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Frühe
Ingenieursbauten
(etwa 1780 - 1900)
Gußeisenbrücke über den Severn (GB), 1795 n.Chr.
Das 19.Jahrhundert ist trotz Klassizismus und Historismus auch ein Jahrhundert des Experiments, in dem an neuen Bauaufgaben neue Materialien und neue Konstruktionen erprobt werden. In ihm vollzieht sich auch langsam die Ablösung der verschiedenen historischen Baustile durch einen der Industriegesellschaft angemessenen Formausdruck. Hinter den neuen Bauaufgaben Warenhaus, Ausstellungshalle, Bahnhof u.dgl. stehen anonyme Kapitalgesellschaften, für die Gesichtspunkte der Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit maßgeblich sind. Die neuen Baustoffe Gußeisen, Stahl und Beton stehen vor der Bewährung.
Bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts sind sich die mit den Architekten in Wettbewerb tretenden Bauingenieure kaum bewußt, welche künstlerischen Möglichkeiten die neuen Aufgaben und Materialien bieten. Ihrer Überzeugung nach bringt die Eisen-Glas-Bauweise lediglich wirtschaftliche und konstruktive Vorteile. Deshalb belassen sie ihre Bahnhöfe nicht durchweg als Zweckbauten, sondern »verschönern« sie durch Anleihen an die traditionelle Steinbauweise. Sehr äußerlich verknüpfen sie überkommene Formen mit neuen Techniken, indem sie gußeiserne Säulen nach korinthischer Ordnung formen oder neuartige Eisen-Glas-Konstruk tionen hinter antikisierenden Fassaden verbergen. Nur solche Bauaufgaben lösen sie von Anfang an unbefangen funktionsbestimmt, bei denen seit jeher der Zweckgedanke vorherrschend ist. Beispiel hierfür sind die im späten 18.Jahrhundert konstruierten Gußeisenbrücken zu Coalbrookdale und Buildwas, die zu ihrer Zeit aber als technische, nicht als architektonische Leistungen gelten.
Die Gußeisenbrücke bei Buildwas über den Severn von TH. TELFORD (1795) ähnelt mit ihren 40 m Spannweite noch weniger als die Brücke bei Coalbrookdale einer Steinbrückenkonstruktion. Zwei Gelenkbögen ermöglichen eine sparsamere Materialverwendung. Fachwerkartige Vergitterung erhöht die Knicksteifigkeit des tragenden (höheren) Bogens. Da das verwendete Gußeisen geringe Biegefestigkeit besitzt, verwendet man bei späteren Konstruktionen Gußeisen zur Aufnahme des Drucks, Schmiedeeisen für Zug- und Biegebeanspruchung (zuviel Schmiedeeisen = zuviel Schwingung, zuviel Gußeisen = zu große Bruchgefahr). Das seit über zweieinhalb Jahrtausenden bekannte Eisen spielt nun als Baumaterial eine immer größere Rolle. Neue Produktionsverfahren (Hochofen, Bessemer-, Thomasbirne) ermöglichen die Eisen- und Stahlgewinnung in großen Mengen.
Für die Weltausstellung von 1851 auf dem Gelände des Hyde-Parks schreibt eine Kommission einen Wettbewerb u. a. mit folgenden Auflagen aus: leichte Montier- und Demontierbarkeit, Wiederaufbaumöglichkeit an anderem Ort, höchstens ein Jahr Bauzeit. Nachdem bereits 245 vorgelegte Pläne abgelehnt worden sind, erregt ein Entwurf Paxtons wegen der günstigen Kosten- und Baubedingungen Aufsehen. Er sieht vor, daß die Einzelteile (u. a. 3 300 eiserne Säulen, 300 000 Glasscheiben und viele Eisenträger) von der Industrie vorfabriziert und an Ort und Stelle zusammengefügt werden. Paxton hat sofort die Öffentlichkeit auf seiner Seite. Das größte Beispiel des 19. Jahrhunderts für eine vorgefertigte und demontierbare Konstruktion wird in einer Bauzeit von wenigen Monaten fertiggestellt. Innerhalb des Grundrisses wachsende Ulmen werden mit überbaut ).
Dieses neuartige Gebäude trägt zu dem wirtschaftlichen Erfolg der Ausstellung bei, die von 6 Millionen Menschen besucht wird. Die Besonderheiten des sogenannten Kristallpalastes sind: noch nie erreichte Ausmaße (Länge 563, maximale Breite 124, maximale Höhe 33 Meter), keine tragenden oder ummantelnden Mauern, vorgefertigte und genormte Bauteile (eisernes Skelettgerüst und Glastafeln). Die Auflagen der Baukommission erfordern eine völlig neuartige Planung, um die beteiligten Industrien zu koordinieren. Die vielen gleichen Einzelelemente sowie die allseitige Ausleuchtung schaffen ein bis dahin unbekanntes Raumerlebnis. Bismarcks späterer Vertrauter Lothar Bucher beschreibt die ungebrochene Helligkeit des Bauwerks folgendermaßen: »Wir sehen ein feines Netzwerk symmetrischer Linien, aber ohne irgend einen Anhalt, um ein Urteil über die Entfernung desselben von dem Auge und über die wirkliche Größe seiner Maschen zu gewinnen ... Das Auge streift an einer unendlichen Perspektive hinauf, deren Ende in einem blauen Dunst ver
schwimmt ... in dem alles Körperhafte, selbst die Linie verschwindet ... es fehlt ganz an dem Schattenwurf, der sonst der Seele den Eindruck des Sehnervs verstehen hilft.«
Trotz dieser beeindruckenden ästhetischen Wirkungen kommt Paxton von dem Zwiespalt zwischen strenger ingenieurmäßiger Konstruktion und traditioneller Stilisierung nicht los. So greift er fast gleichzeitig mit der Planung des Kristallpalastes wieder herkömmliche Bauvorstellungen auf, indem er etwa dem Turnraum eines Londoner Hospitals in dekorativ durchgestalteter Eisen-Glas-Konstruktion eine Fassade mit steinernen Ecktürmen vorsetzt.
Die unbegrenzt scheinenden Möglichkeiten von Eisenkonstruktionen prägen besonders in Frankreich - zunächst unter dem Deckmantel des Historismus - die Architektur. Charles Garnier etwa gestaltet seine Pariser Oper (1861- 1874) neubarock, erzielt jedoch durch Eisenkonstruktionen, die er hinter Putz und Mauerwerk versteckt, Weiträumigkeit und Verringerung der tragenden Bauteile. Dem Betrachter bleibt dadurch die Grundlage der Statik verborgen (Abb. 343).
Mit der Maschinenhalle auf der Pariser Weltausstellung von 1889 machen die Architekten
CONTAMIN und DUTERT keine Zugeständnisse mehr an die Tradition. Die Formen sind ganz versachlicht, nur noch durch ihre Funktion bestimmt. Die Dreigelenkskonstruktion der Halle ermöglicht eine frei überspannte Weite von 115 Metern, gegenüber 22 Metern beim Kristallpalast. Die Anordnung von Glasund Keramikplatten an der Fassade unterstreicht noch die Eigenständigkeit dieser Architektur.
Architekten
England
JOSEPH PAXTON (1803-1865).
Sein
Kristallpalast wird als erstes Beispiel für die Verwendung
industriell hergestellter Fertigteile epochemachend (Abb.
340, 341).
Vereinigte Staaten
WILLIAM LE BARON JENNY (1832-1907).
Die
ästhetisch anspruchslosen Bauten dieses Ingenieurs bereiten
den Weg für die Skelettbauweise mit Eisen- bzw.
Stahlelementen.
Louis HENRI SULLIVAN (1856-1924) schafft den Typus des Geschäftshochhauses. Er verwendet JugendstilOrnamente, ordnet sie aber der funktionellen Klarheit seiner Bauten unter.