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Es gibt keine Gesetze für Produktion und Kunst

Walter Grasskamp, Jahrgang 1950 ist Kunstkritiker und -soziologe. Er hat seit 1995 den Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Münchner Akademie.

Strittig zu sein ist die Qualität der Qualität. Qualität ist, wie Religion, eine Sammelbezeichnung für völlig verschiedene Glaubensvorstellungen. Unterscheiden sich die Religionen danach, welche Götter verehrt werden, so ist für die Qualität ausschlaggebend, an welche Kriterien man glaubt. Diese gibt es überall in populären Sammelpackungen: Handwerk oder Spontaneität, Tradition oder Innovation, Verklärung oder Subversion, peinture oder bad painting.

 Als man noch Poetiken hatte, zeitübergreifende Gesetzbücher künstlerischen Handelns, konnte sich jeder ein fundiertes Urteil erlauben. Nachdem die ewigen Normen allesamt historisch geworden sind' konnte die Nachfolgerin der Poetik, die Ästhetik, die Kunst zwar noch beurteilen, aber keine Gesetze mehr durchsetzen - damit war der Weg zur Privatreligion geebnet.

 Aber auch Privatreligionen neigen zum Fundamentalismus. Als Kampfbegriff ist Qualität daher so häufig gegen unwillkommene Kunstrichtungen eingesetzt worden, daß er im Verdacht steht, als Bollwerk gegen das Neue zu dienen. Schien die Akademie der letzte Garant goltiger Normen zu sein, so hat auch sie sich schließlich jener Ökumene unterordnen müssen, welche die Privatreligionen entschärft hat: dem Markt.

 Seitdem sind Qualitätskriterien nur noch relativ zu den Gruppen und Kulturen zu verstehen, in denen sie gepflegt werden. Das hört sich nach bequemem Relativismus an, ist aber keiner. Spätestens seit der Gotik, dem Opus modernum, ist Kunst ein Mittel, sich von vorhergehenden Gesellschaften zu unterscheiden, und das mit zunehmender Geschwindigkeit-bis hin zum Innovationsrausch der Moderne.

 Seither definiert Kunst Zeitgenossenschaft mit unterschiedlichen Mitteln. Zu diesen kann, wie schon im Klassizismus, auch die Wiederaufwertung abgelegter Stile gehören. Der Avantgardismus hat diese Leistung kräftig übertrieben, indem er gleich auch die Stile der Zukunft zu liefern versprach - die Zukunft hat aber längst nicht mehr den Glamour des Jahrhundertbeginns.

 

Die Postmoderne ist daher bescheidener: Sie betreibt ein klassisches Geschäft der Moderne, nämlich Zeitgenossenschaft zu definieren. Dafür eignet sich vor allem die Kunst, darin liegt ihre Qualität, und die ist zwangsläufig strittig,wie schön!

Walter Grasskamp -Jan.1999

kunstwissen.de

 
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