PICASSO UND KATALONIEN

Picasso verfügte über eine stark ausgeprägte Persönlichkeit und eine extreme Vitalität. Er verbrachte seine Kindheit in La Corufia und seine Jugendjahre in Barcelona. Der größte Teil seines Lebens spielte sich jedoch in Frankreich ab; zuerst in Paris, und danach in der Provence (Antibes, Vallauris, Mougins). Diese Broschüre ist der engen, tiefen und dauerhaften Beziehung Picassos zu Katalonien gewidmet.

 Picasso in Barcelona

Picasso kam 1895 im Alter von dreizehn Jahren nach Barcelona und verbrachte dort zehn Jahre. Während dieser Zeit durchlief er seine ersten Lehrjahre, die allgemein die wichtigsten im Leben eines jeden Künstlers sind. Barcelona war damals die «europäischste» Stadt der iberischen Halbinsel. Sein industrieller Reichtum bildete ejne fruchtbare Grundlage für ein kreatives Erwachen, für einen Geist der Erneuerung, der mit dem Erwachen eines Genies zusammenfiel. Als die künstlerische Laufbahn Picassos begann, existierte in Barcelona bereits eine weitgefächerte Bewegung, unter der Namen wie Gaudi, Domenech i Montaner, Santiago Rusinol oder Ramon Casas hervorstechen. Sie alle waren Vertreter des katalanischen Jugendstils (Modernisme], einer Stilrichtung, die der Kunst um die Jahrhundertwende neue Perspektiven eröffnete.

Picasso studierte Kunst an der Kunstschule Llotja de Barcelona, an der auch sein Vater unterrichtete. Hier lernte er schnell die künstlerischen und akademischen Kreise Kataloniens kennen. Im Verlauf dieser Ausbildung erwarb er jene technischen Fertigkeiten, die seitdem seine Karriere als Künstler bestimmten. Die Ausstellung Picassos in der Galerie Vollard in Paris (1901) spiegelt den Höhepunkt dieser Jahre wieder. Hier sehen wir Werke mit einem sehr freien Gebrauch der Farbe, der dem Fauvismus ähnelt.

Picasso hatte in Katalonien tiefe Wurzeln geschlagen. Einen wesentlichen Beitrag hierzu ieisiete das Künstlerlokal >Els Quatre Gats< im Carrer Montsio Nr. 3, das zugleich auch Kabarett, Ausstellungslokal, und nicht zuletzt Brutstätte des Modernisme war. Hier, in einem von Puig i Cadafalch in mittelalterlichen Stil erbauten Gebäude, bildete sich ein Künstlerzirkel gleichen Namens, und hier schloß Picasso tiefe Freundschaften, wie beispielsweise mit den Hauptfiguren des Lokals, den Malern Ramon Casas und Miquel Utrillo und dem Unternehmer Pere Romeu, oder mit Jaume Sabartes, der später sein Sekretär werden sollte. Auch die Maler Carles Casagemas, Ramon Pitxot, Isidre Nonell,Ricard Canals, Sebastia Junyer-Vidal, der Schriftsteller Ramon Reventös, die Bildhauer Manolo Hugue, Juli Gonzalez und Pau Gargallo wurden Freunde des Künstlers. Picasso entwarf Plakate für das Lokal, und 1900 halte er dort zwei Ausstellungen. Er veröffentlichte auch Illustrationen in Kunst-und Literaturzeitschriften des Modernisme, wie etwa ElsQuatre Gats (l 899) oder Pel i Ploma (1899-1903).

1900 besuchte Picasso erstmals Paris, um die dortige Weltausstellung zu besuchen. Er reiste in Begleitung seines Freundes, des Malers Casagemas, dessen späterer Selbstmord ihn schwer erschütterte. 1901 gründete Picasso in Madrid die Zeitschrift Arfe joven, einen vergeblichen Versuch, den Geist des Modernisme zu nach außen zu tragen. Im gleichen Jahr stellte Picasso neben seiner Ausstellung in Paris auch zusammen mit Ramon Casas in der Galerie Sala Pares in Barcelona aus. Hier standen sich die beiden damaligen Hauptfiguren der katalanischen Malerei gegenüber: Ramon Casas, der Patriarch des Modernisme, und Picasso, der Erneuerer.

Wieder in Barcelona schien es, als ob Picasso in eine Phase der Nachdenklichkeit eingetaucht sei. Hier beginnt die blaue Periode, in der erstmals Picassos unverwechselbarer Stil zu erkennen ist. Die Sensibilität der wichtigsten Werke dieser Phase, in einen melancholischen, nächtlichen und introspektiven Stil gemalt, dessen wichtigstes Merkmal der ausschließliche Gebrauch von Blautönen und eine Thematik des Elends sind, spiegelt die Identifikation des Künstlers mit dieser Stadt wieder.

Ab 1904 siedelte sich der Künstler in Frankreich an. Aber Picasso vergaß nie die reichen Erfahrungen, die er in Katalonien gemacht hatte. Seine zahlreichen Besuche aus Anlaß verschiedener Kunstkampagnen zeigen vielmehr, daß er jene Farben und das Licht, die ihm die Augen für die Kunst geöffnet hatten, nie vergessen hat. Der Kubismus, der zu dieser Zeit regen Pendeins zwischen Katalonien und Paris (1904-1914) entstand, gründet sich direkt auf seine Werdejahre in Barcelona.

 

Gosol 1906

Von den ersten Julitagen des Jahres 1906 bis zum 15. August desselben Jahres lebte Picasso zusammen mit Fernande Olivier in Gosol (Bergueda), einem kleinen Bergdorf zwischen dem Berg Pedraforca und dem Cadi-Gebirge, im Gasthaus Cal Tampanada. Nach den Worten von Fernande war Picasso «lebensfroh, weniger wild, brillianter, lebhafter. Er strahlte Glück aus». In seinen Gemälden >La Toilettete<, >Frau mit Broten<, etc. bedeutet Gosol die Einbeziehung von Ockertönen, die Verformung der Figuren, die Auflösung der Harmonie. Formen und Licht, die Picasso in Paris noch nicht zu beherrschen vermocht hatte. Ein weiteres Zeugnis aus Göso! stammt von Picasso selbst: in sein Katalanisches Heft, einem Notizbuch mit Aufzeichnungen und Skizzen, schrieb er das Gedicht Visites al Mar aus dem Buch Enlla (l906) des katalanischen Dichters Joan Maragall und illustrierte es mit den >Drei Grazien<. Zwischen der rosa und der schwarzen Periode bedeutet Gosol die Entwicklung einer neuen Ausdrucksweise, eine Annäherung, die direkt zu den Demoiselles d'Avignon führte, nach Ansicht einiger Kunsthistoriker ein Gruppenbildaus einem Bordell im Carrer d'Avinyö in Barcelona. Dieses Gemälde steht für den Beginn der zeitgenössischen Malerei.

Horta de Sant Joan 1909

Mit Fernande kehrte Picasso 1909 nach Horta de Santjoan oder Horta d'Ebre (Terra Alta|, an den Abhängen des Gebirgsmassivs Ports de Tortosa zurück, einem Ort, dessen Landschaften und Farben eine Welt für sich sind. Hier hatte er zwischen 1898 und 1899 schon einige Zeit als junger Künstler im Haus seines Freundes Manuel Pollares verbracht. Es war eine gewollte Rückkehr zu einem wohlbekannten Glück, n den vier Monaten, die Picasso dort von Gott und der Welt abgeschlossen verbrachte, entwickelte er seinen kubistischen Stil und malte so entscheidende Gemälde wie etwa Die Fabrik von Horta oder Der Weihe; von Horta.

Cadaques 1910

Zwischen Juni und September 1910 wohnte Picasso mit Fernande in Cadaques im Gasthaus von Lidia, welche durch den Schriftsteller Eugeni d'Ors in die Literatur einging. Die Reise war von Ramon Pitxot aus dem Eis Quatre Gats vorbereitet worden. Dieser besaß ein Haus in Cadaques und trug wesentlich dazu bei, daß dieses Fischerdörfchen am Cap de Creus zu einem Zentrum der europäischen Avantgarde wurde.

Nach den Worten Kahnweilers, eines Wegbereiters des Kubismus, der damals als Agent Picassos fungierte, bedeutete dieser Aufenthalt einen wesentlichen Schritt im Werk des Künstlers: «Er befreite sich von den geschlossenen Formen und schmiedete ein neues Instrument für einen neuen Zweck». Die Gemälde aus Cadaques sind durch die Suche nach dem Kubismus gekennzeichnet. Sie zeichnen sich durch starke Abstraktion und großen Experimentierwillen aus. Besonders hervorzuheben sind hier die Radierungen für Saint Matorel von Max Jacob; nach Picasso sollen diese Zeichnungen die Stadt Barcelona wiedergeben. Wichtige Werke Picassos aus dieser Zeit sind Serien von Zeichnungen wie die vom Boot Pitxots, Nabucodonossor, sowie Gemälde wie Der Gitarrenspieler oder Hafen von Cadaques; Werke, in denen die Abstraktion bei Picasso ihren Höhepunkt erreichte.

 

Ceret 1911, 1912, 1913

In Ceret, einem herrlichen Dörfchen im Vallespir am Fuß des Canigö im französischen Teil Kataloniens, verbrachte Picasso, angezogen vom Ruhm des Bildhauers Manolo Hugue, drei aufeinanderfolgende Sommer. Ceret war damals nach den Worten von Andre Salmon das «Mekka des Kubismus». Dort wirkten neben Picasso Maler wie Braque, Max Jakob, Juan Gris oder Auguste Herbin in außerordentlicher, überschäumender Kreativität. Ceret ist das Zeugnis der Experimente des hermetischen Kubismus mit seinen ovalen Formaten, den Buchstaben und anderen Merkmalen.Von Ceret aus besuchte Picasso oft die Städte Figueres und im Jahr 1913, aus Anlaß desTodes seines Vaters, Barcelona.

Zurück in Barcelona 1917

Während der Balletsaison des Liceu von Frühling bis Herbst 1917 kehrte Picasso mit dem Balletensemble von Diaghilev nach Barcelona zurück. Er war damals bereits ein etablierter Künstler, und seine Freunde aus dem Eis Quatre Gats, seine Bewunderer und seine Sammler ehrten ihn mit zwei Banketten. In Barcelona malte Picasso den Harlekin, ein Porträt von Massine, sowie andere Gemälde wie >Stilleben mit Früchten<, >Sitzender Mann< und >Blanquita Suarez<, die innerhalb ihrer kubistischen Strenge einen innovativeren und humaneren Charakter haben. Ein Hauptwerk aus dieser Zeit ist> Passeig de Colom <, auf halbem Weg zwischen Gegenständlichkeit, Kubismus und Anekdote. Ein Werk mit der Stadt Barcelona als Hauptmotiv.

Katalonien in der Erinnerung

In Picassos katalanischer Schaffensperiode wie auch in seinem späteren Werk sind einige katalanische Motive und typische Formen der katalanischen Folklore ständig vertreten: der SardanaTanz, die Kopfbedeckung ßarrefina, die Tauben, der Porrö, das typische Trinkgefäß der Katalanen u. a.

1919 nahm Picasso an der Weltausstellung in Barcelona teil und schenkte der Stadt seinen Harlekin. 1920 stellte er erneut in der Galerie Dalmau aus, dem Zentrum der katalanischen Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1934 widmete das Museu d'Art Modern Picasso einen seiner Räume. 1935 schloß sich Picasso mit Jaume Sabartes zusammen, einem Freund aus seiner Jugendzeit in Barcelona, der sein Sekretär und der Verwalter einer wichtigen Sammlung von Werken des Künstlers wurde. Diese Sammlung trug entscheidend zur Gründung des Museu Picasso bei, des ersten Museums, das ausschließlich Picasso gewidmet war. Seine Sammlung besteht aus direkten oder indirekten Schenkungen Picassos an die Stadt, in der seine Ursprünge als Künstler liegen.

1936 wurde in der Galerie Sah Esteva in Barcelona eine von den Amics de l'Art Nou (ADLAN) geförderte Wanderausstellung von Picasso eröffnet. Mitten im Bürgerkrieg, während , er das berühmte Gemälde Gernica für die Spanische Republik malte, war Picasso einer der Organisatoren der Ausstellungen Art Catalan du Xeme au XVeme siecle und Art Catalan in Paris, die von der Generalität de Catalunya veranstaltet wurden.

1946 nahm Picasso an einer Ausstellung zur katalanischen Kunst in Paris teil. 1948 stellte er zum ersten Mal nach Ende des spanischen Bürgerkriegs wieder in Barcelona aus, und zwar

in der Galerie Laietanes. 1957 leistete er eine bedeutende Schenkung seiner Keramikarbeiten an die Stadt. 1960 stellte er seine Verbindung mit Katalonien zur Schau, indem er seine unnachahmliche Handschrift in den Wandbildern des Collegi d'Arquitectes verewigte. Weitere Zeugnisse seiner Zuneigung zu Katalonien waren seine herzlichen Beziehungen zu der Galeristenfamilie der Sala Caspar, in der er mehrfach ausstellte, oder zu dem Verleger Gustau Gili, welcher seine großartigen Aquatinten >La Tauromaquia <(1959) veröffentlichte.

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