<<


Vom Altarbild zur autonomen Tafelmalerei

Allgemeine Einführung

Das moderne Tafelbild, das wir heute an den Wänden von Museen und Sammlern sehen, ist ein ziemlich spätes Produkt in der Geschichte der europäischen Malerei. Das mag uns verwundern, da es für uns fast gleichbedeutend ist mit Malerei, ja eigentlich überhaupt mit Kunst. Seine uns heute geläufige Gestalt nahm es jedoch erst im ausgehenden Mittelalter und in der Renaissance an. Viele Voraussetzungen waren notwendig, um das Tafelbild zu einem eigenständigen Kunstprodukt und Sammlerobjekt zu machen. Damit wird deutlich, daß bestimmte Kunstgattungen nicht immer vorhanden, sondern an historische Erwartungen gebunden waren, die sie zu erfüllen hatten.

Frühe selbständige Kultbilder, die nicht erzählten und auch nicht bloßer Schmuck waren, sondern die Personen des christlichen Kults zur Erscheinung brachten, waren Ikonen, die seit dem 7. Jahrhundert in dieser Funktion in Rom bezeugt sind. Diese Ikonen werden in dem Augenblick zu gemalten „Standbildern", als sie im 13. Jahrhundert auf die Altäre gelangen und ihr Kult in einen liturgischen Rahmen eingebunden wird. Es entstehen daraus bald vielflügelige Altarbilder (Polyptychen) mit lehrhaften Programmen, wie man sie vorher an Kirchenfassaden zu sehen gewohnt war.

Besonders die Darstellung von Passionsthemen führt zu einem stark kontemplativen Umgang mit dem Bild, der persönliche Interessen zuläßt. Andachtsbilder waren „private Ikonen", die auch in der Formgebung auf einen privaten Betrachter reagierten und Symbole und Anschauungsformen für seine persönliche Frömmigkeit in einem privaten Rahmen bereitstellten.

Auf den Stifterbildern ist der private Bildbetrachter zunächst in gebührendem Abstand zum religiösen Thema dargestellt. Der Stifter ist zum einen he eine Gemeinschaft eingebunden, deren religiöse Überzeugungen er teilt, zum anderen jedoch durch seine besondere Rolle so herausgehoben, daß eine bildliche Darstellung überhaupt möglich wird, die letztlich auch den sozialen Status des Stifters wiederum unterstreicht. Zunehmend verbinden Stifterbilder zwei zentrale Funktionen des damals entwickelten Privatbildes miteinander: Andachtsbild und Porträt.

Das Porträt des Individuums gewinnt in der bürgerlichen Umgehung des 15. Jahrhunderts einen neuen, privaten Status und damit eine völlig an die individuelle Person gebundene Form: die Ähnlichkeit. Als bürgerliches Porträt wird es zum selbständigen Bildthema und begünstigt die Erweiterung des Repertoires der Tafelmalerei.

Aus Andachtsbildern, die nicht mehr ausschließlich einer religiösen Funktion dienen, entstehen in der Renaissance Sammlerbilder, bei denen die ästhetische Funktion vorherrscht. Das religiöse Thema wird zum Anwendungsfall einer humanistischen Kunsttheorie, ohne die bisherige religiöse Funktion und das alte Ikonenschema aufzugeben. Die ästhetische Funktion ist noch kein Gegensatz: sie entwickelt sich im Rahmen der religiösen Funktion.

kunstwissen.de

 
>