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BAROCK ( 1600 - 1750)

Mit Kompositionen voller Dramatik, Leidenschaft und Ausdruckskraft, extremem Realismus und wirkungsvollen Hell-Dunkel-Effekten begründete Caravaggio einen neuen Stil.

Es ist wohl kaum ein anderer Maler bekannt, in dessen Werk Leidenschaft- und zum Teil auch Brutalität- so offen zum Ausdruck kommt wie bei Caravaggio. Sei es I 'Die Opferung Isaaks','Judith und Holofernes' oder 'Die Enthauptung Johannes des Täufers'Aggressivität und Eindringlichkeit der Darstellung erfassen wohl jeden Betrachter: Sie sind Ausdruck des Strebens, die Szene mit fast psychologischen Mitteln zu vertiefen. Schwerter durchtrennen einen Hals, Blut strömt oder der ungläubige Thomas prüft akribisch die Wunde Christi. So ist es nicht verwunderlich, daß der englische Kunsthistoriker und Kritiker John Ruskin, der im 19.Jahrhundert für die damals jungen Präraffaeliten eintrat und in äußerer Schönheit nur eine Entsprechung innerer Schönheit sah, in Caravaggios Arbeiten "eindeutige Anzeichen für einen nur unzureichend unterdrückten bösen Geist" erkannte.

Im Kontext der italienischen Gegenreformation finden sich jedoch traditionelle Ansichten über die Kunst, von denen sich mühelos ein Bogen zu den Werken Caravaggios schlagen läßt. Die biblische Geschichte, so meinten damals viele, sollte so dargestellt werden, daß sich der Betrachter mit dem Geschehen identifizieren konnte und es greifbar vor sich sah. Die schmutzigen Füße und runzligen Gesichter von Caravaggios bäuerlichen Figuren oder der aufgedunsene Leichnam der Maria sind nicht als Anzeichen einer Auflehnung gegen die Gesellschaftsordnung zu sehen; sie stellen vielmehr den Versuch dar, die Episoden des Neuen Testaments so realistisch wie möglich darzustellen: Mit einfachen Menschen, nicht mit jenen außerordentlich faden, würdevollen Heiligengestalten, die in der christlichen Kunst seit Jahrhunderten als erhabene, blutleere Bewohner höherer Sphären verewigt waren.

NATURTREUE

Van Mander hatte den Kern von Caravaggios Naturalismus schon 1603 erkannt: "Er glaubt, daß Kunstwerke nichts als Bagatellen und Kindereien sind. . . wenn sie nicht nach dem Leben geschaffen werden, und daß wir nichts Besseres tun können, als der Natur zu folgen." In seinem Bestreben, den dargestellten Vorgang psvchologisch zu vertiefen und durch die Wirkung des Lichts zu dramatisieren, schuf Caravaggio oft verwegene Kompositionen: So durchbricht der Ellbogen des Jüngers links im Bild in 'Christus in Emmaus' scheinbar die Bildoberfläche. Die erste Fassung des 'Heiligen Matthäus' für die Contarelli-Kapelle wurde von zuständigen Klerikern zurückgewiesen - so "menschlich" mochte die Kirche das Bild des Patrons nicht dulden. Die Figuren der 'Grablegung Christi' für die Chiesa Nuova von Santa Maria in Valicella stehen scheinbar im Begriff den Leichnam des Heilands aus dem Bild hinauszutragen. Caravaggios berühmtes Chiaroscuro- die Technik, eine Szene in Dunkelheit zu tauchen, wobei d.e Hauptfiguren durch helles, seitlich einfallendes Licht herausgehoben werden - sollte auch im Hinblick auf die Möglichkeiten plastischer Gestaltung gesehen werden. Sp itere Kritiker erblickten darin einen Beweis für Caravaggios Unvermögen, detaillierte Hintergründe zu malen; andere sprachen von dem sogenannten "Kellerlicht" und mutmaßten, er habe stets in einem dunklen Keller gearbeitet, der nur durch ein einziges kleines Fenster erhellt worden sei.

 

MODELLIERUNG

Der Gebrauch des Lichts in geschlossenen Räumen erlaubt eine stärkere Modellierung - ein Charakteristikum der Barockmalerei. In fast allen seinen Bildern sind die Figuren in einem schmalen Vordergrund vor einem undurchdringlichen schwarzen Hintergrund angeordnet. Die Verbindung von Raum und Figuren war für Caravaggio nicht so sehr von Bedeutung. Zu Caravaggios Zeit stammte die Beleuchtung hauptsächlich von Ollampen und unzähligen kleinen Kerzen, die vor den Altären aufgestellt waren. Bei so dämmriger Beleuchtung traten die Figuren auf den Bildern sicherlich nicht nur aus ihrem eigenen dunklen Hintergrund, sondern auch aus dem existierenden Raum hervor. Sie mußten dem Betrachter geradezu gespenstisch real und gegenwärtig erscheinen.

Das Licht in Caravaggios Kunst ist mehr als ein Mittel, die Figuren dem Betrachter vorzuführen. Es ist ein aktives Moment in seinen Kompositionen. In der 'Berufung des heiligen Matthäus' hebt ein Lichtbündel die Figuren vor dem grauen, geschlossenen Fenster gleichsam aus dem Bild heraus. Die scharfe Lichtkante unterstreicht und begleitet die Gebärde Christi. Auf dem Bild 'Die Bekehrung des Paulus' erscheint dieser, als sei er von dem herabströmenden Licht zu Boden gerissen worden.

 

PROVOZIERENDE BILDER

Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert haben zahlreiche Kritiker Caravaggio vorgeworfen, nicht zeichnen zu können. Sie behaupteten, er habe nur nach dem lebenden Modell gemalt und es möglichst naturgetreu abgebildet; als Sklave der "Natur" habe er nicht zu den Höhen idealistischer Kunst emporsteigen können - wie etwa Annibale Carracci und seine Nachfolger. Caravaggio hatte derlei Kritik allerdings durch seine eigene Großsprecherei provoziert. Seine schärfsten Gegner kolportierten sogar,daß er für den 'Tod Mariä' den aufgedunsenen Leichnam einer Prostituierten als Modell verwendet habe.

Verglichen mit der antiken griechischen und römischen Plastik, aber auch den Meisterwerken der Hochrenaissance eines Raffael oder Michelangelo, erschien Caravaggios Realismus vulgär, grob und provozierend. Seine schärfsten zeitgenössischen Kritiker, die mit Argumenten der Asthetik Einwände gegen seinen krassen, erdgebundenen und realistischen Stil vorbrachten, waren Kleriker: Mehrere seiner religiösen Auftragswerke wurden von ihnen zurückgewiesen - von kunstverständigen und wohlhabenden Privatsammlern jedoch erworben.

Die Entwicklung von den schönfarbigen frühen Bildern zu seinen tonigeren Spätwerken ist nur die folgerichtige Weiterbildung des an erster Stelle stehenden Gebrauchs von Licht als Stimmungsfaktor. Wirkungen, auf die es ihm ankam - dramatisches Licht, unbedingter Realismus und greifbare Präsenz seiner Figurenhätten sich anhand kleinformatiger Zeichnungen oder in Freskotechnik nicht malen lassen. Wie die großen venezianischen Meister des 16. Jahrhunderts, malte Caravaggio direkt auf die Leinwand und entwickelte die Komposition aus der Arbeit heraus. In vielen Fällen machte dies Änderungen, Korrekturen und Ubermalungen erforderlich. Trotz aller langwierigen Verbesserungen war Caravaggio ein schneller Arbeiter, der im Gegensatz zu vielen Kollegen seine Werke in der Regel pünktlich ablieferte. Das hing vielleicht weniger mit Gewissenhaftigkeit als vielmehr mit seiner wesensbedingten Ungeduld und Ruhelosigkeit zusammen.

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