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ENTWICKLUNG DER FRÜHCHRISTLICHEN BASILIKA

Die christliche Basilika ist mit Sicherheit keine spontane Erfindung. Ihre Herkunft hat wahrscheinlich mehrere Quellen. Als gesichert darf allerdings angenommen werden, daß sie sich nicht vom griechisch-antiken Tempel ableitet. Denn dessen Bestimmung war es, Haus der verehrten Gottheit zu sein, das nur von Priestern betreten werden durfte. Das Volk umschritt nur den Tempel in feierlicher Prozession und brachte im Freien auf einem Altar seine Opfer dar. Die ersten Christen brauchen dagegen einen Versammlungsraum für alle Gemeindemitglieder, für Hohe und Niedrige. Sie rühmen sich in den ersten Jahrhunderten sogar ihrer strikten Ablehnung von Kultbauten, Altären und Bildern. Die ersten bildhaften Darstellungen in den Katakomben gehören dem ausgehenden 2. Jahrhundert an. Sie beschränken sich auf Symbole für die zentralen Erwartungen des Frühchristentums: Erlösung und jenseitiges Leben (Guter Hirte, Adoranten, Fisch, Kreuz usw.). Neutestamentliche Darstellungen, z. B. Maria mit Kind, kommen erst im 3. Jahrhundert auf. Gottesdienste werden zunächst in Privathäusern abgehalten. Bald sucht man für die wachsende Gemeinde nach großräumigen Vorbildern, die zugleich die Forderung nach eindeutiger Ausrichtung auf Altar und Bischofssitz erfüllen. Zwar zeigen manche römischen Tempel eine Apsis, aber nicht die typische Raumstaffelung der Basilika und nur selten die Aufteilung in mehrere parallele Schiffe. Den Bedürfnissen der Christen entspricht eher die forensische Basilika, die in den Städten als Markt- und Gerichtsstätte dient: Ein überhöhtes rechteckiges Mittelschiff ist allseitig von Nebenschiffen umgeben (Pompeji ), die gelegentlich überwölbte Galerien tragen (Rom, Basilica ulpia des Trajansforums ). Eine gewisse Ausrichtung ergibt sich durch den Sitz des Richters oder Marktaufsehers auf einem Podest oder in einer Apsis und durch den Altar an einer Schmalseite. Eine kleine heidnische unterirdische Basilika aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. vor den Mauern Roms zeigt diesen Richtungsgedanken stärker - drei tonnengewölbte Schiffe (nicht mehr umlaufend), Eingang und Apsis an »Anfang« und »Ende« des Baus. Die Basilika des Flavier-Palastes in Rom aus gleicher Zeit ist flachgedeckt und hat zweigeschossige Seitenschiffe.

 Weit weniger gesichert ist die Herkunft des Querschiffs. Eine mögliche Erklärung geht vom antiken Atriumhaus aus, in dem anfänglich Gottesdienste gefeiert werden. In seinen Innenräumen mit den beiden Flügeln (Alae) hinter dem Atrium kann man eine rudimentäre Vorform der christlichen Querschiff-Basilika sehen. Denkbar ist auch die Ableitung von den Kaiserforen des Augustus und vor allem des Trajan, Dieser riesige Marktplatz zeigt trotz seines Wechsels von offenen und überdachten Teilen doch erstaunliche Ähnlichkeiten mit dem Grundriß der christlichen Basilika: Der Eingang und das in eine apsisartige Rundung eingestellte Heiligtum (Tempel) liegen einander gegenüber, Säulenhallen begleiten seitenschiffähnlich den rechteckigen Mittelraum nach vorn, zwei Apsiden an den Enden der Basilica ulpia bilden mit dieser zusammen eine Art Querhaus. Die Übertragung der Gottesvorstellung vom Kaiser auf den monotheistischen Christengott mag auch die Adaption kaiserlicher Architektur durch den christlichen Kirchenbau erklären. Dafür spricht auch, daß die im Auftrag Konstantins entstandenen großen Kirchen Querschiffe aufweisen (Rom, Byzanz, Palästina), die ohne kaiserlichen Einfluß gebauten Kirchen in den kleinasiatischen und afrikanischen Provinzen jedoch nicht.
Der entwickelte Basilika-Typ zeigt 2 bis 4 Seitenschiffe, erhöhtes Mittelschiff (selten mit Emporen), Scheidmauern mit Architrav oder (selten, weil teuer) mit Arkaden und ein Querschiff . Säulen, Kapitelle und Gebälk werden antiken Gebäuden entnommen, soweit der Vorrat reicht, danach meist vergröbert nach- oder neugebildet. Aus Byzanz stammen kelchförmige Kapitellformen mit trapezförmigen Kämpfern. Die Entscheidung Konstantins für die hölzerne Flachdecke läßt für 700 Jahre die großräumige Wölbungstechnik der Römer nahezu in Vergessenheit geraten (erste Großgewölbe in Speyer, vor 1106 vollendet, und Cluny 111, Langhausgewölbe 1121 vollendet). Ein offenes Atrium im Westen mit Brunnen und Säulengängen , Narthex (Vorhalle) im Westteil der Kirche und ein von Chorschranken mit Ambonen umrahmter Chor geben die Wegfolge zu Altar und Apsis mit Kathedra an. Türme werden erst später beigefügt und stehen abseits.

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