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Vom Altarbild zur autonomen Tafelmalerei

Historische Entwicklung

Nach dem Untergang der antiken Malerei auf Holztafeln blieb das Bild als selbständige Kunstgattung im frühen Mittelalter unbekannt. Architektur Plastik und Malerei bildeten eine untrennbare Einheit. Alle drei Kunstgattungen standen im Dienst der sakralen Aufgabe, den Andächtigen ein gemeinsames Glaubenserlebnis zu vermitteln. Erst als diese Einheit im späten Mittelalter aufgegeben wurde, als nämlich der einzelne Gläubige nach einem unmittelbaren Gegenüber für seine privaten Andachtsübungen verlangte, entwickelten sich die freistehende Plastik und das Tafelbild, die somit um 1400 auch Eingang in die Privathäuser fanden. Zur Holztafel traten später Leinwand und Kupferplatten als Bildträger.

In Byzanz war das Tafelbild schon seit dem 5. Jahrhundert gebräuchlich. Diese Ikonen, kleine auf Holz gemalte Kultbilder, lassen sich von den spätantiken Gedächtnisbildern an Verstorbene herleiten. Die Verehrung der Ikonen nahm solche Ausmaße an, daß der byzantinische Kaiser Leo III. 726 ein Bildverbot erließ. Der über hundertjährige Bilderstreit wurde schließlich zugunsten der Bilderverehrung entschieden. Im Abendland wurde zwar das Bild als Kirchenschmuck und Erinnerungszeichen an heilige Personen und Ereignisse geduldet, doch lehnte man die Verehrung ab. Dieser Entscheidung Karls des Großen verdanken zwar Wandmalerei und Mosaikkunst eine große Blüte, sie verhinderte aber anfangs die Entwicklung des Tafelbildes im Abendland. Auf dem Weg über Italien fand es dann schließlich auch in Westeuropa Eingang. Kaufleute brachten von ihren Reisen in den Orient Heiligenbilder nach Italien, wo sie von den einheimischen Künstlern in Technik und Stil kopiert wurden. Die Kirche hatte ihre Vorbehalte gegen das Kultbild aufgegeben und begünstigte dadurch die Entwicklung der westlichen Tafelmalerei. Ein erster Schritt in dieser Richtung war die Überwindung des kleinen Bildformats der Ikonen. Die ersten abendländischen Tafelbilder waren auf Holz gemalte Altarvorsätze (Antependien), die die Frontseite des Altartischs schmückten und seit dem 11. Jahrhundert in Spanien und Italien, seit dem 13. Jahrhundert auch in Deutschland entstanden.

Der weiteren Entwicklung und Ausbreitung des Tafelbildes lag eine wesentliche Änderung im Ritus der heiligen Messe zugrunde. Seit dem 11. Jahrhundert stand der Priester nicht mehr hinter dem Altar mit dem Blick zur Gemeinde, sondern las die Messe vor dem Altar stehend mit dem Rücken zur Gemeinde. Damit bestand nun die Möglichkeit, auf dem Altar ein Tafelbild aufzustellen, das Retabel, das auch aus Stuck, Stein, Metall oder Holz sein konnte. Zunächst war das abendländische Tafelbild nichts anderes als ein Altarbild. Mit der Zeit bildeten sich auch mehrteilige Tafeln mit drei oder fünf Einzelbildern heraus. In Deutschland und den Niederlanden verbreitete sich der Flügelaltar mit einem, zwei oder drei Flügelpaaren an einem feststehenden Mittelteil. Aufgeklappt ergaben sie einen Wandel der Ansichten.

Seit etwa Mitte des 14. Jahrhunderts erfuhr die deutsche Tafelmalerei einen beachtlichen Aufschwung. In dieser ersten Blütezeit beeinflußte sie wesentlich das Kunstzentrum am Hofe Kaiser Karl IV., dessen Beziehungen zum Papsthof in Avignon und zu den Humanistenkreisen in Italien die schnelle Aufnahme der neuen Gestaltungsformen in der Malerei förderten. Zu den größten deutschen Altarwerken seiner Zeit gehört der einstige Hauptaltar der S. Petri-Kirche in Hamburg, auch Grabower Altar genannt, als dessen Schöpfer Meister Bertram von Minden (um 1340-1415) gilt. Der doppelt aufklappbare Altar zeigt in zwei Reihen Bildfolgen aus dem Alten und Neuen Testament. In der oberen Bildreihe ist die Schöpfungsgeschichte bis zur Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies und der Arbeit „im Schweiße ihres Angesichts" dargestellt, die untere Reihe schildert Kains und Abels Opfer, den Brudermord, den Bau der Arche sowie Szenen aus dem Marienleben bis zur Flucht nach Ägypten. Die gesamte Bildabfolge ist auf die Erlösung der Menschheit durch Christus ausgerichtet und vollendet sich in der plastischen Kreuzigungsgruppe im Mittelschrein.

Da der gotische Baustil mit seiner Auflösung der Wand für große Wandgemälde keinen Platz ließ, wurde im Spätmittelalter das Tafelbild zum eigentlichen Träger der malerischen Entwicklung. Trotz seiner weitgehenden Selbständigkeit blieb das Tafelbild als Retabel auch weiterhin noch Teil des Gesamtkunstwerks. Als eigenständige, vom kirchlichen Bereich losgelöste Gattung begegnen wir ihm erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts, als auch weltliche Themen für bildwürdig erachtet und in Auftrag gegeben wurden. Im Unterschied zum Wandgemälde hat das Tafelbild keinen festen bzw. mit der Architektur verbundenen Platz im Raum. Als isolierendes Mittel gegen die Umgebung erfordert es daher einen Rahmen, der es nach innen !zusammenund nach außen abschließt. Bei Altarbildern der Spätgotik und Frührenaissance ist dieser oft als architektonischer Aufbau gestaltet, zu dem die Bildarchitektur in Beziehung gesetzt wird (Artikel 35). Nicht-architektonische Rahmen, aus vier einfachen Leisten, entstanden erst nach der Mitte des 15. Jahrhunderts und wurden seit der Renaissance allgemein gebräuchlich. Im 15. Jahrhundert begannen die Künstler, zunächst in Italien, auch Leinwand als Malgrund zu verwenden. Das Leinwandmaterial war billiger, leichter zu transportieren und erlaubte auch größere Formate als das Holz.

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