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Piet Mondrian ( 1872 - 1944 )

* 7. März 1872 in Amersfoort, Niederlande; † 1. Februar 1944 in New York

Erlösung durch den rechten Winkel- Werkschau zum 50. Todestag

Von WOLF SCHÖN im Rheimnischen Merkur 20.1.95 

Zunächst sieht es ja wirklich so aus, als ob die genügsamen Kompositionen aus schwarzen Balken und rechteckigen Farbflächen mit ungemischtem Blau, Rot und Gelb kaum etwas mit der Realität zu tun hätten. Die calvinistische Herkunft bewirkt noch ein übnges, um diesen radikalsten Abstrakten der klassischen Moderne als direkten Nachfolger der sinneNfeindlichen Bilderstürmer erscheinen zu lassen. Und die konsequente Verneinung aller Bildinhalte, jeder persönlichen ÄuBerung legt gar die Vermutung nahe, daß ohne den einflußreichen Ordnungsfanatiker die visuelle Kultur des Industriezeitalters weit weniger gefühlsarm, anonym und inhuman ausgefallen wäre.

 GröBer könnte der Kontrast zur Befindlichkeit tonangebender Naturschwärmer und Fortschrittsverächter kaum sein: Mondrian, der das Grün der Wälder und Wiesen nie anrühren mochte, mißtraute allem Natürlichen. Sein Elysium war die genormte, von Maschinen beherrschte Großstadt, der in Stahl und Beton gegessene Bauplan des menschlichen Geistes, der Klarheit und Reinheit über die Wucherungen der unzivilisierten Welt triumphieren läßt.

 Eben dieses totalitäre Projekt, das den individuellen Affekten das Lebensrecht abspricht und statt dessen konstruierte Glückseligkeit mit universellem Anspruch verheißt, steht im Zentrum der Retrospektive des Haager Gemeentemuseum. Geweckt wird dort, wo das singuläre Bildwerk wieder in den Strom des übergreifenden Wollens zurückkehrt, die Erinnerung an den problematischen Uberbau einer Kunst, deren ästhetische Sendung mit dem Mal der autoritären Weltverbesserung behaftet war. Doch fünfzig Jahre nach dem Tod des kompromißlosen Menschheitsbeglückers sieht sich die Kritik an seiner dogmatischen Mission einem überraschenden Befund konfrontiert.

 

Mitnichten ist die Diktatur des Rechtecks und der Primärfarben auf der Müllhalde der Ideologien gelandet. Im Gegenteil: Die Kopfkunst des Niederländers, der die chaotische Welt mit derÄsthetik des Reißbretts erlösen wollte, erfreut sich einer erstauDlicheD, selbst im Tiefparterre des Trivialdesigns blühenden Popularität. Kleiderstoffe, Schallplattenhüllen und Verpackungsdekor werden von den Ikonen der Askese erobert. Die Botschaft, die sie ausstrahlen, den Willen zur Stärke und Konzentration auf das Wesentliche, trifft offenbar den Nerv einer unter- Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit leidenden Zeit.

 

Auch auf seinen Porträtfotos vermittelt der 1872 bei Utrecht geborene Piet Mondrian statt künstlerischer Passion eiserne Disziplin. Stirnglatze und Nikkelkneifer auf der spitzwinklig vorspringenden Nase lassen an einen strengen Schulmeister denken, und tatsächlich war der Absolvent der Amsterdamer Rijksakademie zunächst für den Beruf des Zeichenlehrers bestimmt. Als zurückhaltend und wenig unternehmungslustig beschrieben ihn seine Zeitgenossen. Die Nahrung in der mönchischen Klausur bestand aus Kartoffeln, Brot und Wasser.

 

Andererseits hat der angeblich gefühlsarme Weltflüchtling den größten Teil seiner Schaffenszeit im vergnüungsaüchtigen Paris verbracht, nicht in der geradlinigen, von Gräben parzellierten holländischen Landschaft, die aus der Vogelperspektive so viel Ähnlichkeit mit seinen rationalen Bildentwurfen hat. Den Landemann van Gogh hatte es ebenfalls an die Seine gezogen, und daß dem priesterlich entrückten Suchen nach dem Urgrund von Form und Farbe die emotionale Komponente der angestammten Kunsttradition durchaus nicht fremd war, bezeugen die Jabre, die Mondrian brauchte, um das Erbe seines frühen Vorbilds zu verarbeiten. Noch im reifen Alter von 36 Jahren malte er den „Roten Baum " im flammenden Pinselduktus des Meisters von Arles, auch wenn die Vision einer fundamentalen Harmonie bereits die heftigen Gebärden des Organischen überlagert.

 

Unter dem Einfluß theosophischer Spekulation setzte der unbeirrbare Grundlagenforscher fortan alles daran, den letzten Sinn aller Kunst jenseits von Zufall und Willlmr zu ergründen. „Das wesentliche Ziel der Malerei ", so schrieb er, »war es von jeher, durch Farbe und Licht dem Universellen, welches sich nur durch Kontemplation zu erkennen gibt, eine konkrete Existenz und Form zu verleihen.« Und er fuhr fort: »Gerade aus tiefer Liebe für die Dinge strebt die ungegenständliche Kunst nicht danach, sie in ihrer besonderen Erscheinungsform wiederzugeben.« Dem Prozeß der nicht kontrollierten Veränderung entzogen waren selbst die Blumensträuße, die der mittellose Purist für seinen Broterwerb malte; es waren künstliche Seidenblüten mit weiß angestrichenen Blättern.

 

Der Widerwille gegen die Profanisierung der unverrückbaren Daseinsgesetze, das Streben nach dem Absoluten wurzeln in einem spirituellen Gemenge aus Mystik, Mathematik und pantheistischer Religiosität. Hans L.C. Jaffe hat Mondnans »geometrische Methode", seinen Drang nach extremer Objektivität mit Spinozas Traktat »Ethica, ordine geometrico demonstrata« in Zusammenhanggebracht. Verblüffend direktvisualisiert das typische Gitterwerk die Erkenntnis des verehrten Philosophen Jan Schoenmaeker, der zu wissen glaubte, was die Welt im Innersten zusammenhält: die horizontalen, das weibliche Prinzip verkörpernden Kraftlinien der Erde und die Vertikalen der kosmischen Strahlen, die ihren Ursprung im Mittelpunkt der Sonne haben. Wie ernst solche Glaubensüberzeugungen genommen wurden, zeigt die Spaltung der StijlGruppe: Der Chefideologe Mondrian schleuderte den Bannstrahl nach dem Häretiker Theo van Doesburg, der es gewagt hatte, die wegen ihrer illusionären, raumschaffenden Wirkung tabuisierte Vertikale in seine Kompositionen einzuflihren.

 So ist Mondrians Kunst weder zweckfreies Spiel mit bunten Basisinfonnationen, keine vorweggenommene Computeranimation und auch keine Abkehr von den Problemen der Wirklichkeit. Den anscheinend weltabgekehrten Eremiten haben die Fragen seiner Zeit, auch die gesellschaftlichen, wie kaum einen anderen Maler seiner Generation bewegt. Als tragisch erkannte er seine Epoche schon wegen der beiden Weltkriege, die er durchleiden mußte. Was er vor der Staffelei suchte, waren die verlorenge gangenen Kenntnisse des Gleichklangs und der Ausgewogenheit. Senkrechte und Waagerechte wurden ihm zu Grundvektoren des Lebens, zu sinnfälligen Formeln der spannungsreichen und doch versöhnbaren Dualität von Geist und Materie. Nichts Geringeres hatten Mondrian und die idealistisch gestimmten Mitstreiter der Stijl-Gruppe im Sinn, als durch »die vom Gegenstand befreite Sicht des Schönen die materialistische Gesellschaft zu befreien".

 Als der Verkünder schlackenloser Reinheit im zweiten Weltkriegsjahr in New York eintraf, sah er in den Rasterfassaden der Wolkenkratzer sein Utopia einer Welt im vollkommenen Gleichgewicht konkrete Gestalt annehmen. Hier irrte der Reformator, muß man heute wohl sagen, denn ein konfliktfreies Zusammenleben hat die mit dem Lineal konzipierte Megalopolis kaum hervorgebracht.

 Modrians Werk freilich ist von der Pervertierung der modernen Gestaltungsideale und der Hybris des eigenen Anspruchs, allein selig zu machen, wunderbar unberührt geblieben. Das Zukunftsweisende der hochkonzentrierten Weltvermessung hat sich in Zeitlosigkeit verwandelt. Der Revolutionär findet sich an der Seite der Vorfahren Saenredam, Vermeer und Pieter de Hooch, im Einklang mit ihrer leidenschaftlichen Liebe zur kühlen Geometrie.

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