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Gotische Kunst aus:Arnold Hauser, Sozialgeschichte der Kunst und Literatur, München 1953

Zur Form: S. 288-290 Die Grundform der gotischen Kunst ist die Addition. ... Es sind gleichsam die Etappen und Stationen eines Weges, durch die es den Beschauer führt, und es ist ein panoramisches, revueartiges, kein einseitiges, einheitliches, von einem einzigen Gesichtspunkt beherrschtes Bild der Wirklichkeit, das es erschließt.

... In der gotischen Kunst ist nicht der subjektive Gesichtspunkt das Wichtige, nicht der gestaltende Wille, der in der Meisterung des Stoffes zur Geltung kommt, sondern das thematische Material, das in der Wirklichkeit zerstreut ist und an dem sich "Künstler" und Publikum nicht sattsehen können. Die gotische Kunst führt den Beschauer von einer Einzelheit zur anderen und veranlaßt ihn, wie bemerkt wurde, die Teile Darstellung nacheinander abzulesen; die Kunst der Renaissance läßt ihn dagegen bei keinem Detail verweilen, erlaubt ihm kein Element der Darstellung vom Ganzen abzutrennen, zwingt ihn vielmehr, alle Teile simultan zu erfassen. Wie die Zentralperspektive in der Malerei, so ermöglicht die konzentrierte, räumlich und zeitlich zusammenfassende Szene im Drama vor allem diese Simultaneität der Anschauung zu verwirklichen.

Die Veränderung, die mit der Renaissance in der Raumvorstellung und damit in der ganzen Kunstauffassung vor sich geht, kommt vielleicht am schlagendsten darin zum Ausdruck, daß das mittelalterliche, aus einzelnen unzusammenhängenden Szenerien aufgebaute Bühnenbild mit der künstlerischen Illusion auf einmal als unvereinbar empfunden wird. Das Mittelalter, das den Raum als etwas Zusammengesetztes und in seine Elemente zerlegbares auffaBte, ließ nicht nur die verschiedenen Szenerien eines Dramas nebeneinander aufstellen, sondern erlaubte auch den Schauspielern, während der ganzen Aufführung, das heißt auch wenn sie an der Handlung nicht beteiligt waren, auf der Bühne zu bleiben. Denn so wie der Zuschauer die Dekoration, vor der nicht gespielt wurde, einfach übersah, nahm er auch von der Anwesenheit der Schauspieler, die in der sich gerade abspielenden Szene nicht beschäftigt waren, keine Notitz. Eine solche Teilung der Aufmerksamkeit erscheint nun der Renaissance als unmöglich. ... Für die neue Kunstanschauung bildet das Kunstwerk eine-unteilbare Einheit; der Zuschauer will den ganzen Spielraum der Bühne mit einem einzigen Blick umfassen, so wie er den ganzen zentralperspektivischen Bildraum der Malerei mit einem Blick erfaßt. (Mit der Renaissance beginnt der Rationalismus das gesamte geistige und materielle Leben zu beherrschen.)

 S. 293 Auch die Einheitsprinzipien, die in der Kunst jetzt maßgebend werden, das einheitliche Raumgefühl und der einheitliche Massstab der Proportionen, die Beschränkung der Darstellung auf ein einziges Hauptmotiv und die Zusammenfassung der Komposition in einer mit einem einzigen Blick erfaBbaren Form, entsprechen diesem Rationalismus.

 S. 356 Erst seit der Renaissance geht die Malerei von der Annahme aus, daß der Raum, in dem sich die Dinge befinden, ein unendliches, stetiges und homogenes Element ist und das wir die Dinge in der Regel einheitlich, das heißt mit einem einzigen und unbewegten Auge sehen.

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