<<


:::::::::::::Die Anfänge der Bildverehrung

Aspekt 4 - Unter Kaiser KONSTANTIN dem Großen stellte sich die Frage christlicher Kunst unter vollkommen neuen Bedingungen. Daß nach drei Jahrhunderten verschiedener Verfolgungswellen, von denen die letzte die furchtbarste gewesen war, der Kaiser als der früher entscheidende Widersacher das Christentum nunmehr nicht nur tolerierte, sondern nach Kräften förderte, mußte als Wunder, als göttliches Ereignis gewertet werden. Waren die Christen ihrem eigenen Verständnis nach auch früher niemals Staatsfeinde, so hätte es ihnen danach geradezu gotteslästerlich erscheinen müssen, die Macht des Kaisers, der sich nun als Werkzeug Gottes erwiesen hatte, zu schwächen. Des Kaisers unmittelbarster Ausweis aber war und blieb sein Bildnis. KONSTANTIN der Große hat deshalb auf Statuenpolitik nicht verzichtet' sondern der überkommenen Bilderpraxis neue Formen beigegeben, die auch den Christen die Möglichkeit der Huldigung boten: in Rom ließ er eine Statue, die ihn durch einen Strahlenglanz um das Haupt als Sonnengott auswies, mit einer Lanze in Kreuzesfarm versehen.

Bis sich die gegenüber Kaiserbildern praktizierten Verehrungsformen auch religiöschristlichen Bildern im Kircheninneren zuwandten, bedurfte es weiterer Entwicklungen. Unbestreitbar bleibt der erhebliche Anteil der Kaiserbildverehrung als "Vorarbeiter" dieses Vorgangs;" doch ebenso entschieden muß in Betracht gezogen werden, daß die frühe Bilderverehrung ein Mittel des Reliquienkultes war, dessen sich die Christen in Anlehnung an den antik-heidnischen Heroenkult bedienten. Vorbehalte gegenüber dem vorchristlichen Reliquienkult hatten die Christen bedenkenloser überwunden als ihre Abneigung gegenüber heidnischer Bilderverehrung. Die Leiber der Heiligen, an denen sich das Martyrium vollzogen hatte, schienen zu sehr mit übernatürlichen Kräften ausgestattet zu sein, als daß die Christen auf die Verehrung dieser leiblichen Überreste (primäre Reliquien) oder der Gegenstände, mit denen diese in Berührung gekommen waren (sekundäre Reliquien), verzichtet hätten.

  

Ein Vorgang aus dem frühen 5. Jahrhundert zeigt eindrucksvoll, wie die Kraft der Primärreliquie auf ein Bild übergeht, das seinerseits damit in die Nähe der Primärreliquie gerückt wird: Als die Bewohner der nordafrikanischen Stadt Uzala angeblich durch die Reliquien des heiligen Stephanus vor Unglück bewahrt worden waren, erschien ein Fremder mit einem Bild, das dieses Ereignis wiedergab. Es wurde sofort als übernatürliches Produkt angenommen, wie die Reliquien selbst verehrt und von der Kirchenleitung zwischen den Reliquien im Kircheninnenraum deponiert: Die Gleichstellung von Reliquie und Bild war vollzogen.

Aspekt 5
- Aus der Nähe zur Reliquie ging ein autonomer Bilderkult hervor, der sich um die wundertätigen „Acheiropoieta", angeblich nicht von Menschenhänden gemalte oder skulptierte Bilder, entfaltete. Ihnen wurden Lichter angesteckt, sie wurden durch Weihrauch entrückt, gewaschen und gesalbt, man brachte ihnen Kuß und Fußfall entgegen, auf Prozessionen wurden sie mit kaiserlichem Zeremoniell mitgeführt, und wie durch die Gegenwart des Kaiserbildes erhielten Akte, die in ihrem Angesicht vollzogen wurden, rechtsverbindlichen Charakter. Marien- und Christusbilder sollten Kommunen und Völker vor äußeren uröd inneren Feinden schützen. Die Lehre von der Transsubstantiation, der Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi während des Abendmahls, schien in der bildlichen Erscheinung Christi unmittelbar anschaulich, so daß die Bilder Gottes als Fehdehandschuh gegen Sektierer benutzbar erschienen.

Die Position der Urchristen hatte sich damit in ihr Gegenteil verkehrt: Nicht nur die Bejahung, sondern auch die Verehrung von Bildern aufgrund ihrer übernatürlichen Kraft wurde zum Hauptmerkmal von Rechtgläubigkeit.

kunstwissen.de

 
>