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Biedermeier - Das 19. Jahrhundert

Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon beginnt die Epoche der europäischen Nationalstaaten, in denen, begünstigt durch ein gewachsenes Bewußtsein der historischen Bedingtheit des jeweiligen geschichtlichen Augenblicks, ein starkes Bewußtsein nationaler Identität entsteht.

Mit historischem Bewußtsein hat der deutsche Idealismus, die wichtigste philosophische Strömung des beginnenden 19. Jahrhunderts, insofern zu tun, als er Natur und Menschheit gewissermaßen in Geschichte auflöst. Geschichte ist dabei die Selbstentfaltung des überindividuellen subjektiven Geistes.

Dem Idealismus antwortet der Materialismus von Karl Marx. Seine Kritik des kapitalistischen ökonomischen Systems ist zugleich philosophisch bedeutend als eine auf den Bereich grundlegender Arbeits- und Eigentumsverhältnisse bezogene Kulturkritik.

Marx bezieht sich vor allem auf die Folgen der industriellen Revolution. Sie begann im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in England, schritt schnell fort und führte zur Entstehung des Proletariats.

Neue Formen der Arbeitsverteilung gibt es auch in der Naturwissenschaft, die sich nun zu Einzelwissenschaften zergliedert und von der Philosophie löst. Die noch jungen Disziplinen der Biologie und Chemie ändern das Bild von der unbelebten und belebten Materie; Darwins Evolutionstheorie bedeutet eine Revolution des Menschenbildes.

Die Philosophie stellt sich in unterschiedlicher Weise auf die Triumphe der Naturwissenschaften ein. Der Positivismus (Auguste Comte) versteht Philosophie in Weiterführung des aufklärerischen Fortschrittsglaubens nur noch als Wissenschaft der Wissenschaft.

Wilhelm Dilthey dagegen führt die Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ein, Die Philosophie soll als "Kritik der historischen Vernunft" und "Anwendung des geschichtlichen Bewußtseins auf die Philosophie und ihre Geschichte" der Geistewissenschaft den Boden bereiten.

Im fließenden Verstehen und Erleben von "Weltanschauungstypen" will sich Dilthey dem Leben selbst nähern und spricht daher auch von Lebensphilosophie. Dieser Richtung werden auch Henri Bergson und in gewisser Weise Friedrich Nietzsche zugerechnet.


Biedermeier

Die hohen Ideale der Romantik haben sich schnell verbraucht. Aus dem allumfassenden, weitgespannten Weltgefühl wird schon bald eine auf das Kleine und Intime gerichtete Gefühlsseligkeit, aus der großen Natursicht die beschauliche Idylle ; aus dem Romantiker wird der Biedermeier», der treuherzig, aber geistig beschränkte, Spießbürger Die politische Situation nach 1815 hatte in Deutschland jede politische Aktivität lahmgelegt, die Menschen neigten zur Resignation und scheuen die Öffentlichkeit. Man entdeckt den Reiz häuslicher Behaglichkeit und versinkt hier in dem Traum von der «guten alten Zeit». Der Name «Biedermeier» ist ursprünglich ein Pseudonym, unter dem zwei Münchner Literaten satirische Gedichte auf diese kleinbürgerliche Gesellschaft veröffentlichen. Erst später wird die «Biedermeierzeit» zu einem festen kulturhistorischen Begriff für die Epoche zwischen 1815 und 1848, der Zeit also der «Restauration», in der Metternich durch die Errichtung eines neuen Obrigkeitsstaates den europäischen Frieden zu sichern gedenkt.

 

Spätestens die Märzrevolution von 1848 aber macht deutlich, daß das Bild vorn treuherzigen Biedermeier doch nur ein entstellendes Klischee war, daß hinter der Fassade von Ruhe und Ordnung der politische und geistige Widerstand gegen den reaktionären Absolutismus weiterhin besteht. Doch was diese Revolution als starke politische Willensäußerung unmißverständlich zutage bringt, nämlich die Emanzipation des «dritten Standes», eines seit 1789 gereiften Bürgertums, hat sich in der bürgerlichen Kultur der Jahre zwischen 1815 und I1848 bereits angekündigt. Weniger In den Bereichen der Bild- und Baukunst als auf den Gebieten der Innenarchitektur und der Mode kommt es zu neuen spezifisch bürgerlichen Ausdrucksformen, die erstmals eine klar erkennbare Alternative zu den bislang stilprägenden Formen der aristokratischen Kultur darstellen.

 

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