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Unterschied zwischen Klassik und Romantik

 

Der Begriff Romantik bezeichnet eine Geisteshaltung und keinen Epochenstil. Man sieht im Romantiker den irrationalen Geistestypus überhaupt. Die Romantische Bewegung um 1800 ist nur die besondere Erscheinungsform einer latent stets vorhandenen Einstellung zur Welt. Vor allem die deutsche Forschung neigte zu antithetischer Herausarbeitung zweier polar entgegengesetzter Idealtypen und stellte etwa »Deutsche Klassik und Romantik« als »Vollendung und Unendlichkeit« einander gegenüber (Fritz Strich). In der Kunstgeschichte hat Georg Dehio diese dualistische These vertreten, das "gotisch", "barock" und "romantisch" nur verschiedene Namen für dieselbe Geisteshaltung sind.

Die künstlerischen Entdecker der Welt und des Menschen müssen zwischen zwei Alternativen ihre Entscheidung treffen. Entweder abstrahieren sie von den Erfahrungsdaten auf Regel und Regelmaß, und behaupten deren objektive Gesetzmäßigkeit (Klassik), oder sie lassen jedem Stück Wirklichkeit seine einmalige, flüchtige, unwiederholbare Ausprägung (Romantik). Dort verlangt das Allgemeine, hier das Besondere sein Recht. Ein Weltverständnis, das aus religiosen oder philosophischen Überzeugungen den Menschen als zentrale Sinnfgur der Schöpfung auffaßt, kann nicht umhin, dieser Vorbildlichkeit sichtbaren Ausdruck zu suchen. Der in Tat und Erscheinung exemplarische Mensch wird zum idealen Thema der großen Figurenkomposition. Er zieht also dasformale Streben nach dem Typus, nach der allgemein verbindlichen Form auf sich, indes die Landschaft der empirischen Entdeckungsfreude an der flüchtigen Erscheinung offensteht: sie ist die anschauliche Summe einer Wirklichkeit, deren Vielfalt sich nicht zum Ideal läutern und kodifzieren läßt. Das sind, schematisch gesehen, die extremen Möglichkeiten, zwischen denen in der künstlerischen Praxis mannigfache Kompromisse stattfinden: in der idealen Landschaft des 17.Jahrhunderts gelingt sogar eine Synthese. Dennoch ist festzuhalten, daß seit Alberti (Renaissance) die Bedeutungsebene der »Landschaft unter der des "Erhabenen Gegenstandes" liegt. Dem idealen Formgebilde wird der höhere, würdigere Denkinhalt zugebilligt. Hier geht es um geistige Erhebung, während die Landschaft nur die Sinneswahrnehmung des Betrachters befriedigt.

W. Hofmann (Hrsg),CDF- Kunst um 1800, Prestel Verlag,1981

Damit ist die Frage nach dem Verhältnis von Klassizismus und Romantik gestellt. Sie wird in der Gegenwart anders beantwortet als in früheren Jahren. Die ältere Forschung hob - wie wir wissen - auf den Kampf zweier feindlicher Prinzipien ab und sah in diesen »die für uns letzten ganz klaren Erscheinungsformen der beiden polar entgegengesetzten Richtungen des Kunsttriebes überhaupt« (Gustav Pauli). Heute hingegen hat man Klassizismus und Romantik als verschiedene Lösungsversuche für dieselbe geschichtliche Situation am Beginn der Moderne erkannt. Unbeschadet der Tatsache, daß sie im historischen Ablauf nacheinander wirksam geworden sind, entsprangen beide derselben Wurzel und waren eher Parallelerscheinungen als Gegensätze.

Schon der Literaturgeschichte, der jene scharfe Trennung zuzuschreiben ist, fällt es schwer, die alte Periodisierung beizubehalten. Gerade die größten Dichter - Goethe, Hölderlin, Kleist - widerstehen einer solchen Klassifizierung. Es ist eine »romantische Griechenauffassung«, die uns in Schillers »Götter Griechenlands« begegnet. Auch Beethoven läßt sich diesem polaren Schema nicht einfügen. Noch deutlicher als in der Literatur oder der Musik trägt der Klassizismus aber in der Architektur und in der bildenden Kunst romantische Züge, so daß mit Recht von Romantischem Klassizismus gesprochen werden kann.

 

 

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