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Erforschung der frühesten Kunstzeugnisse

Die Verfechter einer eigenständigen christlichen Kunst standen von Anfang an in Erklärungsnotstand. Als sich viel später die Protestanten in ihrer Bildkritik auch auf das bildlose Urchristentum bezogen, fand die katholische Gegenreaktion in künstlerischen Zeugnissen der Katakomben geeignete Belege, um die These vom bilderlosen Christentum zu verneinen: Die dort aufgefundenen Malereien nahm man als Zeichen, daß sich die Christen auch und gerade zu Zeiten der Verfolgung der Bildkunst bedient hatten, um Gottvertrauen und Heilsgewißheit zu erhalten.

Als zum ersten - und bis zum 4. Jahrhundert einzigen - Male von einem christlichen Theologen zu Bildern positiv Stellung genommen wird, geschieht dies bezeichnenderweise auf eher neutrale Art: CLEMENS von Alexandrien befürwortet um das Jahr 200 bei aller Kritik einer christlichen Kunst dennoch Siegelbilder. Er führt die Taube, den Fisch oder ein Schiff mit geschwellten Segeln als Motiv auf. Natürlich hat dies an christliche Symbole denken lassen, er fährt aber fort: " oder eine Leier - das Musikinstrument, das Polykrates auf seinem Siegelring hatte -, oder ein Schiffsanker, wie ihn z. B. Seleukos als Siegelbild benutzte . . .". Kaum konnte mit diesen Siegelbildern griechischer Herrscher von vornherein ein christlicher Sinn beabsichtigt gewesen sein. Nicht christliche, sondern christliche Gehalte nur umschreibende Motive schlug CLEMENS also vor; und vielleicht waren solche Anregungen gerade deswegen möglich, weil ihre Neutralität das christliche Bildverbot grundsätzlich nicht antastete


In der Kleinkunst, auf häuslichem und kirchlichem Gerät und auf Siegelbildern, die als Bezeichnung von Schriftstücken und Besitz unerläßlich waren, scheint sich diese Gewöhnung der Christen an bedeutungsvolle Bilder angebahnt zu haben. Gegen die romantische Vorstellung vom Ursprung christlicher Kunst in den Verstecken der Katakomben hat die jüngere Forschung betont, daß sich der Einsatz christlicher Bilder im Zuge des sozialen Aufstiegs des Christentums auf kostbaren Geräten und Schmuckformen hochgestellter Gemeindemitglieder und der Kirchenhierarchie eher unterschwellig vollzog. Von dort scheinen die Bilder zunächst in die Katakomben und später selbst in den Kircheninnenraum Eingang gefunden zu haben.

So wurde bei der Ausgrabung von Dura Europos, einer römischen Garnisonsstadt am Euphrat, ein im Jahre 256 verschüttetes Privathaus entdeckt, in dem ein Kirchenraum ausgestaltet worden war. Als sich die Synode im spanischen Elvira kurz nach 300 gegen die Bilder mit den unmißverständlichen Worten aussprach: " In den Kirchen darf es keine Bilder geben, und was man anbetet und verehrt, darf nicht auf die Wände gemalt werden", geschah dies demnach nicht vorsorglich, sondern abwehrend gegen eine bereits verbreitete Gewöhnung an den Umgang mit Bildern.

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