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Qualität liegt heute im Umgang mit den Werken

Boris Groys 1947 in Berlin geboren, emigrierte 1981 aus Moskau lehrte russische Geistesgeschichte in Münster und unterrichtet heute an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe

Der Begriff Qualität, verstanden als Kriterium für die Beurteilung der Kunst, ist auch heute keineswegs obsolet geworden. Allerdings hat sich die Art, wie die Qualität eines Kunstwerks bestimmt wird, mit der Zeit geändert. Über eine lange Zeit hinweg hat die Feststellung einer hohen Qualität bedeutet, daß das Kunstwerk aus besonders wertvollen Materialien gemacht wurde - wie Gold, Silber oder Marmor - und daß die Bearbeitung dieser Materialien besonders präzise, fein und bewundernswert war. In der Moderne hat sich dagegen allmählich die Bestimmung der Qualität als Herkunft durchgesetzt. Die Wertschätzung eines individuellen Kunstwerks im modernen Kunstsystem wurde im wesentlichen aus seinen Herkunftsurkunden abgeleitet - aus dem Nachweis, daß es dem Genie eines bedeutenden Künstlers entstammt. Die modernen Kunstwerke bildeten somit eine Aristokratie unter den Dingen.

 Heute ist der moderne Mythos vom Künstler als Vater seiner Werke verblaßt und unglaubwürdig geworden. Daraus wurde oft der falsche Schluß gezogen, daß der Begriff Qualität damit ebenfalls seine Geltung verloren hat. Dem ist aber nicht so. Die Künstler, die für unsere Zeit repräsentativ sind, verwenden zwar in erster Linie das allgemein zugängliche, profane und mediale Bildergut, das vor aller Augen anonym und mit Hilfe der Technik entsteht.

Aber diese Künstler tun es auf eine solche Weise, daß dieser Gebrauch von der Gesellschaft immer wieder als individuell, persönlich, originell und damit besonders wertvoll anerkannt wird. Die Qualitätsunterschiede sind heute weniger im Ursprung der Bilder als vielmehr im Umgang mit ihnen zu suchen. Im heutigen Kunstsystem sind nicht die Dinge als solche aristokratisch, sondern ihre künstlerische Verwendung gilt als besonders interessant.

Boris Groys - Jan 1999

kunstwissen.de

 
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