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::::::::::::Jüdisch-christliche Gottesvorstellung

Moses weicht beim Exodus vom Weg ab und geht auf einen Dornbusch zu, einen Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt (vgl. Exodus 3, 1/ff)

Dort begegnet ihm Gott, ein überraschender, wandlungsfähiger Gott. In der Gottesbegegnung am Dornbusch, die Mose widerfährt, sind verschiedene Wandlungen dieses Gottes auf engstem Raum zusammengedrängt. Ja, diese Erzählung ist wie ein Brennspiegel für die Wandlungsfähigkeit Gottes. Der Gott der Väter begegnet uns hier, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der die Nomadenstämme auf ihrer Suche nach neuen Weideplätzen begleitete. Aber auch an den Ort gebundene Gottesgestalten, Lokalgötter, treten uns hier entgegen: der Gott, der sich im Feuer des brennenden Busches zeigt, wie der, der am heiligen Berg wohnt. Einmal erscheint Gott in einem Boten, das andere Mal spricht er selbst. Verschiedene Namen werden ihm zugedacht. Vor allem aber: der Gott, der Mose hier entgegentritt, ist einer, der sich in all diesen Erscheinungsformen nicht nur zeigt, sondern zugleich entzieht. Er benutzt diese Erscheinungsformen, aber er bindet sich nicht an sie. Er begegnet im Feuer; doch er verschmilzt nicht mit dem Feuer. Er lässt sich am heiligen Berg hören; doch seine Stimme schallt darüber hinaus. Er ist der Gott der Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs; doch seine Macht ist nicht an den Zug der Nomadenstämme gebunden. Er ist ein überraschender Gott, der sich selbst vorbehält, wie er sich zu erkennen gibt: „Ich werde dasein, als der ich dasein werde".

Diese Selbstvorstellung Gottes ist das Ende aller bisherigen religiösen Magie. An keinen Ort lässt sich Gott magisch bannen; durch keine Riten kann der Mensch seine Gegenwart erzwingen. „Ich werde dasein, als der ich dasein werde." Ganz der Zukunft ist diese Formel zugewandt, mit der er sich vorstellt. Andere weisen auf ihre Leistungen in der Vergangenheit hin, um sich bekannt zu machen; er aber weist auf die Zukunft als einen Raum von Möglichkeiten, der sich auf keinen Begriff bringen lässt, auch nicht auf einen Begriff von Gott. Auf die Frage, wodurch er sich zu erkennen gibt, antwortet dieser Gott eben nicht: „Ich offenbare mich im brennenden Busch". Er antwortet nicht: Ich zeige mich in den Ordnungen der Natur, den heiligen Ordnungen meiner Schöpfung". Sondern die Antwort heißt: „Ich werde dasein, als der ich dasein werde." Gott ist der Unfassbare, wir erleben die Wandelbarkeit Gottes.

Oft genug hat man gedacht, Gott stelle sich so vor, wie sich Menschen einander vorstellen; und seine Überlegenheit zeige sich allein darin, dass er nicht wie unsereiner seinen Namen zu sagen braucht. Dann lag das Missverständnis dieser überraschenden Selbstvorstellung schon luf der Hand; denn nun las man sie so: „Ich bin, der ich bin." Gott - der ewig Gleiche, der in sich selbst Bestand hat, auf keinen anderen angewiesen.

Berühmte Denker haben vermutet dass der Mensch seine Vorstellungen auf Gott übertragen, auf Gott projiziert hat ; und sie haben dann gemeint, alle Religion sei gar nichts anderes als eine solche menschliche Projektion.

In der Neuzeit hat der Mensch jedoch Eigenschaften Gottes auf sich projiziert, auf sich übertragen; der Mensch ist dann an die Stelle Gottes getreten. Der Mensch erscheint so als das freie Wesen, das seiner selbst mächtig und Herr über die Natur ist, als der, der in sich selbst bestand hat, auf keinen anderen angewiesen. Und so hat derneuzeitliche Mensch auch die Selbstvorstellung Gottes für sich in Anspruch genommen: „Ich bin, der ich bin."

Der Gott, der sich so vorstellt, hat kein Interesse am „Ich bin". Sein Interesse gilt vielmehr ohne Vorbehalte denen, deren Schreien zu ihm dringt. Es gilt den geknechteten Hebräern in Ägypten, diesen Gastarbeitern, deren Arbeitskraft benutzt und deren Lebensfreude zugleich zerstört wird, diesen ausländischen Arbeitskräften, die das Funktionieren der ägyptischen Wirtschaft garantieren, von dieser Wirtschaft aber nur wenig profitieren. Nicht um seinetwillen, um ihretwillen stellt sich Gott vor. Um ihretwillen benutzt er den Dornbusch und lässt ihn brennen.

Alle Wandlungen Gottes werden aufgerufen -nur zu dem einen Ziel: um Antwort zu geben auf das Schreien der Gedemütigten, um den Geknechteten Freiheit zu bringen. Um ihretwillen ruft er: „Mose, Mose." Um ihretwillen, so denke ich; ruft er auch uns: Menschen, die am liebsten Ohren und Mund zugleich zuhalten, wenn die Ausländerfeindschaft um sie her ausgerufen wird, und die, wenn das Geschrei nicht mehr zu überhören ist, nur noch stammeln können: „Was soll ich denn sagen?" Die Antwort an Mose heißt: Geh zum Tyrannen und verlange die Freigabe der Sklaven. Brich mit ihnen auf und führe sie in ein schönes und weites Land, in dem sie nicht nur arbeiten dürfen, sondern auch Platz zum Leben finden. So beginnt der Exodus, der Aufbruch in die Freiheit. Weil er schon begonnen hat, dürfen wir auf ihn hoffen.

Hier wird nicht über Freiheit geredet, hier fängt Freiheit an. Sie beginnt, wo sich an faktischen Machtverhältnissen etwas ändert. Dem Pharao wird die Macht über die Israeliten genommen; sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Freiheit fängt so an, dass Ungleichheit im Namen Gottes einfach ignoriert wird, wo unsere Anpassung an die Sklaverei ein Ende hat.

in: W. Huber, Auf Gottes Erde leben, München 1985

 

 

 

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