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>Biosphere 2 < in Arizona, USA

Zum Frühstück 18 Erdnüsse- Überlebenskapsel ist heute eine Touristenattraktion

 

Der Highway 77 in Arizona führt von Tucson nördlich nach Oracle. Ödes, heißes Land. Karger, gelber Boden mit struppigen Sträuchern, seltsamen Kakteen und sonnendurchglühtem Gestein - Klapperschlangen-Revier.

Am Kilometerstein 96,5 geht rechts eine Straße ab. Nichts Dramatisches. Wäre da nicht dieser Felsbrocken. Ein unübersehbarer Wegweiser - zu Biosphere 2, einem der interessantesten Projekte der Erde, das spektakulär scheiterte.

Geldgeber Edward Bass schloß einen Vertrag mit der Columbia Universität ab, die Biosphere 2 seitdem als ein einzigartiges, gigantisches Labor betreibt. Wissenschaftler darunter auch Vertreter der weltberühmten Harvard-Universität, untersuchen etwa die Auswirkungen eines wachsenden Kohlendioxidgehaltes in der Luft auf die Pflanzenwelt. Das erworbene Wissen soll, wie es in einer Broschüre heißt, „uns zu besseren Hütern unseres Planeten machen, uns lehren, Umweltprobleme auf intelligente Art zu lösen und uns vielleicht neue Lebensräume im Weltall zu schaffen."

Die gläserne Arche liegt, abseits des Highway 77, in den majestätischen Santa Catalina Bergen. Herrliche, preisgekrönte Architektur, inspiriert von den Maya-Pyramiden und arabischen Windtürmen, mit spektakulärem Blick ins Tal. Biosphere 2, namentlicher Nachfolger der Erde, Biosphere 1, ist eine künstlich geschaffene Welt aus Glas, Stahl und Beton. Im Prinzip ein riesiges Gewächshaus, das durch eine Glashaut und Erdschleusen hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt ist.

 

Verwirklicht in den Zeiten des Kalten Kriegas und finanziert vom texanisehen OlMilliardär Ed Boss, war Biosphere 2 als Uberlebenskapsel gedacht und diente zur Vorbereitung für eine menschliche Siedlung auf dem Mars. Die 1 Hektar große und 150 Millionen Dollar teure Glaskuppel vereint mehrere Ökosysteme unter einem Dach: Regenwald, Sumpf, Mangrovendickicht, Savanne und Wüste, Ozean, Korallenriff und Lagune.

 

700 Sensoren: Im Inneren messen über 700 Sensoren alle drei Minuten Temperatur und Luftfeuchtigkeit, kontrollieren den CO2 Gehalt, die Beschaffenheit des Bodens, des Wassers und der Luft. Gewaltige GummiMembrane, die sich immer wieder zusammenziehen und entfalten, sorgen für Druckausgleich. Sonst würde Biosphere 2 wie ein Dampfkochtopf ohne Ventil gesprengt.

Während des eigentlichen zweijährigen Experiments von 1991-93 lebten und versorgten sich innerhalb der >Biosphere 2< acht Wissenschaftler (vier . Frauen und vier Männer). Für das Leben im geschlossenen System ist das ein neuer Rekord. Allerdings machten erhöhter Sauerstoffverbrauch durch parasitäre Mikroben, ein rasanter Anstieg von Kohlendioxid, Ernährungsprobleme und eine tropische Wanderameise, die sich in die Wurzelballen von Pflanzen eingeschlichen hatte, den „Bionauten" dasLeben schwer. Sie hielten zwar durch, litten aber für die Wissenschaft. Ein Gruppenmitglied verlor sogar bedrohliche 50 Pfund an Gewicht.

Nicht besser erging es einer zweiten Gruppe von Wissenschaftlern, die sich im März 1994 einschließen ließ. Nach sechs Monaten gaben die fünf Männer und zwei Frauen ausgehungert und mit ihren Kräften am Ende, au£ Durch den täglichen Uberlebenskampf war ihnen keine Zeit mehr zum Forschen geblieben.

Die Kraftlosigkeit, an der die „Bionauten" litten, hatte mit ihrer Ernährung zu tun.Denn die Eingeschlossenen konnten nur essen, was sie zuvor angebaut hatten. Hier Mißerfolge zu haben hieß: den Gürtel enger schnallen.

 

Kurzatmigkeit, Müdigkeit und Gliederschmerzen waren Folgen des rasanten Anstiegs von Kohlendioxid und des Absinkens des Sauerstoffgehaltes im Inneren der gläsernen Arche, hervorgerufen durch parasitäre Mikroben, die gegen die ausdrückliche Warnung von Wissenschaftlern in die reichhaltige Erde gesetzt worden waren, damit alle Pflanzen auch gut wachsen. Außerdem reicherte sich die Luft stark mit Lachgas an. In der freien Atmosphäre wird es von den ultravioletten Strahlen der Sonne unschädlich gemacht. Die Glashaut der Biosphere 2 aber blockte diese Strahlen ab. Die Luft war so dünn wie auf einem Gipfel, der höher als das Matterhorn ist. Und der Lachgasgehalt erreichte Werte', die das Gehirn schädigen können.

 

Ameisen und Kakerlaken übernehmen die Herrschaft: Was auch immer bei der ersten Biosphere 2-Mission schiefgegangen war, wurde vom Management verschwiegen oder beschönigt. Die Öffentlichkeit reagierte mit Hohn und Spott. Das Ganze sei wohl eher eine Show als ernsthafte Wissenschaft. Völlig unbeeindruckt ließ sich eine zweite Gruppe von Wissenschaftlern in die Uberlebenskapsel einschließen. Als die fünf Männer und zwei Frauen das Handtuch warfen, konnte das Management die Gründe für das Scheitern .nicht mehr länger verbergen.

Kakerlaken bot diese vergiftete Atmosphäre einen idealen Lebensraum. Gemeinsam mit den „Grazy Ants", einer Ameisenart, übernahmen sie die Herrschaft über Biosphere 2. Der ehrgeizige Versuch, eine Ersatz-Welt aus Menschenhand zu schaffen, führte letztlich zu einer ökologischen Katastrophe.

Biosphere 2 ist heute eine Touristen-Attraktion. Offenbar sind viele Besucher der Ansicht. die geheimnisvolle Uberlebenskapsel wenigstens einmal mit eigenen Augen gesehen haben zu müssen. Die meisten Forschungslabore sind zwar geschlossen. Trotzdem lohnt sich ein Besuch, denn es wird einiges geboten: ein Konferenz-Zentrum, eine nachempfundene MiniaturBiosphere, Vorträge über Umweltschutz, ein Restaurant ein Internet-Cafe und sogar ein Hotel.

Am besten, man nimmt an einer Führung teil. Treffpunkt ist das Besucher-Zentrum. Zur Einstimmung gibt es einen Film zu sehen. Anschließend geht es durch verschiedene Forschungs- und Entwicklungs-Anlagen. Höhepunkt ist der Besuch der Biosphere 2-Wohnräume. In der Küche steht eine Speisekarte aus der Zeit des letzten Experimentes. Darauf steht mit Filzstift geschrieben: „Frühstück: 18 Erdnüsse".

Achim Roggendorf

• Kontakt: - (001520) 8966200 oder Internet:http://www.bio2.com

 

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