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Expressionismus

Ein rein deutsche Entwicklung ist die expressionistische Architektur. Sie erwuchs parallel zum Expressionismus in der Malerei und dem Jugendstil der Jahrhundertwende heraus in der Entdeckung des Organischen. Während der Jugendstil eher dekorierend tätig ist ( Fassadengestaltung , bis auf Antonio Gaudi) ging es dem Expressionismus um Themen sowohl geistig-spiritueller als auch gesellschaftspolitischer Art. Rudolf Steiner , der Begründer der Anthroposophie, war schon um 1910 überzeugt , "daß von der Architektur geistig-moralische Wirkungen ausgehen". Seine Bauten mit ihren konvexkonkaven Schwüngen und Kanten, die entfernt an den Kubismus erinnern, haben eine organische, kubisch anmutende Gestalt. Zum Tragen kommt der Expressionismus in der Architektur erst nach dem 1. Weltkrieg, als mit der Ablösung des Kaiserreichs durch die Weimarer Republik Aufbruchstimmung entsteht. Im Zuge der Novemberrevolution von 1918 engagieren sich die Architekten im Arbeitsrat für Kunst", verfassen Manifeste und tauschen in Briefwechseln - am bekanntesten ist die "Gläserne Kette" - ihre Visionen aus. "Es lebe die Utopie! " schrieb Hermann Obrist, und Walter Gropius proklamierte: "Gnade der Phantasie ist wichtiger als alle Technik." Das Manifest des von ihm 1919 gegründeten "Bauhaus" schmückte der Holzschnitt "Kathedrale des Sozialismus" von Lyonel Feininger. Bauaufträge gab es kaum. "Seien wir mit Bewußtsein imaginäre Architekten'! " schrieb Bruno Taut. Er propagierte eine Architektur aus funkelndem Kristall, plante ein "Haus des Himmels" und schlug vor, die Alpen mit einer ungeheuren Glasarchitektur zu überziehen. Hermann Finsterlin, Vertreter einer plastisch aufgefaßten Architektur, wollte sogar "sphärische Symphonien" bauen. Er schuf Hunderte von fantastischen Zeichnungen, Aquarellen und Modellen- die heute von Frank O. Gehry erdacht sein könnten- konnte jedoch keine größeren Projekte verwirklichen - zur Genugtuung eines Kritikers, der sie als "Anarchie" und "formlose Wurstelei" bezeichnete. Expressionistische Architektur wurde jedoch auch realisiert , sie kam u. a. beim noch jungen Film zur Anwendung (Hans Poelzig baute 1920 für "Golem"). Fritz Höger realisierte 1921 in Hamburg das "Chilehaus" mit den doppelt gekurvten Seiten. Eines der eindrucksvollsten expressionistischen Bauwerke aber ist Erich Mendelsohns "Einsteinturm" in Potsdam.

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