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Renaissance Malerei ( 1400-1530)

„Um eine schöne Frau zu malen, muß ich mehrere Schöne sehen, und zwar unter der Bedingung, daß Eure Herrlichkeit bei mir ist, um die beste auszuwählen. Da es aber an klugen Richtern und schönen Damen mangelt, bediene ich mich einer gewissen Idee, die mir in den Sinn kommt", schrieb 1514 Raffaello Santi (Raffael, 1483-1520) an einen Freund.

Raffael, Leonardo da Vinci (1452-1519) und Michelangelo Buonarroti (1475-1564) gehören zu den bekanntesten Künstlern der Hochrenaissance. Sie maßen der Darstellung von Schönheit religiösen Wert bei. Der Mensch war nach Gottes Ebenbild geschaffen, die Kunst sollte ihn als Sinnbild der Schöpfung sichtbar machen. Wissenschaftler und Künstler sahen diese religiös begründete Schönheit nur in naturgemäßer Gestaltung verwirklicht. „Dann so es der Natur entgegen ist, so ist es bös", schrieb Albrecht Dürer bezeichnend über das gemalte Bild dieser Zeit. Aber nicht allein die exakte Wiedergabe natürlicher Formen, sondern mehr noch die Ermittlung der „wahren" und „schönen" Proportionen beschäftigte die Renaissancekünstler. Wie für die Architektur fanden sich auch für die Malerei antike Vorbilder. Die wirtschaftliche und geistige Umwandlung gab der Einbeziehung antiker Kunst gegenüber dem Mittelalter einen veränderten Stellenwert. In ihr bot sich die Möglichkeit der Erhöhung in allen menschlichen Bereichen, die durch die christliche Lehre keine Verklärung erfuhren (Ruhm, Eros, Geschichte usw.). Zwar wurden antike Fresken und Vasenmalereien erst sehr viel später - im 18. und 19. Jahrhundert - entdeckt, doch bot die antike Skulptur genügend Anregung für Studien von Maßverhältnissen.

Für die Malerei der Frührenaissance wurde die Lehre der Perspektive formbestimmend. Die Entdeckung, daß Gegenstände, je entfernter sie sich vom Betrachter befinden, desto kleiner wirken und daß Parallelen in der Raumtiefe zur Annäherung führen, bis sie im sogenannten Fluchtpunkt zusammenlaufen, fand in zahlreichen Bildern ihren malerischen Ausdruck.

Darstellung von Körperlichkeit und Raum waren durch naturgemäße Gestaltung, Ebenmaß, Klarheit, geschlossene Ordnung und Symmetrie gekennzeichnet. Beliebte Schemata im Bildaufbau wurden das gleichschenklige Dreieck, die Pyramide und der Kreis.

In Bildern des Florentiners Leonardo da Vinci zeigt sich erstmals ein pyramidaler Aufbau. Seine Darstellung der Anna Selbdritt (1507) beeinflußte entscheidend die nachfolgende Malerei. Die Figuren sind in einer Dreieckskomposition angeordnet, die trotz der impulsiven Bewegungen einen ruhigen, geschlossenen Eindruck vermittelt. Zum neuen Bildaufbau treten eine bisher nicht gekannte, kosmische Landschaftsschilderung und die von Leonardo überlegt angewandte Luftpersepektive. Landschaftsbilder waren in der Frührenaissance immer nochin erster Linie Hintergrundsgestaltung.

Bei Leonardo wird die Landschaft zum Stimmungsträger, zum Spiegel seelischer Empfindungen. Ähnlich wirkt seine malerische Umsetzung der Luftperspektive, die besagt, daß zunehmend entfernte Gegenstände ihren farblichen Wert ändern und einander angleichen. Die „Sfumato"-Malerei Leonardos überzieht als rauchiger Schleier mit verschwimmenden Umrissen nicht nur den Bildhintergrund, sondern auch die vordere Figurenszenerie.

Raffaels Madonnen- und Heiligenbilder betonen besonders den seelischen Ausdruck. Es geht ihm mehr noch als Leonardo um Klarheit und Geschlossenheit im Bildaufbau. Er übernimmt die pyramidale Komposition und entwickelt sie konsequent zum gleichschenklig dreieckigen Schema. Raffael leistet in seinem Werk einen wesentlichen Beitrag zu einer charakteristischen Neuschöpfung der Renaissancekunst, der Sacra conversazione. In diesen Bildern thronender Madonnen im Gespräch mit Heiligen und Engeln ist alles Zeremonielle und Höfische der früheren Darstellungen verschwunden. Das Irdische und Menschliche überwiegt hier wie in den Madonnenschilderungen, von denen die Madonna della Sedia ( 151 3/l4) am vollendetsten komponiert ist. Als Bildform wählte Raffael den Tondo, die Kreisform, als Sinnbild der Vollkommenheit. Die Figurenkomposition paßt sich zwanglos und natür1: h dem Rundrahmen an. Maria, volkstümlich in Bauerntracht gekleidet, hält das Jesuskind in ihren Armen. Bewegung, Haltung und Blickzuwendung wiederholen innerhalb der Bildfläche die Kreisform des Rahmens.

Auch von Michelangelo kennen wir einen Tondo. Die Madonna Doni (1504) zeigt jedoch, daß er kein Andachtsbild schaffen wollte. Die nackten Gestalten im Hintergrund und die heroische Darstellung der Heiligen Familie deuten auf die Absicht, antike mit christlichen Vorstellungen zu verschmelzen. Das Bild zeigt weder die Gefühlstiefe von Leonardo, noch die Ruhe und Ausgewogenheit von Raffael. Statt dessen begegnet uns eine klare, detailbetonte Malweise, die mehr vom Verstand als vom Gefühl bestimmt zu sein scheint. Die knieende Maria bildet die bevorzugte Dreiecksform, hier jedoch überlagert von einer komplizierten, spiralförmigen Bewegung aus den Körpern Marias, Josefs und des Kindes. Diese spannungsvolle Unruhe und das für die spätere Plastik grundlegende Motiv der „figura serpentinata" reiht den Tondo in jene Werkgruppe Michelangelos ein, welche ihm den Namen „Vater des Manierismus" eintrug.

 

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