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Architektur des 20. Jahrhunderts

Moderne Architektur II

Diese Zweckmäßigkeit ist ein Hauptziel des »technischen Zeitalters«. ( Sullivan: " form follows function", Funktionalismus) Sie beschränkt sich im Rahmen der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts weitgehend auf die Mechanisierung der maschinellen Fabrikation. Noch sind die Fassaden der Fabrikgebäude historisierend verkleidet, neugotische Lagerhallen und Bahnhöfe im Rundbogen-Stil lassen keine Schlüsse auf ihre Funktionen zu. Natürlich weiß auch die Baukunst des 19. Jahrhunderts schon die konstruktiven Vorteile der neuen Werkstoffe - Glas, Eisen, später Stahl und schließlich Beton - und der Maschine zu nutzen, die »jede menschliche Geschicklichkeit beschämt« (G. Semper, 1852). Aber nur selten bestimmen diese neuen Werkstoffe auch die äußere Form und gelten dann - wie der Eiffelturm - als nackt und häßlich. Fast immer werden sie darum geradezu schamhaft versteckt. Die Eisenkonstruktion der Pariser Opernkuppel hinter dem pompösen Äußeren und die von burgähnlichen Brückenköpfen gerahmten Eisenskelett-Brücken stehen für zahlreiche andere Beispiele. Sie bezeugen nicht nur den historistischen Geschmack ihrer Zeit, sondern weit mehr die Tatsache, daß die Baukunst des 19. Jahrhunderts im wesentlichen doch noch immer Handwerkskunst ist, die auch an den Materialien einer jahrtausendealten Tradition festgebunden bleibt: Holz, Stein, Mörtel. Diese traditionellen Baustoffe ließen zwar eine nahezu unbeschränkte Vielfalt der Erfindung von Formen zu, aber ihre konstruktiven Möglichkeiten blieben seit den Tempeln der Antike immer gleich.

Erst der Ingenieur, dessen Berufsbild sich um 1800 von dem des Baumeisters getrennt hat, kann es sich leisten, beim Bau von technischen und Industrie-Anlagen (Viadukt, Flugzeug-Hangar, Silo, Röhren, Decken) die neuen Baustoffe rein auf ihre Zweckmäßigkeit und ohne Rücksicht auf die äußere Schönheit seines Werkes zu erproben und die Überlegenheit der neuen Techniken zu beweisen:


1. Der Eisenskelettbau fängt durch seine Verstrebungen sowohl Druck als auch Seitenschub und Windknickung auf. Er erlaubt große Bauhöhen (Eiffelturm, 1889,300 in) und weit vorkragende Decken (Brückenbau). Der Eisenskelettbau spart Zeit. Zeitersparnis bedeutet Kostenersparnis. Der Londoner Kristallpalast, ein 540 x 140 in großes, durch Glasscheiben geschlossenes Eisengerüst aus vorgefertigten Bauteilen, wird 1851 in weniger als einem Jahrgebaut.

2. Glas wird nicht nur als Füllung von Fensteröffnungen benutzt, sondern kann das tragende Gerüst eines Gebäudes völlig umkleiden (Kristallpalast). Seine relative Unkörperlichkeit bildet eine diaphane Außenhaut, die äußere Erscheinung und innere Struktur eines Gebäudes gleichzeitig empfindbar macht. Als Curtain wall wird sie im 20. Jahrhundert einem Skelettbau vorgehängt.

3. Beton, schon seit der römischen Antike als »opus incertum« bekanntes Gemisch aus Zuschlagstoffen (Sand, Kies), Bindemittel (Zement) und Wasser von hoher Tragkraft, wird 1867 von Joseph Monier auch um ein Metallgerippe (= Bewehrung) gegossen. Dieser Eisen- oder Spannbeton bewirkt - höhere Belastbarkeit durch Druck (Tragfähigkeit) und erlaubt ein dünnes Pfeilergerüst oder -, Piloten als tragende Elemente - Aufnahme großer Zugspannungen beim Bau von aufliegenden, besonders aber bei weit auskragenden Decken, bei freitragenden Treppen und Schalendächern. Fritz Schumacher, 1869-1947, hat errechnet, daß die 43 m Spannweite des Pantheon in Rom von einer nur 6 cm dicken Eisenbetonkuppel überwölbt werden könnte, wobei sogar der Seitenschub ausgeschaltet wäre.

Die große Bildsamkeit des Betons ermöglicht in Verbindung mit seiner Spannfähigkeit den Guß von Formen, die mit Steinen nicht zu bauen wären.
Vorgefertigte Bauteile (Rahmen, Stützen, Deckenplatten, Wandelemente, Curtain wall-Elemente = nichttragende Vorhangfassade für die Außenverkleidung von Skelett-Bauten usw.) erlauben Normierung, Zeitund Kostenersparnis.

4. Kunststoffe spielen erst im 20. Jahrhundert eine zunehmende Rolle im Bauwesen. Ihre Vorteile liegen vor allem in geringerem Gewicht, Wärmedämmung, Bildsamkeit, Reproduzierbarkeit, Widerstandsfähigkeit gegen Korrosion (deshalb z. B. auch bei Restaurierungsarbeiten eingesetzt: Köln, Fialen des Doms, Brighton, Kuppeln des Royal Pavilion und der Georgian-style-Häuser usw.).
Gegen 1900 übernehmen auch die Baumeister in zunehmendem Maße die Erfahrungen der Ingenieurkunst für ihre Konstruktionen. Aber die Außenhaut der Gebäude behält weitgehend das unwahre Aussehen handwerklicher Bearbeitung, weil diese jetzt durch maschinengefertigte Bauteile nur noch vorgetäuscht wird.
Auch der Jugendstil schafft nur wenige Bauten, die Konstruktion und äußere Form mit den Mitteln der neuen Techniken zur Kongruenz bringen.

5. Die Statik (Lehre vom Gleichgewicht der Kräftei n Tragwerken), gewinnt neue mathematische Erkenntnisse, durch die das konstruktive Gerüst eines Bauwerks auf sein körperliches Minimum reduziert werden kann.

Stilströmungen

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