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Qualität ist eine humane Kategorie

Petra Kipphoff studierte Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte und ist Kunstkritkerin der Wochenzeitung „Die Zeit'

 

Qualität? Lange nicht mehr gehört. Natürlich: Lebensqualität. Oder: Qualitätsware. Ist es ein Zeichen von Souveränität oder Orientierungslosigkeit, daß Qualität im Kunstzusarnmenhang abhanden gekommen ist?

 Qualität? Lange nicht mehr benutzt. Qualität ist das Gegenteil von Quantität. Schlag nach bei Goethe: „Betrachten wir aber dieses (das Universum), insofern uns die Fähigkeit gegeben ist, mit vollem Geiste und aus allen Kräften, so erkennen wir, daß Qualität und Quantität als die zwei Pole des erscheinenden Daseins gelten müssen."

 Mit vollem Geiste: Der Geist fängt oft bei der Immobilie, will sagen dem Bankkonto an. Wenn jemand heute Kunst kauft und eine Karriere als Sammler anfangen will, dann fragt er nicht nach Qualität, sondern er fragt den Galeristen. Und woran orientiert der sich? „Was man hört, bestimmt offenbar, was man sieht", heißt es in Martin Walsers neuem Roman „Ein springender Brunnen". Oder auch: Das Sein des Marktes bestimmt das Bewußtsein der Kunst. In einigen Köpfen, auch der Ausstellungsmacher und Kritiker, hat die Innovation die Qualität beerbt. Womit Kunst zur Frage des Jahrgangs wird oder auch des Patentrechts und man beim Saisongeschäft der Auto- und Modeindustrie angelangt wäre.

 Quantität ist eine Kategorie, in der es um Zahl, Gewicht, Material geht. Qualität ist eine Kategorie, in der es um die Relationen und Wechselwirkungen geht zwischen Mensch, Obj ekt, Werkzeug, Material. Qualität ist eine humane Kategorie. Sie ist keinesfalls abgemeldet, aber der Begriff scheint heute nicht mehr zeitgemäß. Zum Beispiel, weil die handwerkliche Meisterschaft, die jahrhundertelang ein selbstverständliches Ingredienz der Qualität war, keinen Stellenwert mehr hat. Und weil es nicht mehr allein um die vorwiegend optische Erfahrung eines Bildes, einer Skulptur, einer Zeichnung geht. Was in dem Wort Qualität konzentriert gespeichert war, hat sich diversifiziert, aufgelöst in ein Bündel von Wahrnehmungen und Erfahrungen. Für die es viele Epitheta ornantia gibt. Nur der arme Museumsdirektor, der muß immer noch Qualität einkaufen.Oder?

Petra Kipphoff -Jan 1999

kunstwissen.de

 
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