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Buchmalerei

Heute besitzen weniger als zehn Prozent unserer Bevölkerung keine Bücher, hingegen verfügt ein Drittel der Haushalte über hundert Bände und mehr. Diese weite Verbreitung von Büchern ist erst ein Ergebnis der jüngeren Entwicklung. Lesen und Buchbesitz war lange Zeit ein Vorrecht der Geistlichen und Gelehrten, der Hofbeamten und reichen Kaufleute.

Im Mittelalter blieb anfangs die Fähigkeit des Lesens und Schreibens auf die Priester und Mönche beschränkt, erst seit dem 12.Jh. mit der vermehrten Schriftlichkeit in Verwaltung, Politik und Wirtschaft erhielten auch Laien in den Städten Unterricht. Die meisten Bücher waren in Latein abgefaßt, doch zunehmend für die neuen Leser aus Adel und Bürgertum auch in den Volkssprachen wie Deutsch, Italienisch und Französisch. Sie alle aber wurden bis zur Erfindung des Buchdrucks mit einzelnen Druckbuchstaben durch Johannes Gutenberg um 1440- von Mönchen, Nonnen und Berufsschreibern mit der Hand abgeschrieben. Diese Handschriften waren teuer und fast unerschwinglich, wenn sie auch noch künstlerisch mit Ornamenten und bunten Bildern ausgestaltet waren. Vor allem wurde die Heilige Schrift, die Basis christlichen Glaubens, Lehrens und Handelns, mit Bildschmuck versehen. Darüber hinaus gab man wissenschaftlichen Abhandlungen, Tier- und Kräuterbüchern erklärende Zeichnungen bei, zudem illustrierte man Geschichtswerke und Dichtungen.

Das dauerhafte, aus gegerbten Tierhäuten hergestellte Pergament wurde seit dem 13.Jh. langsam durch das billigere Papier ersetzt. Die Texte schrieb man mit Gänsefedern in Tinte. Die Buchmalereien, auch Miniaturen nach der lateinischen Bezeichnung für die Farbe Rot (minium) genannt, führten die Künstler mit Pinsel und Rohrfeder in Wasser- oder Deckfarben aus. Bei Luxushandschriften verwendete man außerdem noch Gold und färbte das Pergament mit Purpur ein.

Die prachtvollsten und aufwendigsten Werke der mittelalterlichen Buchmalerei wurden im Auftrag der deutschen Kaiser geschrieben und ausgemalt. Neben der Stiftung eines Kirchenbaus selbst waren Bücher und Goldschmiedewerke die ansehnlichsten Weihegaben der Herrscher, Bischöfe und Äbte an die Kirchen und damit an Gott. Für uns ist es schwer, die ganze Bedeutung dieser so kostbar ausgestatteten Bücher zu erfassen. Die Bibeln und die liturgischen Handschriften mit den Texten und Anweisungen für den Gottesdienst waren geweihte Gegenstände. Die Ehrfurcht vor dem geoffenbarten Wort Gottes heiligte auch das Buch, in dem es geschrieben stand. Wir wissen, daß man in frühchristlicher Zeit bei einigen großen Kirchenversammlungen ein Evangelienbuch auf den Stuhl des Vorsitzenden legte, um an die unsichtbare Gegenwart Christi, an das "menschgewordene Wort" zu erinnern. Daraus erklärt sich, warum weder an Zeit noch Ausstattung gespart wurde. Häufig band man die Handschrift noch in mit Gold, Edelsteinen, Emailplättchen und Elfenbeinreliefs geschmückten Buchdeckel ein.

Je nach ihrer Funktion bei den feierlichen Gottesdiensten verwendete man verschiedene Buchtypen. Die vier Evangelien waren das wichtigste Buch der mittelalterlichen Kirche und ihre malerische Ausschmückung die bedeutendste Aufgabe für die Buchmaler. Zu Beginn eines jeden Evangeliums wurde der Evangelist dargestellt, schreibend, lehrend oder nachsinnend, meist begleitet von geflügelten Mischwesen: Engel-Matthäus, Löwe-Markus, Stier-Lukas, Adler-Johannes. Als fünftes Bild eines solchen Evangeliars kam oft noch der thronende oder richtende Christus hinzu. Tabellen faßten die übereinstimmenden Stellen der vier Evangelien zusammen (Konkordanz). Diese Zahlenreihen rahmten gemalte Bögen und Giebelarchitekturen ein, vereinzelt mit Bildnissen und Szenen bereichert (Kanonestafeln). Schon im 6. Jahrhundert fügte man Bilder aus dem Leben und der Passion Christi hinzu.

Neben den Evangelien wurden am häufigsten die 150 Psalmen abgeschrieben, da sie nicht nur während der Messe als Psalter, sondern um Litaneien erweitert als Gebetbuch der Geistlichen wie der Laien verwendet wurden. Ihr Bildschmuck besteht weniger aus erzählenden als aus deutenden und erklärenden Darstellungen, welche besonders die Bezüge zwischen den einzelnen Psalmenversen und den Ereignissen im Neuen Testament herausstellten. Nur zu liturgischen Zwecken, zum Gebrauch beim Gottesdienst, wurde das Evangelistar hergestellt. Es enthält nur die während der Messe im Lauf des Jahres verlesenen Abschnitte aus den Evangelien (Perikopen). Neben den Bildern von den Evangelisten, von Aposteln, Heiligen und Kirchenpatronen begegnen uns in ihnen häufig Szenenfolgen, in den Text eingeschoben oder als Vollbilder auf einer Seite. Auch die anderen liturgischen Texte wie Epistolar und Sakramentar wurden reich geschmückt. Sie alle wurden seit dem 13.Jh. in dem Missale, dem Meßbuch, zusammenengefaßt.

Besonders häufig deutete man die Apokalypse des Johannes bildlich aus. Die Visionen von dem siegreichen Kampf der Kirche gegen die teuflischen Mächte haben die Phantasie der Künstler bis zu Dürer und Rubens immer wieder angeregt. Die Darstellungen sind nicht nur Schmuck, sondern Veranschaulichung der "Offenbarung".

 

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