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Die Architektur des Jugendstils ( 1890 -1910 )
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Jugendstill ist der Versuch einer Antwort auf den Historismus des 19. Jahrhunderts, der weder in der Architektur noch im Kunsthandwerk einen eigenen Stil hervorgebracht hat.
Wissenschaft und Technik machen gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewaltige Fortschritte. Sie verändern Weltbild und Lebensstil. Wer mit der Zeit lebt, spürt, daß sie reif ist für eine durchgreifende »Lebensreform« des Bürgers. In ständig sich erweiterndem Rahmen finden solche reformatorischen Bewegungen ihren Ausdruck etwa in den Bestrebungen nach einer »Reformkleidung« der Frauen, in den Bünden des »Wandervogels«, aber auch in den zunächst belustigenden, dann ärgerniserregenden Postulaten der Suffragetten. Sie kulminieren schließlich in dem weltweiten Schrei der Zukurzgekommenen nach sozialer Gerechtigkeit.
Von England geht um 1890 eine Bewegung aus, die eine neue Ästhetik der Kunst propagiert und bald ganz Europa ergreifen wird. Ihre ersten Bemühungen richten sich auf das Ornament. Stilisierte Pflanzen- und Tierformen in weich gekrümmten, bewegten Linien, flächig und schattenlos, dadurch fern jedem Naturalismus oder Historismus - am ehesten noch spätgotischen Formen und der japanischen Malerei verwandt -, assoziieren ähnlich lyrische Stimmungen wie die zeitgenössische Dichtung. Von dorther stammen auch die ersten Aufträge für eine neue Buchgraphik. Bald macht sich auch die Plakatkunst die großzügige, augenfällige Wirkung des neuen Stils zunutze.
Den Weg über das Kunstgewerbe gehen William Morris und seine Freunde. Ihre Werkstätten für Möbel, Stoff- und Tapetendekors f inden in vielen Städten Nachfolger mit eigenen Formensprachen (vgl. 380). Die bekanntesten entstehen in München, 1897, Dresden, 1898, Wien, 1900, Nancy, 1901, und in der Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe, 1900. In Glas-, Zinn- und Porzellangegenständen zeigt sich auch noch einmal der Einfluß japanischer Kunst, der schon für den Impressionismus so bedeutsam war.
Aber Jugendstil ist mehr als Eckmann-Schrift und Lautrec-Plakat, will auch mehr, als Beardsleys und Oscar Wildes freizügige Raff inessen vorstellen. Er will auch mehr als nur einen neuen, unhistorischen Einrichtungsstil.
Er ist »das erste Stilphänomen mit universellen Ansprüchen seit dem Barock - mit dem Anspruch, der das totale Leben für sich fordert. An die Stelle der katholischen Kirche im Barock ist hier die >Weltanschauung< getreten, die diese universelle Forderung an das Leben begründen sollte« (Willy Haas, Die Belle Epoque). Er betreibt die » Humanisierung der bürgerlichen Welt durch die Kunst«. Die schöne, zweckmäßige Form soll in allen Dingen selbstverständlich sein. Der Virtuose, das künstlerische Idol des 19. Jahrhunderts, soll abgeschafft, der Künstler aus seiner Isolierung gegenüber dem Volk (und Kunstgewerbe) befreit werden. Es geht also wieder um das »Ge_ samtkunstwerk«. Aber es ist paradoxerweise doch wieder ein »Star«, der diese Ansprüche am nachhaltigsten, zumindest am spektakulärsten erfüllt: Richard Wagner, erklärter Held des Jugendstils und Erf i nder des Begriffs vom Gesamtkunstwerk, das in seiner Oper realisiert sein soll als Einheit von Handlung, Musik und Bild, ja sogar als Verkettung von Kunst und Leben in seinen sozialen und ästhetischen Formen. In der Tat hat nie mehr eine Kunstform so sehr alle Strömungen ihrer Zeit aufzusaugen und weiterzureichen gewußt wie die Wagner-Oper.
Architektonische Gesamtkunstwerke entstehen in der zweiten Phase des Jugendstils, als Ende der 90er Jahre seine ersten Wohnhäuser gebaut werden. Auch ihre Architekten verstehen sich - ungeachtet der ursprünglichen Absicht des Jugendstils - nicht als Handwerker, sondern als Genies. Aus ihrer Hand stammen Außen- und Innenarchitektur, Mobiliar, Teppiche und selbst die nebensächlichsten Gebrauchsgegenstände (Wolfgang Pehnt: »bis zum Petschaft auf dem Schreibtisch«). Victor Horta treibt den Dialog mit dem Auftraggeber so weit, daß er seine Häuser als »Porträts« ihrer Bewohner angesehen wissen will. Aber für ein solches »Wohnset« von Horta, Gaudi oder Van de Velde kommt nur eine f inanzkräftige Elite als Käufer in Betracht, die sich überdies auch die Ausbildung eines erlesenen Geschmacks leisten kann. Für das Volk, den Arbeiter, dem doch eigentlich die gute Absicht gilt, ist diese Kunst zu teuer. Den volkspädagogischen Intentionen ihrer Verfechter widersetzt sich überdies der traditionelle Argwohn des Proletariers gegenüber dem Intellektuellen, der ihm neues Heil durch die Kunst anbietet.


Bald treten auch die ersten Kunst-»Ismen« mit ihren weit radikaleren Programmen auf, die die volksbildenden Absichten des Jugendstils links überholen. - 1905 wird die »Brücke« gegründet, die Wiege des norddeutschen Expressionismus,
- 1905 stellen auch die »Fauves« im Pariser Salon d'Automne zum erstenmal ihre bestürzenden Bilder aus, - 19 10 malt Kandinsky in München sein erstes abstraktes Aquarell. - Ebenfalls 19 10 vollziehen Braque und Picasso ihre radikale Trennung von der optisch erfaßbaren Natur. »La nature existe et ma toile aussi« lautet Picassos lapidares Manifest. - 19 10 treten die Kubisten zum erstenmal - ebenfalls im Salon d'Automne - vor die Öffentlichkeit, - 19 10 trennt sich die Künstlerjugend Berlins von der impressionistisch orientierten »Sezession« und gründet die »Neue Sezession«.
Schließlich bedeutet der Ausbruch des Weltkrieges das Ende des Jugendstils. Die bittere Realität, Blut und Not setzen sich über seinen Ästhetizismus hinweg.


So wird verständlich, was Meier-Graefe als Fazit der Jugendstilbewegung schreibt: »Wir trugen zuviel Kunst in unseren an sich lebenswerten Gedanken hinein. Die Kunst sollte mit dem Leben verbunden werden. Wir erdachten alle möglichen Verbindungen, aber sie waren alle zu künstlerisch, um nicht zu sagen künstlich. Und je mehr wir deren erdachten, desto weiter wich das Leben von unseren schönen Plänen zurück.«


Dennoch verbleiben markante Spuren der Jugendstilarchitektur: - ein sichtbarer Trend zu menschenwürdigeren Arbeitersiedlungen - eine große Zahl von räumlich großzügigen, wohnlichen MietWohnhäusern, von Hotels, Kaufhäusern und Kommunalbauten in den Formen des Jugendstils (wenn sie auch meist keine »Gesamtkunstwerke« geworden sind) oder in eklektizistischer Verbindung mit Elementen des Historismus - einige wenige Wohnbauten, Theater (Köln), Museen (Weimar) von Endell, Olbrich, Horta, Van de Velde u. a. sowie Gaudis Gesamtwerk: seine Wohnhäuser, Villen, die Kirche »Sagrada Familia« in Barcelona, die Arbeitersiedlung Colonia Güell, der Park Güell, die Gesamtkunstwerke darstellen - kunstgewerbliche Gebrauchsgegenstände - Auswirkungen auf die » Neue Sachlichkeit« der 20er Jahre (Reproduzierbarkeit von Möbeln), auf die plastischen Formen des Expressionismus , den anthroposophischen Goetheanismus und sogar auf Le Corbusiers Wallfahrtskirche in Ronchamp, aber auch auf die »zweckmäßige« funktionelle Architektur.
 

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