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Die Architektur des Barock (1600 - 1780)

  Der Stil des absolutistischen Zeitalters - etwa von 1600 bis 1780 - ist das Barock. Das Tridentinische Konzil , 1545-63, läutet die Zeit der Gegenreformation ein. Die neugewonnene Macht der Kirche solidarisiert sich im 17. Jahrhundert wieder mit der weltlichen. Ihrer beider Machtentfaltung ist durch das Gottesgnadentum legitimiert. Die Vertreter beider Mächte sind absolute Herrscher.

Wie die Gegenreformation geht er von Rom aus. Die Ausmaße seiner Bauten, die Gliederung der Räume und der Prunk der Dekoration propagieren die Autorität der Kirche und der Staaten. Wenn er sich auch in Deutschland und England erst Mitte des 17. Jahrhunderts durchsetzt, wenn auch die protestantischen Länder gewisse Sonderstellungen einnehmen, so ist er doch für nahezu 150 Jahre eine - und bis heute die letzte - einheitliche Stilform, die imstande ist, alle künstlerischen, geistesgeschichtlichen und gesellschaftlichen Bedürfnisse der Zeitgenossen abzudecken.

Der Barock entsteht in Rom auf der Grundlage der Renaissance-Elemente. Die neue Konzeption teilt sich sogleich in zwei parallele Strömungen:

1. Die barocke Strömung beginnt mit Michelangelos Erfindung »Kolossalordnung« am Kapitolspalast, 1564 und Vignolas Raumprinzip von Il Gesu 1568-76: Der römische Kirchentyp ist eine Wandpfeilerkirche mit tonnen- gewölbtem Langhaus, Vierungskuppel, Seitenkapellen.

2. Die klassizistische Strömung beruft sich auf Alberti und Palladio und bestimmt in der Folge vor allem die Architektur Frankreichs und Nordeuropas. Nachdem sich dynamische Kraft und gesellschaftliche Voraussetzungen des Barock Ende des 18. Jahrhunderts erschöpfen, setzt sie sich im Klassizismus in ganz Europa durch. Der Barockmensch hat ein überschaubares Bildungsideal mit geringer Spezialisierung. Es ist immer noch weitgehend identisch mit den >Sieben Freien Künsten. Die Kenntnis der Bibel und der antiken Mythologie kommt hinzu und ein verfeinerter Geschmack, der über die europäische Mode orientiert ist, Sentimentalität aber ebensowenig ausschließt wie saftige Derbheit.

 

Das machtbewußte, extravertierte Ichgefühl des barocken Menschen f indet seinen Gegenpol in einer gefühlsstarken, oft rauschhaften »Inbrunst zum Jenseitigen«. Dementsprechend hat auch alle barocke Kunst gemeinsam die Darstellung des sichtbaren Universums und dessen, was man unsichtbar, aber empf indungsstark dahinter weiß: der Transzendenz. Wo das Thema - wie im Schloßbau nur Diesseitiges herzugeben scheint, wird die Transzendenz als Ursache der Pracht (»von Gottes Gnaden«) und örtlich-räumlich (Schloßkapelle) doch immer einbezogen. Die Intention barocker Kunst ist universaltranszendental. Oder: Im Sichtbaren verehrt sie das Unsichtbare.

 Die Summe all dessen spiegelt sich in der kirchlichen und feudalen Architektur. Sie entdeckt die unverbrauchten Möglichkeiten, die in der Weiterentwicklung der Renaissance-Formen liegen. Das Wesen barocker Baukunst ist Repräsentation. Mit ungeheurem Schwung ergreift sie die zahlreichen weltlichen und geistlichen Herrscher in Europa, aber auch die Bürger. Könige, Bischöfe, Fürsten und Äbte werden von einer immensen Bauwut erfaßt. Sie verschwendet sich in die Riesenausmaße der Kirchen, Schlösser und Parks und verdoppelt ihre Pracht in den Spiegeln künstlicher Gewässer. Der Architektur sind alle anderen Kunstgattungen untergeordnet. Sie werden von ihr engagiert und dem Ziel der Repräsentation funktionell zugeordriet: Bildhauer und Maler sind die Zuträger symbolträchtiger Ausstattung, Stuckfiguren gehen unmerklich in Deckenfresken über, deren raffinierte Perspektive dem Gebäude die Illusion räumlicher Unendlichkeit verleiht.

Die Spannungen aus universalen und transzendentalen Intentionen verfestigen sich in exemplarischen Bauformen, die dieser Polarität gleichnishaft entsprechen. So kommt dem Grundriß eine steigende Bedeutung zu, ja er wird selber schließlich zum Kunstwerk voller Tiefsinn und Symbolkraft. Galt z. B. der Kreis als Sinnbild für das säkularisierte Ichgefühl des Renaissance-Menschen, so dokumentiert sich für den Menschen des Barock »in den Schwingungen der Ellipse und der Parabel das Abbild leidenschaftlicher Verwobenheit des Personalen mit der Unfaßbarkeit des Alls«. So geht auch bei aller Weltfreudigkeit die absichtsvolle Strenge nie verloren. Sie zeigt sich allenthalben in einer unbedingten Symmetrie, dem Bild und Gleichnis göttlicher Ordnung.

 

Solche Gesamtkunstwerke - der Begriff wird erst im 19. Jahrhundert geprägt - setzen vielseitige Organisatoren voraus. Schwierigkeiten bereitet die Geldbeschaffung. Wenn auch kostbare Materialien bevorzugt werden, so muß doch auch das Kunsthandwerk oft genug mit Surrogaten aushelfen, wenn Bronzierung das fehlende Gold, Stucco lustro, ja bemaltes Holz den teuren Marmor erset zen. Außerdem ist Eile geboten; denn der aufs höchste gesteigerte Ichkult des Bauherrn begründet zugleich die berechtigten Zweifel, ob sein ebenso egozentrischer Nachfolger das begonnene Werk fortsetzen oder statt dessen sich selber ein neues, d. h. ein anderes Denkmal setzen wird. Deshalb sind die Bauzeiten barocker Schlösser und Kirchen meist erstaunlich kurz - Schloß Solitude in Stuttgart wird in 4, Sanssouci in 2, Wien, Karlskirche 9 Jahre, Steingaden, Wieskirche 8 Jahre, Benediktbeuren, Kloster 5 Jahre; Weltenburg,. Entsprechend schlampig ist oft die handwerkliche Arbeit, soweit sie durch Putz und Tapeten verdeckt werden kann.

 

Die Entscheidungen des Tridentinischen Konzils orientieren sich am Frühchristentum. Sie sind die geistigen Grundlagen der Gegenreformation. Dieser theoretischen Plattform steuert Vignola schon in der ausgehenden Renaissance mit Il Gesu den adäquaten Kirchentyp der Wandpfeilerkirche bei, der eine moderne Version der altchristlichen Basilika darstellt und sich bald als ein außerordentlich praktikables Modell für den Kirchenbau des gesamten Barock erweist, das hundertfach übernommen und abgewandelt wird. Der höchste Triumph dieser Erfindung ist Madernas Anfügung eines Langhauses nach dem modif izierten Schema von Il Gesu an den Zentralbau der Peterskirche. Die normale Pfarr- und Klosterkirche wird ein Langbau. Aber schon Il Gesu verbindet den Langbau mit der Idee einer zentralen Kuppelvierung. Seit dem Hochbarock gewinnt der Zentralbau zunehmend an Bedeutung: sowohl als selbständiger Baukörper wie auch als Bestandteil des Langbaus. In Nachhinein stellen sich die Einzelentwicklungen und Ambivalenzen von Zentral- und Langbau dar als drei Wege zur Vereinheitlichung des Kirchenraumes:

1 . Das frühbarocke Konzept der Wandpfeilerkirche wird in einigen Kirchen des Spätbarock nach Abstoßung der Nebenräume (Seitenkapellen, Querschiff, Chornebenräume) und der Kuppelvierung zur reinen Saalkirche reduziert.

2. Der reine Zentralbau des Hoch- und Spätbarock stellt die Idealform der Raumeinheit dar.

3. Zentralisierung des Langraumes im Spätbarock. Der Zentralbau frißt den Langbau.

 

Bevorzugung des Zentralbaus:

- Fassaden werden dynamisch geschwungen: konkav vorwiegend bei Kirchen, die an Plätzen stehen (Rom: S. Agnese, - konvex oder konvex-konkav besonders oft bei Fassaden, die in die Straßenzeile eingebunden sind (Rom, S. Carlo alle quattro fontane,). Portalbau schwingt gelegentlich vor (Rom: S. Maria della Pace, S.Andrea al Quirinale - Raumdurchdringungen (Rom, S. Ivo,, Borromini; Turin, S Lorenzo, Guarini) - die Fassadentürme nach dem Vorbild der unausgeführten Entwürfe Berninis für St. Peter ( Rom, S. Agnese,) werden auch für Nord- und Osteuropa bestimmend.

Guarini legt in seinem Buch »Architettura civile«, 1668 als Stichwerk, 1737 mit Text erschienen, die mathematischen und ästhetischen Grundlagen seiner Bauideen dar, darunter besonders die Durchdringung verschiedener geometrischer Raumformen. Seine Ideen beeinflussen besonders die Baukunst nördlich der Alpen.

Hauptwerk des Barock ist der Zentralbau von Santa Maria della Salute, Longhena in Venedig. - Der Portikus mit 2 Säulenpaaren und Dreiecksgiebel ist dem Baukörper weit vorgestellt und wird für zahlreiche französische Barockkirchen typisch.

Wie im gesamten außeritalienischen Europa steht der Frühbarock, der wegen des 30jährigen Krieges erst spät beginnt, ganz unter dem Einfluß italienischer Architekten. Während der protestantische Norden unter den Einfluß des holländisch-französischen Klassizismus gerät, gelingen im katholischen Süden gegen Ende des 17. und besonders im 18. Jahrhundert neue Bau- und Dekorationsformen, in denen deutsche Baumeister die Bewegtheit des italienischen Barock (Bernini, Guarini) und ab 1735 auch das französische Rokoko mit eigenen Vorstellungen mischen. Fortan verbleiben hier Führung und Vollendung des europäischen barocken Kirchenbaus.
Die Glanzzeit des österreichischen Barocks liegt zwischen 1690 und 1750, in der die italienischen Meister bald durch bodenständige Kräfte abgelöst werden.

Architekten

Frühbarock:Michelangelo, 1475-1564 / C. Maderna, 1556-1629 / G. Bernini, 1598-1680

Hochbarock, 1630-1700:
G. Bernini, 1598-1680 /Borromini, 1599-1667 / P. B. da Cortona, 1596-1669 / C. Rainaldi, 1611-1691 / G. Guarini, 1624-1683/ B. Longhena, 1598-1682/ F. Mansart, 1598-1666

Hochbarock, 1643-1715: Hauptvertreter:Frankreich:. Hardouin-Mansart, 1646-1708

Deutschland, 1660-1780: Hauptvertreter: G. Dientzenhofer, t 1689 / J. Dientzenhofer, 1663-1726
/ K. L. Dientzenhofer, 1689-1751/ G. Bähr, 1666-1738/ B. Neumann, 1687-1753/ C. D. Asam, 1686-1739/ E. Q. Asam, 1692-1750/ D. Zimmermann, 1685-1766/ J. K. Schlaun, 1695-1773

Österreich, 1618-1780 :Hauptvertreter: J. 8. Fischer von Erlach, 1656-1723 /J. L. v. Hildebrandt, 1668-1745

Italien
GIAN LORENzo BERNINI (1598-1680) beeinflußt als Architekt und Bildhauer die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts in fast ganz Europa. Er baut u.a. die gewaltigen Kolonnaden vor dem Petersdorn (Abb. 313), den 28 Meter hohen Hochaltar dieser Kirche und die Scala Regia, eine Treppenanlage im Vatikan, deren Wirkung auf der Verjüngung der gesamten Anlage und der kontinuierlichen Verminderung der Stützenabstände beruht.

FRANCESCO BORROMINI (1599-1667) leitet den Hochbarock mit bewegten räumlichen Verschränkungen und komplizierten Kurven in Grund- und Aufriß ein. Seine schwungvollen Blendfassaden erfahren im süddeutschen und österreichischen Raum vielgestaltige Abwandlungen (Abb. 309).

Deutschland
JOHANN BERNHARD F[SCHER VON ERLACH (16561723). Sein Hauptwerk, die Karlskirche in Wien, verherrlicht mit ihrer an das Pantheon erinnernden Vorhalle und den zwei flankierenden, an die Trajanssäule erinnernden Säulen die Macht des Kaisertums. Der ellipsenförmige Hauptraum ist von einer ebenfalls ellipsenförmigen, riesigen Kuppel gekrönt (Abb. 310, 311).

JOHANN LUKAS VON HILDEBRANDT (1668-1745) studiert, wie viele Architekten seiner Zeit, in Rom. Er prägt durch mehrere bedeutende Kirchen und Paläste (u.a. Schloß Belvedere für Prinz Eugen, Abb. 319) das Stadtbild Wiens.

JOHANN DIENTZENHOFER (1663-1726). Sein Hauptwerk ist neben der Klosterkirche von Banz das Schloß Weißenstein bei Pommersfelden, das sich vor allem durch ein imposantes Treppenhaus auszeichnet.

Frankreich
Louis
LE VAU (1612-1670) begründet mit einer Gruppe ausgezeichneter Maler, Bildhauer, Stukkateure und Gartengestalter in der ersten Ausbauphase Versailles' den sog. Louis XIV-Stil.

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