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Camille Pissarro (18?? - 1903)

Die Staatsgalerie Stuttgart feiert den französischen Impressionisten -in seiner ersten deutschen Retrospektive. Und würdigt einen Workaholic und farbobsessiven Wegbereiter der Moderne, der einst als malender „Gemüsebauer" verhöhnt wurde.

Der Maler, das ist offensichtlich, muss in diese Landschaft nahe Paris vernarrt gewesen sein.Auf seinem Bild schweben die sehnigen Wolken fast schon wie gute Freunde über fleckig buntenWiesen und einem hellgrau klaren Fluss. Selbst die angedeuteten Fabrikschlote im Hintergrund können diese Idylle nicht vermiesen: Ein fast naiver Sommertagstraum in Öl also, wäre da nicht der eigentliche, irgendwie geheimnisvolle Hauptdarsteller - das sinnlich flirrende Licht.

Der Franzose Camille Pissarro schwelgte auf seiner 1873 entstandenen Flussansicht „Die Oise bei Pontoise" in Helligkeit, und das, ohne die Somne zu zeigen. Sie spiegelt sich, was viel effektvoller ist, im strahlendenWeiß derWolken wider, lässt das Gras leuchten und die Konturen der Häuser weich erscheinen. Alles in wilden Farbstrichen und -tupfern, die Pissarro mit einem groben Pinsel rasch aufgetragen hatte.

Denn dem besessenen Maler, damals 43 Jahre alt, ging es nicht um das Dogma des Details, sondern um das virtuose Spiel der Pigmente, die sich erst beim Betrachten wie durch ein optisches Wunder zum vollständigen Bild zusammenfügen. Und mit eben diesem Kunst-Griff becirct das Gemälde das Auge. Wie alle Bilder Pissarros - die sein bissiges Publikum so in Rage brachten.

Er war nicht der Einzige, der wegen seiner neuartigen Kleckserei verteufelt wurde. Seinen zehn Jahre jüngeren Kollegen Paul Cezanne und Claude Monet, ebenfalls dem knisternden Reiz der Farben verfallen, erging es kaum besser. Doch werden sie heute neben Edouard Manet oder Auguste Renoir als Stars ihrer Epoche gefeiert; Pissarro gilt bestenfalls als originelle Randfigur.

Zu Unrecht, wie die Staatsgalerie Stuttgart mit einer opulenten PissarroRetrospektive beweisen will - der ersten in Deutschland überhaupt,würdigt sie den lange unterschätzten Maler mit 90 seiner Werke.

Pissarro das wird knapp ein Jahrhundert nach seinem Tod endgültig klar, malte einfach zu modern und war überhaupt eine Spur zu früh dran: Wie sonst nur sein Freund van Gogh erfllte er deshalb das - spätere - Opern-Ideal eines leidenschaftlichen, aber brotlos hungernden Künstlers.

Seinen Zeitgenossen erschien er so suspekt wie hundert Jahre später der Hippie den seinen. Er arbeitete - wie absurd, gab es doch bequeme Ateliers - am liebsten in der freien Natur. Und er übersetzte spontan in Pinselstriche, was er sah, mehr noch: wie sich das Sehen anffühlte.

Ihn faszinierte, wie das wechse}nde Licht die Farbtöne der Natur veränderte. Kaum jemand konnte diese stete Flüchtigkeit,die changierende Atmosphäre so lebendig„ festhalten wie er. Und er revolutionierte die Landschaftsmalerei auch, weil er sie um qualmende Schornsteine als Zeugnisse seiner Jetzt-Zeit bereicherte.

Nur Das Publikum wollte gut gebaute antike Helden und heroische Landschaf en anhimmeln, alles unbedingt mit einer Moral im der Bild-Geschichte, aber doch keime Fabriken oder derbe „Bäuerinnen bei der Rast": zu viel banale Realität und noch dazu in diesem irren Geschmiere.Man konnte ja kaum etwas erkennen.

Auch die Jury des Salons, einer jährlichen Kunst-Schau in Paris und seinerzeit einziges Sprungbrett für die Karriere, lehnte Pissarros Bilder fast regelmäßig ab. Und als er sich 1874 mit einer Gruppe von Gleichgesinnten, darunter Cezanne, Monet und dem Ballerina-Fetischist Edgar Degas, erdreistete, eine eigene Ausstellung zu eröffnen, kam es zum Eklat.

Die Besucher spotteten über diese geballte Abkehr von jeglicher Konvention, in der das Wie mehr zählte als das Was. Ein Kritiker verhöhnte die Teilnehmer nach dem Titel eines Monet-Bildes, „Impression - aufgehende Sonne", als Impressionisten und, womit er aber dasselbe meinte, als „Wahnsinnige".

Die boshaftesten Attacken musste Pissarro einstecken. Hielt man ihn doch wegen seines biblischen Alters von Mitte vierzig und des langen Barts für den Moses dieser Impressionisten-Jünger. Der junge Cezanne lief kilometerweit, um mit ihm zu arbeiten. Pissarro hieß es umso hämischer, schrecke vor keinem Kohlkopf zurück: Man taufte ihn den „impressionistischen Gemüsebauern".

Als Fan outete sich nur der Schriftsteller und Kunstkritiker Emile Zola, der euphorisch die „unfehlbare Wahrheit" Pissarros pries. „Im Ubrigen", das verschwieg auch er dem Künstler nicht, „müssen Sie wissen, dass Sie niemandem gefallen."

Doch Pissarro war Niederlagen gewöhnt. Die erste und schwerste: dass er überhaupt Maler geworden war. Jedenfalls aus der Sicht seiner Familie, die sich einen Nachfolger für ihren Warenhandel auf der Antilleninsel Saint Thomas wünschte. Dort, wo Pissarro 1830 als drittes Kind einer anrüchigen Affäre zur Welt gekommen war. Sein Vater hatte sich mit der eigenen Tante eingelassen. Heiraten durften sie erst später.

Tatsächlich kehrte der Sohn, der in Paris die Schule besuchte, als 17-jähriger brav in die Karibik und ins Kontor zurück. Glücklich war er nicht. Aber erst als ein dänischer Künstler auf der Insel landete, schwante ihm der Grund: Er wollte malen. Mit dem dänischen Vorbild reiste er nach Caracas, zeichnete zwei Jahre lang und zog mit 25 Jahren nach Paris, in die Hauptstadt der Kunst, in der hunderte von Malern um einen Platz auf dem Kunstmarkt stritten. Pissarro, der noch studierte, aber schon alles Akademische verschmähte und stattdessen die neuen Freiluftmaler wie Camille Corot bewunderte, hatte es als Nachwuchs-Provokateur besonders schwer.

Was ihn nicht hinderte, eine Familie zugründen, mit Julie, dem Küchenmädchen seiner Eltern. Doch mit der Zahl der Kinder, acht insgesamt, stiegen die Schulden.Selbst auf dem Land, wo Pissarro ohnehin am liebsten lebte, reichte das Geld nie. Als 1870 der Krieg zwischen Deutschen und Franzosen ausbrach, musste der Künstler auch noch ein einjähriges Exil in London finanzieren - derweil daheim 1200 seiner Werke zerstört wurden.

1876 wollte der blanke Workaholic eine Lotterie mit seinen Gemälden veranstalten - selbst das ein Fehlschlag. Er musste, um den Lebensunterhalt zu verdienen, weiterhin Fächer und Vorhänge bemalen, seine Bilder aber für wenige Francs an den Konditor verscherbeln.

Pissarro blieb demnoch bewundernswert unangepasst und damit zum Leid seiner Familie, die mit ihm hungerte, auch erfolglos. Beharrlich drängte er den ungeliebten impressionistischen Stil ins Bewusstsein der Zeit: Als Einziger der alten Garde nahm er an allen acht Impressionisten-Schauen teil. Der Mann, der die pure Harmonie zu Bildern verwandeln konnte, verstand sich im Grunde längst als Anarchist.

Und als verzweifelter Optimist. Ein Künstler, schrieb der 53 Jahre alte Pissarro 1883 an seinen ebenso erfolglosen Maler-Sohn Lucien, habe in seinem Elend eine Hoffnung: einen Menschen zu finden, der ihn verstehe. „Und meistens kommt es so."

Es kam fast so. Pissarros Bilder wurden 1883 sogar in Boston gezeigt; sein Pariser Galerist eröffnete 1892 eine Solo-Schau, und es tauchten - Signal für Anerkennung - erste Kopien seiner Bilder auf.

Doch inzwischen'hatte Pissarro selbst begonnen, an seinem Stil zu zweifeln. Er war zwar immer noch auf der Suche nach dem „Klang der Farben", driftete aber in eine neue Richtung ab: Er versuchte sich, weniger überzeugend,immillimeterfixierten Pointilismus, wie ihn Georges Seurat oder Paul Signac Tupfen für Tupfen vormalten.

Als 1894 ein Malerfreund dem Staat seine Sammlung hinterließ, kam es erneut zum Skandal um frühere Werke: Politiker wollten das Erbe ablehnen, seien doch Pissarros darunter, „Schmutz" also. Eine Schmach, die den Trotzkopf Pissarro beflügelte. Mit über 60 Jahren war er wieder zu seinen impressionistischen Ursprüngen zurückgekehrt, und jetzt hob er zu ungewohnter Farbdramatik ab: wie auf dem Bild „Boulevard Montmartre, bei Nacht", einem schwammig gelben Lichtermeer vor schwarzblauem Himmel.

Endlich, um 1900, stiegen Renommee und Preise, kauften Museen in Berlin und Stuttgart Werke des 70-Jährigen, und gerade die biederen Deutschen lobten, dass er nicht wie ihre Künstler in historistischer „brauner Sauce ersoff", sondern mit semer Kunst lebte. Als Pissarro 1903 starb, wurden von Alexandria bis New York Nachrufe gedruckt. Allmählich ahnten die Franzosen, wen sie da verkannt hatten.

Kurz vor seinem Tod 1903 hatte sich das Licht-Genie selbst porträtiert, schwarz gewandet und mit Brille - wegen eines Augenleidens schmerzte ihn seit Jahren das bloße Sehen. Für ihn der geringste Grund, die Malerei aufzugeben.

Ulrike Knöpfel 1999 im Spiegel Nov 99

Camille Pissarro , Hatje Cantz Verlag

 

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