<<


Theorie der Romantik, Bildthemen der Zeit von 1800 bis 1850

Versteht man die Romantik primär als eine Sehnsucht, das infolge des neuen Bewußtseins zerbrochene harmonische christliche Weltgefüge wieder als organisches Ganzes zu sehen und somit zu versuchen, die in der Konfrontation des Chaos erkannten Gegensätze miteinander zu versöhnen so lassen sich darin auch Bezüge zu Tendenzen herstellen, die bis in unsere eigene Zeit hineinreichen.

Man ist im allgemeinen heute der Auffassung, daß die jungen Romantiker einen ursächlichen Zusammenhang empfanden zwischen dem Verlust der Religion, die einst selbstverständliche Lebensgrundlage war, und der ihnen fragwürdig gewordenen richtungslosen Gegenwart. Bereits Ludwig Fernow (1806) sah die Kunst „der Stütze, aber auch des Zwanges der Religion enthoben" und daher auf sich selbst angewiesen.

Daraus ergab sich als Konsequenz die Suche nach religiöser Erneuerung, die den neuen Erkenntnissen der Zeit hinsichtlich Philosophie, Naturwissenschaft und Geschichtsverständnis möglichst entsprechen sollte, um somit wieder einen Halt für das Bewußtsein des Menschen in der neuen Zeit zu erbringen. Die Verschiedenheit der Auffassungen konnte jedoch in der Folge nur zu einer Vielfalt von Lösungsmöglichkeiten auch im Künstlerischen führen.

Dabei sind hauptsächlich eine protestantische und eine katholische Richtung zu unterscheiden. Philipp Otto Runge und Caspar David Friedrich, als Protestanten traditionell einer dem persönlichen Gewissen verpflichteten Weltfrömmigkeit zugewandt, waren als die bedeutendsten Vertreter der norddeutschen Romantik die ersten, die einen neuen Weg beschritten, indem sie im Sinne Friedrich Schlegels eine >neue Mythologie< zu schaffen suchten.

In einem oft zitierten Brief Runges an seinen Bruder Daniel vom Februar 1802 bekannte er sich gegen den von Weimar proklamierten Primat der Antike als kunstästhetisches Ideal . Für ihn, den auch die überkommenen christlichen Themen nicht mehr inspirieren konnten, >drängte alles zur Landschaft<. In diesem (damals als ganz untergeordnet angesehenen) Fach müsse auch ein höchster Punkt zu erreichen sein. Wie auch schon Novalis und Ludwig Tieck sah er in der Natur hieroglyphenhaft die Handschrift Gottes geoffenbart.

Doch während Runge seine subjektiven Vorstellungen spiritualisierter Natur als Allegorien formulierte, setzte Friedrich diese neuen Ideen des früh Verstorbenen in seine Landschaftsbilder um, was zugleich einen radikalen Bruch mit der bisher gültigen christlichen Vorstellungswelt bedeutete. Ihr christologischer der Naturphilosophie Schellings nahestehender Sinngehalt ist meist schwer zu entschlüsseln und steht spekulativen Interpretationen leicht offen, da auch Friedrich sich in seinem künstlerischen Schaffen einer ganz subjektiven ikonographischen Sprache bediente. Für ihn galt der Grundsatz: »Keiner ist Maßstab für alle, jeder nur Maßstab für sich und für die mehr oder weniger ihm verwandten Gemüter.« Deutlicher läßt sich die Verpflichtung zu künstlerischer Individualität kaum ausdrücken. Die subjektive künstlerische Umsetzung der empfundenen Naturoffenbarung Gottes in eine vollkommen neue Bildsprache setzte sozusagen voraus, daß der Betrachter bei der Interpretation ebenso subjektiv verfahren konnte. (...)

Die Ausdehnung seiner unendlich weit erscheinenden Bildräume ist in der Regel ebenso schwer abzuschätzen wie die einzelnen, abrupt hintereinander gestaffelten Raumabschnitte , die - wie die felsige, Bergspitze auf dem Tetschener Altar- meist versatzstückhaft wirken und so zur so zur Suggestivität der Bildwirkung beitragen. Diese, der rationalen und praktischen Erfahrung sich entziehenden Räume öffnen sich ihrerseits der schöpferischen Phantasie des Betrachters, oder, wie es Friedrich Schiller sagt, sie wirken »musikalisch« und können somit menschliches Empfinden darstellen.

So ähnlich Friederichs Landschaften ihrem objektiven Bildgegenstand nach scheinen, so sind sie doch nach ihrem Inhalt gänzlich verschieden So äußerte sich jedenfalls Friedrich de la Motte- Fouquet. Während eines Besuches im Atelier von Caspar David Friedrich im Juli des Jahres 1822 fragte dieser: >Finden Sie mich denn auch so einförmig? Man sagt, ich könnte durchaus nichts malen als Mondschein, Abendrot, Morgenrot, Meer, Meeresstrand Schneelandschaften, Kirchhöfe, wüste Heiden, Wald, Klippen, Täler und Ähnliches. Was meinen Sie dazu?« Worauf de la Motte-Fouquet entgegnete: »Ich meine, daß man unermeßlich Vieles in dergleichen Gegenständen malt, wenn man denkt und mal: wie Sie. «

aus Christoph Heilmann, in Deutsche Romantiker, Bildthemen der Zeit von 1800 bis 1850, München 1985 S. 12-14

kunstwissen.de

 
>