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Qualität gilt vielen inzwischen als Anachronismus

Lorand Hegyi, 44, ist Spezialist für die zeitnenössische Malerei Osteuropas. Seit 1990 leitet der gebürtige Ungar das Museum moderner Kunst in Wien

Betrachtet man die Ausstellungen zeitgenössischer Kunst der letzten Jahre und verfolgt die Diskussionen über die neuesten Ereignisse der Gegenwartskunst bzw. ihre Selbstdarstellung, läßt sich feststellen, daß die oben gestellte Frage - leider - ihre Berechtigung hat. Es gibt immer weniger Reflexion über die Qualität der Kunstwerke, unabhängig davon, in welchen Medien sie realisiert wurden. Der Kontext der Definition des Begriffes Qualität ist völlig unklar geworden, seine Verwendung für viele Kunstkritiker fast ein Synonym für Konservativismus und Anachronismus. Die formalen Kriterien und die inhaltlichen, ikonografischen und sogar kultursoziologischen Referenzen sind irrelovant geworden - wegen der völligen Abwesenheit eines Sensus communis, der noch in den sechziger und siebziger Jahren präsent war, also in der Epoche der letzten noch bewußt kohärenten Richtungen, die eine mit der Konzeption leicht identifizierbare Sprache anstrebten.

 Die Bewertung der Ergebnisse künstlerischer Tätigkeit - früher hätten wir ohne Hemmungen über „Kunstwerke" gesprochen - ist von verschiedenen Qualifikationsversuchen wie Mode, Sensation, Spektakularität, Zeitgeist, Ambiente, Provokation abhängig. Zweifellos müssen wir die Qualität neu definieren, sie vom nicht mehr adäquaten kulturgeschichtlichen Kontext loslösen.

 In der Praxis des Kunstschaffens und der Kritik operieren wir trotzdem weiter mit diesem - wenn auch nicht immer klar ausgesprochenen oder zugegebenen - Begriff Qualität. Etwa wenn wir selektieren, gewisse Künstler zur Mitarbeit einladen, bestimmte Werke in unsere Ausstellungen integrieren. Die leidenschaftlichen Kämpfe um die Künstler und die ebenso leidenschaftliche Ablehnung gewisser Phänomene weisen auf ein immer noch latent existierendes Qualitätsbewußtsein hin.

 

Für mich ist Qualität vor allem Authentizität, die Kompaktheit und Strukturiertheit eines OEuvres, die Schärfe des Blickes, welcher uns eine Erfahrung vermittelt, sowie Tiefe und Reichtum der Kontextualisierung im anthropologischen, soziologischen und kulturgeschichtlichen Sinne.

Lorand Hegyi - Jan 1999

kunstwissen.de

 
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