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Caravaggio, Michelangelo da, eigtl. Merisi( 1571-1610) Italien

Geboren in Caravaggio (bei Bergamo) 28.9. 1571,gestorben in Porto Ercole (bei Civitavecchia) 18.7. 1610.Seit etwa 1592 in Rom, seit 1606 in Neapel, auf Malta und in Sizilien tätig. Die von ihm entwickelte Helldunkelmalerei begründete einen neuen Stil (Caravaggismus) mit starkem Einfluss u.a. auf Rubens, Rembrandt, Velázquez. Der Naturalismus, mit der Caravaggio seine Modelle malte, brach mit dem Manierismus und wurde Vorbild für einen in der gesamten Barockmalerei verbreiteten Typus des Genrebildes:Halbfigurenbilder mit stilllebenhaftem Beiwerk.::

 

-Neue Erkenntnisse und Hypothesen zu seinem Leben und Tod-

FRIEDHELM GRÖTEKE

 

Er war ein Mörder- und durch eine Mordtat soll er nach jüngsten Forschungen auch selbst ins Jenseits befördert worden sein:- Kein geringerer als der Kunstmäzen Kardinal Scipio Borghese hat danach den Maler Caravaggio durch einen zu diesem Zweck gedungenen spanischen Kapitän umbringen lassen.

So sehr unsere Zeit das Werk des Michelangelo Merisi, nach seinem Geburtsort Caravaggio genannt, einhellig als das eines umwälzenden Neuerers der Malerei zu schätzen weiß, so sehr tobte zu seinen Lebzeiten die Auseinandersetzung darüber, ob seine Bilder Meisterwerke eines neuen Stils waren oder etwa Machwerke, ordinär, weil allzu »natürlich" und schonungslos offenlegend.

Im Urteil über die Person Caravaggios stimmten allerdings schon damals alle überein, die mit ihm zu tun hatten. Denn daß dieser Caravaggio selbst ein Mensch war, der harte Arbeit mit hemmungslosen Wirtshaus- und Bordellbesuchen, mit wochenlanger Sauf- und Spielwut kompensierte, war zu seinen Lebzeiten in Rom stadtbekannt. Der Degen saß bei ihm locker. Des Malers Rauflust und Händelsucht war in den berüchtigten Quartieren am Tiber-Ufer gefürchtet. Jetzt haben sich einige italienische Autoren mit Prozeß- und Gerichtsakten sowie mit vertraulichen Briefen aus den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts befaßt, die sich mit den Missetaten des damaligen Bürgerschrecks und seiner Gefährten auseinandersetzen.

Diese Dokumente und ihre Interpretation verraten uns mehr über die Umstände, die dem Drama von Flucht und Ende Caravaggios voraufgingen. Gerade die Schlußphase seines Lebens erscheint als komplizierter und spannender Krimi, von dem manche Details noch zu deuten sind. Spuren dafür müssen sich auch in seinen Bildern finden. In ihrem Buch „Der Mörder Caravaggio" haben Riccardo Bassani (Historiker) und Fiora Bellini (Kunsthistorikerin) das bis jetzt bereits bekannte ausgedehnte Sündenregister durch eine lange Liste weiterer Beschwerden umd Anklagen ergänzt, die von Mitbürgern gegen den Maler erhoben wurden (Ricardo und Fiora Bellini: „Caravaggio Assassino", Verlag Donzelli, Rom). Die Dokumentenfunde verstärken unser historisches Bild von diesem arroganten und aufbrausenden Künstlertyp ganz beträchtlich. Da klagt etwa Mao Salini in seiner Beschwerde über eine Attacke gegen ihn vom 2. Oktober 1601, dieser Caravaggio sei „bekannt dafür, daß er ständig solche Delikte begeht und ähnliche Affronts den verschiedensten Personen gegenüber macht."

 

Bassani und Bellini berichten nicht nur ausführlich über Freundschaften und Beziehungen des Malers. die in den bisher bekannten Quellen nur flüchtig erwähnt werden, sondern haben auch bisher nicht bekannte Verhältnisse aufgedeckt. So erwähnen einige Dokumente über die beiden Prostituierten Fillide Melandroni und Anna Bianchini auch die Präsenz von Caravaggio, der sich wiederum fast stets in Begleitung seines Freundes Onorio Longhi, dem Architektensohn, befindet. Manchmal ist auch Ranuccio Tomassoni mit von der Partie, der später beim Streit um den Punktsieg bei einem Brettspiel von Caravaggio umgebracht wird.

 

Onorio Longhi wird als der Bursche angeprangert, der gerne Streit anstachelt und Steinwerfereien liebt. Bei diesen Auswüchsen beteiligt sich Caravaggio sofort und gern - und es fällt auf, daß kein einziges juristisches Schriftstück Caravaggio als Raufbold bezichtigt, solange sein Freumd Longhi zwischen 1596 und 1598 aus Rom verschwunden ist.

 Das Stadtviertel zwischen dem Tiber-Ufer Ripetta und dem Corso wurde damals Ortaccio genannt, wohl nach den Gemüsegärten, die damals noch dort zwischen den Häusern verstreut waren. Nach päpstlichem Erlaß hatten die Prostituierten der Ewigen Stadt in diesem Viertel eingesperrt zu sein. Bei Karten- und Würfelspiel verbrachten Künstler, Soldaten, verkrachte Existenzen aller Art dort beim Wein oder mit den Lebedamen die römischen Nächte. Es wurde laut und auch unflätig gesungen. Hier und bei den Gerichtsakten über nächtliche Bordellkonzerte wäre an die Bilder Honthorsts und anderer Caravaggisten zu denken.

 

In diesem Ambiente waren Caravaggio, Longhi und die Malerfreunde zu Hause. Dies Ambiente aber war wiederum dem moralisierenden Papst ClemensVIII. zuwider, der unter anderem eine Gleichschaltung der Malereri anstrebte, indem er die Darstellung von unehrenhaften oder umnoralischen Personen wie Dieben, Häretikern, Vagabunden und Freudenmädchen streng verbot. Wir wissen aus dem Gesamtwerk Caravaggios, wie wenig ernst es der mit solchen Vorschriften nahm. Und schließlich fand sich immer irgendwo ein kennerischer Kirchenherr oder eine Kongregation, die ihm ein Gemälde abnahm, das Feinfühligere verwarfen.

 Kardinalvikar Camillo Borghese - der spätere Papst Paul V - forderte 1603 wieder einmal ultimativ alle Vagabunden und Randalierer auf, innerhalb von zehn Tagen die Heilige Stadt zu verlassen. Der Bann galt auch solchen Typen wie Caravaggio, der Gemälde mit Falschspielern und wahrsagenden Zigeunern malte und die berühmte Kurtisane Fillide porträtierte. Daß die in den Bildvordergrund starrenden schmutzigen Füße des Mgers der „Madonna von Loreto" (Kirche Sant'Agostino in Rom) bei den Zeitgenossen "extremes Aufsehen erregten" (so berichtet seinerzeit der Biograph Baglione) und schon die Darstellung der beiden Anbetenden als Landstreicherpaar unter den prüden Umständen der Gegenreformation keine allgemeine Zustimmung finden konnte, ist verständlich.

 

Die Madonna selbst, so überliefert Baglioni, sei "nach der Natur abgebildet". Und was für eine Natur! Bassani und Bellini schließen nach vielfachen Gegenüberstellungen und Vergleichen, daß hier die Magdalena Antognetti ihren hübschen Kopf und ihre gleichfalls so ansehnliche Figur hergehalten hat. Sie war eine seinerzeit berühmte Kurtisane und Caravaggios Geliebte.

Ein wahres römisches Wunder ist es unter solchen Umständen, daß dies Altarbild nicht wegen mangelnder Zucht und Sitte von seinem Platz hinweggehoben wurde wie so manches andere Werk dieses Michelangelo Merisi. Das Beispiel legt nahe: In vielen anderen Bildern Caravaggios könnten Freunde, Tisch-, Spielund Bettgenossen(innen) des Malers verborgen sein.

Einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der rebellischen Haltung Caravaggios -fast kommt da der Protest der 68er unseres Jahrhunderts in den Sinn- liefert das neue Buch mit seinen Hinweisen auf den französisch-spanischen Parteienhader im damaligen Rom. Unzweifelhaft gebörte der Maler zu den Franzosenfreunden,die damals ihren Anhang vor allem beiden Popolanen und den gegenüber dem Spanisch Konservativen despektierlich auftretenden Parteigängern der Transalpinen hatten. Heinrich IV. der Hugenottenkönig war gerade im September 1595 zum katholischen Glauben übergetreten. Kardinal Del Monte verschaffte Caravaggio mit dem Großauftrag für die Nationalkirche der Franzosen in Rom, San Luigfi degli Prancesi, das Entree als Künstler von Bedeutung.

 War das ein Zufall? Der französische Botschafter Philippe de Bethune erwirkte 1603 die Befreiung Caravaggios aus der Haft, als dieser wieder einmal bei einer Rauferei über die Stränge geschlagen hatte. Auch daß Caravaggio nach dem Mord am Spießgesellen Ranuccio Tomassoni zwar zunächst nach Neapel floh und im Palast der Costanza Colonna Sforza, Marchesa di Caravagfio, oder bei ihrem Verwandten Luigi Carafa Colonna Aufnahme fand, dann aber nach Malta ausrückte und sich unter den Schutz des französischen Großmeisters der Malteser-Ordensritter Alof de Wigancourt stellte, könnte in einem Zusammenhang der Zugehörigkeit zur französischen Rom-Fraktion gesehen werden.

Über das Ende legen zwei Caravaggio-Studierende aus Umbrien eine suggestive Hypothese vor, nämlich der Restaurator Marcello Castrichini und Vincenzo Pacelli. Ihre ebenfalls in einem Buch niedergelegte Ansicht stützt sich auf einen Brief des spanischen Kapitäns Diego De Albear, Gardekapitän in Neapel, an den römischen Prälaten Sandro Corradini. Dieser Brief ist voll doppelsinniger Anspielungen. De Albear berichtet,"er habe einen gewissen Sbandela gefangengenommen und dann auch "einen sehr berühmten Banditen aus dem Kirchenstaat«. Aber da er aus Rom "keine Antwort" erhalten habe, will sagen,nicht die gebührende und versprochene Entlohnung, "werden weder ich noch andere in Zukunft ähnliche Dienste leisten". Wie bekannt, hatte Caravaggio inzwischen auch aus Malta fliehen müssen, war nach Neapel zurückgekehrt und hatte dort auf die Nachricht einer Begnadigung aus Rom gewartet, für die sich Gönner verwendeten.

Indem sich Caravaggio auf das Wort des römischen Kardinals Scipione Borghese verließ und ohne Freibrief ein zur römischen Küste bestimmtes Schiff bestieg, ging er nach Ansicht der umbrischen Forscher in die Falle. Dennördert imd dort von ihm festgesetzt wurde. Die Chronik berichtet, daß Caravaggio im heißen Juli 1610 mit einer Feluke aus Neapel in Porto Ercole am Vorgebirge Argentario etwa 100 km nördlich von Rom ankam, also einen Hafen weiter nördlich als Palo. Porto Ercole gehörte zum spanischen Stato dei Presidi an den Grenzen des Kirchenstaates. Dort sei er „irrtümlich" zwei Tage festgesetzt worden. Aus der Haft befreit, sei Caravaggio wie ein Irrer in der Sonnenhitze den Strand auf- und abgerannt, um womöglich noch das Schiff mit seiner Habe zu sehen. Dann packte ihn das Fieber und nach wenigen Tagen, am 18. Juli 1610, kam das Ende.

 Dieser Chronik schenken die beiden Umbrer keinen Glauben. Für sie ist der im Beschwerdebrief von Kapitän De Albear genannte „berühmte Bandit aus dem Kirchenstaat" niemand anders als Caravaggio. De Albear stellt ihm den Hmterhalt in Palo, er wird umgebracht, und ein bestochener Arzt stellt den unverfänglichen Totenschein aus. Der Kardinal, ein feiner Kunstkenner, hat seinen Gefaüen bekommen. Und für Caravaggio kommt zwar die Begnadigung, aber zu spät. Die These ist kühn. Aber es wäre nicht das erste Mal, daß in Rom so verfahren wurde.

 

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