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Nur das Publikum glaubt an eindeutige Qualitätskriterien

Udo Kittelmann, 40, ist seit Sommer 1994 Chef des Kölnischen Kunstvereins. Der gebürtige Düsseldorfer leitete vorher den Kunstverein in Ludwigsburg

 

Die Frage nach der Qualität von Kunst ist so alt wie die Kunst selbst. Und wahrscheinlich gab es auch immer schon eine Divergenz zwischen ihrer Bewertung in der Zeit ihrer Produktion und der Beurteilung im Rückblick - hier sei nur an das Beispiel van Gogh oder in jüngerer Vergangenheit an Beuys erinnert. Doch ist Qualität in der heutigen Kunst, also ihre Güte und ihr Wert, endgültig abgemeldet? Darauf gibt es nur eine Antwort: natürlich nicht. Nur haben sich die Kriterien für Qualität verschoben. Qualität im Sinne eines stabilen Wertmaßstabes, der unabhängig von Zeit und Ort funktioniert, gibt es nicht mehr.

 Das mag auch der Grund dafür sein, warum der Dialog unter Kennern mittlerweile scheut, das hehre Wort „Qualität" in den Mund zu nehmen. Nur das breite Publikum hängt immer noch gerne eindeutig - zumeist handwerklichen - Kategorien des Qualitätsurteils nach. Aber längst sind Stil und Werk nicht mehr fest aneinander gebunden. Im freien Spiel mit den Medien und Materialien ist alles möglich geworden - alles kann Kunst sein, aber nicht alles muß Kunst sein. Mit der Abkehr von der Kontinuität innerhalb ihres Gesamtwerkes haben Künstler auch das vormals starre Raster ihrer Beurteilung überwunden und damit eine andere Qualität von Qualität erreicht, die der früheren in keiner Weise nachsteht.

 Daher ist heute die Kontinuität von Qualität kein notwendiges Kriterium mehr für diese. Kunst wird in vielen Fällen momentan gedacht, auf ihre Wirkung im Hier und Jetzt berechnet und ihre möglicherweise verfrühte Verfallszeit in Kauf genommen. In der Folge ergeht es manchem Künstler nicht anders als vielen Popstars, die mit einem Song die Hitparaden stürmen und bald wieder von der Bildfläche verschwinden. Aber sie haben einen Evergreen geschaffen.

 Und wollen heute nicht Künstler Katalysatoren sein, deren Interesse weniger der Objektproduktion, sondern der Ästhetik der „Diffusion" ihrer eigenen Gedanken gilt? Letztlich gilt immer noch, was Walter Benj amin notierte: „Es ist von jeher die Aufgabe der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist. Die sich ergebenden Extravaganzen und Kruditäten der Kunst zumal in den sogenannten Verfallszeiten gehen in Wirklichkeit aus ihrem reichsten historischen Kräftezentrum hervor."

 

Und wer wollte ernsthaft bezweifeln, daß ein Film von Matthew Barney es mit einem Bild von Hieronymus Bosch aufnehmen kann?

Udo Kittelman - Jan 1999

kunstwissen.de

 
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