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Konstruktivismus

Der moderne Ingenieurbau stellt die nach der Gotik verlorene Einheit von Konstruktion und Baugestalt wieder her. Bei Brücken, Hallen und Glasdächern steigern sich nicht nur Größe und Perfektion, an den weitgespannten Konstruktionen bildet sich auch eine neue Asthetik aus. Sie gewinnt mit dem 300 m hohen Eiffel-Turm zur Weltausstellung 1889 in PARIS eine den großen histor. Sakralbauten vergleichbare Position.

Aber die meisten Architekten bleiben der Technik gegenüber noch zurückhaltend. Sie wollen mit ihrer Hilfe lieber subjektive Formvorstellungen verwirklichen, als aus ihr heraus neue architekton. Strukturen entwickeln. So z. B. setzt sich zwischen 1890 und 1900 die 1. Schule von Chicago mit der Durchdringung von Architektur und Technik, dem von ihr proklamierten Funktionalismus, gegen den allgemeinen Historismus nicht durch.

In Europa bricht um die Zeit des 1. Weltkriegs bei einer sehr kleinen Minderheit der Architekten ein radikaler Technizismus durch. In Rußland entstehen unter den revolutionären Künstlern schon um 1915 die Strömungen des Suprematismus und des Konstruktivismus. Sie fordern den Abbruch aller Traditionen und den Aufbau einer neuen Wirklichkeit im traditionsleeren, von MALEWITSCH als Wüste bezeichneten Raum.

Von den zwei Hauptgruppen des Konstruktivismus will die OSA-Gruppe (mit Wjesnin, Ginzburg u. a.) nur den sachl. Zweck der Gebäude erfüllen und lehnt alle künstler. Prinzipien als Formalismus ab.

Die ASNOWA-Gruppe (mit LA DOWSKIJ, EL LISSITZKY u. a.) will neue künstler. Prinzipien für die Baukunst aus der Technik ableiten. Sie neigt einem Symbolismus zu, der durch die Baugestalt die Technik als Kraft des revolutionären Fortschritts beschwören soll.

EI Lissitzky (1890-1941) ersinnt in dem 1924 entworfenen Projekt Wolkenbügel eine völlig neuartige Gestalt des Bürohauses, das in den USA bereits die Form des senkrecht aufstrebenden Wolkenkratzers angenommen hat. Er trennt die Funktion der senkrechten Erschließung, d. h. den üblichen Gebäudekern mit den Aufzugschächten, demonstrativ von der Funktion der übereinander geschichteten Bürogeschosse. Eine Gruppe von Verkehrstürmen, aus je 4 riesigen Stützen und den innen stehenden Aufzuggerüsten bestehend, trägt die turmhoch über dem Straßenniveau horizontal weit auskragende Stahlkonstruktion der Bürogeschosse.

Das techn. und formal konsequente Projekt stürzt die gewohnte Typologie und Ästhetik um. Es bringt den im normalen Bürohochhaus typ. Zusammenhang vertikaler und horizontaler Elemente in ein neues, paradoxes Verhältnis, in dem das Spiel von Stütze und Last in die Dimension des Städtebaues übertragen wird. Es läßt sich als eine profane Demonstration gegen das histor. Stadtbild auffassen, in dem die Sakralbauten mit ihren Türmen aus der horizontalen Masse der Stadt wie aus einem Sockel aufragen. Nun wird die profane, rationale Arbeitswelt als die Wahrheit der Industriegesellschaft symbol. in den Himmel gehoben. Sie tritt an die Stelle der sakralen Symbole der hierarch. patriarchal. Gesellschaft des alten Moskau. Ein - irrationaler Triumph der Konstruktion.

Die Neuorientierung der Architektur 1931 unter dem Druck der Fünfjahrpläne und der öffentl. Meinung entzieht solchen Projekten jede Möglichkeit zur Realisierung. (»Auch das Volk hat ein Recht auf Säulen.«)


Im übrigen Europa entwickelt sich aus der Tradition des techn. Bauens ein rational kontrollierter Konstruktivismus. Er tritt nach 1920 in eine kurze radikale Phase ein, beeinflußt von der allgemeinen emphatischen Bejahung derTechnik. Ihre Erzeugnisse: Autos, Schiffe, Flugzeuge erscheinen als Vorbilder für eine neue Architektur (LE CORBUSIER: Wohnmaschine).

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