunst der Zukunft« seien. Im Grunde will Kunc die auseinanderfallenden Wirklichkeitsbilder im Pathos seiner Wahrhaftigkeit, seiner >Normalitdt< zusammenzwingen. Er ist überzeugt, daß die >alten Medien< - Fernsehen, Video, Werbung, Illustrierte usw. - abgewirtschaftet haben, daß sie nur zerstreuen und daß die gemalten Bilder für die Menschen so etwas wie eine Rettung sein könnten. Die Suggestion, die Präsenz von Malerei, wie in den Bildem etwas realisiert wird und den Menschen vor Augen steht, das sollte ihre Energien sammeln und konzentrieren, so daß ihre Wahrnehmung auf die eigentliche, die >wirkliche< Wirklichkeit gelenkt würde. Wenn seine Bilder gelingen, sollen sie letzlich sein wie Ikonen, ruhig und stark in ihrer Wirkung. Im Todesengel (1982) nimmt Kunc die alte Allegorie des Sensenmannes auf. Vor violett-braunem Grund schwebt eine Gestalt mit rosa-gelben Augen, die wie auf einem Servierbrett das buntkolorierte Tableau eines ganz normalen Herzinfarktes trägt: Tod beim Wochenend-Autowaschen oder: das Leben vom Tod umfangen, |edem sein eigenes besonderes Tableau. Das ist so komisch wie ernst und so ernst wie komisch. Gemalt ist das keineswegs >wild<, sondern eher glatt akademisch mit einer Tendenzzum Klassizismus. Da ist eine lapidare,einfache Haltung spürbar, die dem Bild (und dem Betrachter) eine Art Wahrhaftigkeit zumutet, wie man sie in Moritaten oder auf alten Votivtafeln findet. Dort werden diese Bildervom christlichen Glauben getragen, hier bei Kunc ist die Frage, ob der Maler mit seiner Inhaltsmalerei und seiner >normalen< Redeweise im ästhetischen Pluralismus des Kunstbetriebs den Betrachter tiefer trifft, oder ob er mehr ästhetisches Spiel, Abwechslung bringt.

Eine Frage, die offen bleibt. Wie immer, wenn Glaube im Spiel ist, bleiben die >Magier<, die >Primitiven< - wie Rousseau, aber auch wie Herbert Achternbusch — eigentlich unangreifbar, unangreifbar und fremd im Pathos ihres Fatalismus und ihrer Naivität.

Kann sein, eine Vermittlung, die den Bildern so folgt, erscheint schließlich genauso penetrant wie die Bilder selbst, wenn ja, muß ich das wohl akzeptieren. Aber wenn einem auch schwindlig wird bei dieser Geschmacksakrobatik, was kann schon passieren, aus dem System Kunst fallen weder Künstler noch Vermittler, noch Betrachter heraus. Über die generelle Weigerung der jungen Maler, wieder einmal eine Avantgarde abzugeben, ist oft geschrieben worden. Milan Kunc hat den »wahren Avantgardisten« gemalt, der nicht in die Schublade paßt. Die Gruppe >Normal< hat in den siebziger Jahren — Kunc mit seinen Straßenaktionen, Angermann mit der Gruppe >Yiup< - die Position der Konzept-Art durchgearbeitet, Kunst als Metakunst, Kunstüberdie Unmöglichkeit, Kunst zu machen. Ihre jetzige Position ist auf typische Weise »postmodern«: Da man die Kunstgeschichte nicht zerstören kann -was auch nur Schweigen bedeuten würde (Rauschenberg, der eine de Kooning-Zeichnung ausradiert) - schaut man sie auf neue Weise an, mit Ironie, hoffend, daß, wenn schon nicht Unschuld und Neubeginn, sich doch Lust und ein Funken Wahrheit (= Leben) ergeben könnten. Wie malt man 1984 ein >schönes< Bild oder ein Bild der >Schönheit< - wo doch alles schon tausendfach gesagt ist und ständig gesagt wird und alle das wissen? Milan Kunc legt einen weißen Rükkenakt, das Zitat einer Venus seines großen Kollegen Velazquez, vor leuchtend rotem Himmel auf einen Stapel alter Autoreifen — vielleicht so, oder wie anders?

Die postmoderne Haltung erscheint mir wie die eines Mannes, der eine kluge und sehr belesene Frau liebt und daher weiß, daß er ihr nicht sagen kann: »Ich liebe dich inniglich«, weil er weiß, daß sie weiß (und daß sie weiß, daß er weiß], daß genau diese Worte schon, sagen wir, von Liala geschrieben worden sind. Es gibt jedoch eine Lösung. Er kann ihr sagen: »Wie jetzt Liala sagen würde: Ich liebe dich inniglich.« In diesem Moment, nachdem er die falsche Unschuld vermieden hat, nachdem er klar zum Ausdruck gebracht hat, daß man nicht mehr unschuldig reden kann, hat er gleichwohl der Frau gesagt, was er ihr sagen wollte, nämlich daß er sie liebe, aber daß er sie m einer Zeit der verlorenen Unschuld liebe Wenn sie das Spiel mitmacht, hat sie in gleicher Weise eine Liebeserklärung entgegengenommen Keiner der beiden Gesprächspartner braucht sich naiv zu fühlen, beide akzeptieren die Herausforderung der Vergangenheit, des langst schon Gesag ten, das man nicht einfach wegwischen kann, beide spielen bewußt und mit Vergnügen das Spiel der Ironie Aber beiden ist es gelungen, noch einmal von Liebe zu reden.

Umberto Eco, 1984 - im Katalog der Ausstellung " Von hier aus "1984, Düsseldorf