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Qualität ist ein Produkt ideologischer Arbeit

Stephan Schmidt Wulffen ist seit 1992 Direktor des Kunstvereins in Hamburg. Der 47jährige promovierte Kommunikationswissenschaftler war vorher Kunstkritiker

Keine Kunst ohne Kunsturteil! Aber es ist schwerer geworden, jene Informationen ausfindig zu machen, die ein Urteil überhaupt erst ermöglichen. Qualitätsbewertung setzt die Kenntnis von künstlerischen Strategien und Zielsetzungen voraus. Es macht eben keinen Sinn, den berühmten Flaschentrockner von Marcel Duchamp aufgrund der handwerklichen Fähigkeiten seines Schöpfers zu beurteilen oder die Datumsbilder On Kawaras auf ihre kompositionellen Qualitäten hin zu prüfen. Bis in die sechziger Jahre war es einfacher, solche imaginären Landkarten für das Kunstgeschehen zu entwickeln. Doch dann kam Künstlern und Theoretikern ihr idealistisches Weltbild abhanden und sie ließen sich auf die praktischen Zusammenhänge des gesellschaftlichen Lebens ein. Seither müssen wir zwischen männlichen und weiblichen Artikulationen unterscheiden, Techniken der Subkultur kennen, aktivistische, lokal operierende Interventions- von Museumskunst unterscheiden. Ganz zu schweigen von der intellektuellen Debatte, die in den letzten zwei Jahrzehnten völlig neue Wahrnehmungs- und Diskursregeln für die bildende Kunst etabliert hat. Dazu gehört auch die Einsicht, daß Qualitätsmerkmale nicht an Objekte gebunden, sondern Produkte einer ideologischen Arbeit sind.

Bei meiner aktuellen Auseinandersetzung mit der „neuen Malerei" halte ich mich an Erfahrungswerte wie den, daß gute Kunst die Brücken zu ihren Vorgängern nie vollkommen abgebrochen hat: Die Malerei sollte bei allem schönen Schein auch gesellschaftliche Strukturen thematisieren. Theoretiker wie Dave Hickey haben mir geholfen, eine Vorstellung von Aura zu entwickeln, die sich von den Anschauungen der fünfziger und achtziger Jahre sinnvoll unterscheidet. Und schließlich gilt, daß gute Kunst immer auch einen konzeptuellen Beitrag geliefert hat. Schön malen reicht eben doch nicht ...

Stephan Schmidt-Wulfen -Jan.1999

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