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Kultbildablehnung

Allgemeine Einführung

Das Material der Kunstgeschichte ist weitgehend bestimmt. Während des Mittelalters, aber auch in der Renaissance und vor allem wieder im Barock hat die christliche Religion Thema und Funktion vieler Kunstwerke vorgegeben, und selbst nach Aufklärung und Säkularisation haben christliche Motive in der Kunst fortgelebt.

Die früchristliche Bildkritik und ihre Überwindung

Da die Bildkultur des Abendlandes über eineinhalb Jahrtausende vom Christentum bestimmt wurde, wird leicht übersehen, daß dieses ursprünglich bildlos war; zur christlichen Kunstauffassung gehört grundsätzlich die Kunstfeindlichkeit der ersten christlichen Generationen. Die Darstellung des christlichen „Bilderkultes" hat daher zunächst die Gründe der Ablehnung aller Bilder seitens der Urchristen zu klären; denn erst in Beziehung zur Bilderfeindlichkeit werden charakteristische Züge der christlichen Kunst und ebenso die Triebkräfte zu immer neuen Bilderstürmen deutlich, in denen in Erinnerung an das Urchristentum gegen die Bilder und Kunstwerke zu Felde gezogen wurde. Vor allem zwei Gründe waren für die ersten Christen ausschlaggebend:
1.die Ablehnung der Verehrung der römischen Kaiserbildnisse und
:2.der spirituelle, monotheistische Gottesbegriff. Beide Gründe hängen miteinander zusammen, bedingen sich aber nicht vollständig: die Kunstfeindlichkeit der frühen Christen hätte sich vermutlich auch ohne ihren Konflikt mit der Verehrung von Kaiserbildnissen entwickelt.

 

Aspekt 1- Ablehnung der römischen Kaiserbildverehrung

Erst spät wurden die Christen wegen ihrer Glaubensinhalte verfolgt; denn auch nichtrömische Religionsausübung war im römischen Reich ausdrücklich geduldet, solange ein Grundsatz unangetastet blieb: die Huldigung der Kaiserbildnisse. Diese Opferhandlung vor den Statuen oder Büsten des Kaisers bedeutete nach römischem Recht nicht Anerkennung eines bestimmten Glaubens, sondern die rituelle Loyalitätsbekundung gegenüber Kaiser und Staat. Lehnten die Christen die Kaiserbildverehrung aus religiöser Überzeugung ab, so verweigerten sie aus der Sicht des Staates die formalrechtlich gültige Treuebesiegelung gegenüber dem Gemeinwesen.' Und auch als Kaiser DECIUS in der Mitte des 3. Jahrhunderts das Christentum als Religion verfolgte, blieb die e Bereitschaft zumKaiserbildopfer das entscheidende Kriterium, das üher Freispruch oder Tod des Verdächtigen entschied. Daher verkörperte die religiös überhöhte kaiserliche Bildnisstatue den Christen die Martyrien ihrer Mitglieder, die sich für Glauben und Kirche geopfert hatten. Dies hat bewirkt, daß die Einstellung der Christen zur Skulptur problembeladen blieb; auch und gerade in Hochzeiten der Bildproduktion wurde immer wieder diskutiert' inwieweit heidnische Praktiken durch sie wiederbelebt würden. Das dreidimensionale plastische Kultbild behielt über lange Zeit eine negative Ausstrahlung.


Exkurs - Die Situation der Kirche nach Konstantin

Allein der Umstand, daß der im Zeremoniell einer göttlichen Symbolik auftretende Kaiser von nun an den Beratungen des Episkopats präsidierte, drängte die Kirche fortan aus dem Status der Bescheidenheit. Die neue Haltung repräsentativen Anspruchs zeigte sich im Kirchenbau, im Palastsitz des römischen Bischofs, in kultischer Prachtentfaltung nach kaiserlichem Modell und in mancherlei Herrschaftskompetenz. In kurzer Zeit häufte sich nun Reichtum, großer Reichtum in der Kirche an, und damit wandelten sich auch ihre Interessen. Hatte sie bislang der Freilassung von Sklaven ihre Stimme gegeben, so dienten ihr diese von jetzt an bei der Verwaltung der übereigneten Latifundien. Auf die Bischöfe übertrug sich der Glanz und die Autorität des Kaisers, zumal auf den Bischof von Rom, der den Ausbau seiner geistlichen und politischen Ansprüche von nun an erst realisieren lernte.

 

Auch die Situation der Gläubigen wandelte sich von Grund auf. War die Entscheidung zum Christentum bisher mit Zurücksetzungen, Bedrohung, Repression, Verfolgung und Todesstrafe verbunden gewesen, so wurde das christliche Bekenntnis nun Voraussetzung für eine öffentliche Karriere. War es bis dahin innerhalb der Gemeinden ungern gesehen, daß Christen Militärdienst leisteten, anfangs sogar strikt verpönt, so wurde die Kirche jetzt staatstragend, also auch für die militärische Moral zuständig. Waren bis 313 die Presbyter besonderer Gefährdung ausgesetzt, rückten sie jetzt, als besoldete Staatsbeamte, in einen exquisiten Privilegienstand. Mit der Konstantinischen Wende beginnt eine neue Periode der Kirchengeschichte, in der Religion und Politik, Kaiserkult und Gottesbild, Christenheit und Gesellschaft in enge Wechselbeziehungen treten. Die langfristigen Wandlungen, die darin angelegt sind, lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1. Das Christentum erscheint nun im Römischen Reich als Staatsreligion und Staatskult. Die Kirche beginnt sich nach dem Modell des Reiches umzugestalten. Dabei übernimmt sie gerade jenen Kaiserkult, der bis 313 ihre entschiedene Ablehnung fand. Zwar scheinen die Inhalte des Kultes verändert, doch da die Form beibehalten wird, hatte dies auch Konsequenzen für das christliche Glaubensverständnis. Das Kaiserbild wurde zur Matrix des Kultbildes; der Imperator prägte das Bild des Pantokrators, wie er übermächtig bald aus den Apsiden des basilikalen Kirchenbaus auf die Gemeinde herabschaut.

2. Der von Konstantin verliehene Status einer religio licita war nur die juristische Legitimationsformel des Anfangs. Tatsächlich erfolgte gleich nach 313 eine Privilegierung gegenüber den heidnischen Traditionen. Als dann Kaiser Theodosius I. das Christentum als ausschließliche Staatsreligion anerkannte, wurden unter den Sanktionen des staatlichen Rechts alle Staatsbürger zu Christen. Diese Gleichung »Mensch gleich Christ« erfolgte über politische Regelungen, ohne sich durch das Evangelium darin behindert zu fühlen, in dem die Aneignung der Frohen Botschaft doch als Angelegenheit der Wenigen begegnet, die außerdem noch die Aussicht haben, wie Schafe unter die Wölfe zu gehen.


Aspekt 2 - der spirituelle, monotheistische Gottesbegriff

Diese Vorbehalte gegenüber dem vollplastischen Bild wie auch jedweder Bildkunst waren in grundsätzliche Bedenken theologischer Art eingebunden. Daß die ersten Christen den Gedanken an eine christliche Kunst als Zumutung empfunden hätten, lag nicht nur in ihrer Abneigung gegenüber den heidnischen Götterbildern, sondern erfolgte auch aus der Anschauung ihres eigenen Gottes. Die Christen lehnten Idole nicht ab, weil sie falsche, nichtchristliche Götter zeigten; vielmehr konnte die materielle, bildhafte Präsentation als solche ihrem Gottesbegriff nicht entsprechen. 2 Vier Gründe waren es vor allem, die zu ihrer Kultbildkritik führten:

Der Monotheismus: Die Vielzahl der Kultbilder geriet in Gegensatz zu ihrem Begriff vom einzigen Gott.

Der Spiritualismus: Da der christliche Gott und alles mit ihm und der religiösen Praxis Verbundene als geistig und immateriell begriffen wurden, schien jedwede christliche Bilderpraxis Gotteslästerung.

Die Parusie: Die beständige erregte Erwartung der Wiederkehr Christi während der ersten Generationen und deren jenseitige Orientierung konnten kaum auf materielle, diesseitige Bilder vertrauen.

Das Bilderverbot der Zehn Gebote: Die nicht vom Heidentum, sondern vom jüdischen Glauben übergetretenen Christen empfanden sich als Sachwalter des alttestamentlichen Erbes: "Dann sprach Gott all diese Worte: Ich bin Jahwe, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen..."(Exodus 20,1ff) sowie Deuteronomium 5,8

 Die Anzahl der noch heute überlieferten christlichen Bildwerke läßt leicht vergessen, daß Juden- wie Christentum ursprünglich bildfeindliche Religionen gewesen sind. Im Alten Testament ist dies in den Zehn Geboten ebenso deutlich ausgesprochen wie in zahlreichen überlieferten Aufforderungen zur Idolzertrümmerung. Bis weit in das 2. Jahrhundert galt den Christen eine eigene Kunstproduktion als völlig absurd, zumal sie vor allem wegen ihrer Verweigerung der Verehrung der Kaiserstatuen verfolgt wurden. Gerade mit der mehrdirmelisionalen Skulptur verband sich daher immer der Ruch von Götzendienst. Der christlichen Kunst lief insofern deren Kritik voraus, und als das Christentum sich über seine eigenen ursprünglichen Bedenken hinwegsetzte und seine Kunst zu entwickeln begann, wurde diese von der Bild- und Kunstkritik wie von einem Schatten verfolgt. Seit dem 4. Jahrhundert verbanden sich die Attacken gegen die katholische Großkirche mit Angriffen auf deren Bildpraxis. Die theologischen Kontroversen um die Berechtigung christlicher Bilder entluden sich in mehreren Wellen massiver Bilderstürme: Im S. und 9. Jahrhundert in Byzanz, im 15. Jahrhundert im Einflußbereich der Hussiten und im 16. Jahrhundert auf der Seite der Protestanten. vor allem der Calvinisten, in Teilen der Schweiz, Deutschlands, Frankreichs, der Niederlande, Englands und Skandinaviens.

Selbst wo sich im protestantischen Bereich eine eigene Bildkultur entwickelte, versucht sie bis heute alles, was an Bildverehrung und Bilderkult erinnert, zu vermeiden. Protestantische Kunst ist Anleitung zur Erinnerung, zur gedanklichen Reflexion, auch zum künstlerischen Genuß, nie aber Anreiz zur Anbetung durch Augenlust. Die katholische Kirche dagegen reagierte auf die Bilderstürme mit womöglich noch gesteigertem Bildnerischen Aufwand - gereinigt allerdings von Ubertreibungen der Bildanbetung. Zwischen calvinistischer Ablehnung, lutherischer Duldung und katholischer Förderung wirkt die Frage nach Berechtigung religiöser Bilder bis heute nach.

 Zusammenfassung:

- Die Verehrungsformen christlicher Bilder leiten sich aus den Anbetungsformen der Kaiserbildnisse der Spätantike her;

- Die Skulptur war aufgrund ihrer Nähe zum heidnischen Idol besonders umstritten ;

- Die Entwicklung des christlichen Kultbildes entstand in Einklang mit dem Reliquienkult ;

- Zur christlichen Kunst gehört die christliche Bildkritik.

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