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MITTELALTER

Christentum

[-], Bez. für die Gesamtheit der Anhänger des auf Jesus Christus zurückgehenden »christl.« Glaubens sowie für diesen Glauben selbst.

Von den Anfängen des Christentumss an gibt es Konstanten: den Monotheismus, das Bekenntnis zu Jesus Christus, die Nachfolge Jesu und eine aus ihr resultierende Gemeinschaft (Gemeinde/Kirche), einige zeichenhafte Vollzüge (Sakramente; v.a. Taufe, Eucharistie, Buße), spezif. eth. Normen (z.B. Nächstenliebe), die Hoffnung auf eine ohne Vorbedingungen geschenkte Erlösung.

Seit seiner Entstehung begreift das Christentum Jesus als von Gott gesandt, schon in vorpaulin. Zeit als auf Erden erschienenen Gott (Phil.2, 611) oder als Fleisch gewordenes »Wort« (Joh.1, 1ff.) und sich selbst somit als basierend auf göttl. Offenbarung und positivem Heilswillen Gottes (Offenbarungsreligion, »absolute Religion«).

 

Entstehung und Ausbreitung:

Jesus: Als sicher gilt heute, dass der histor. Jesus weder eine neue Religion noch eine universale Kirche gründen wollte. Vielmehr verstand er sich als Reformer Israels, auf dessen 12 Stämme er mit der Berufung von 12 Aposteln Anspruch erhob. Jesus war zwar in allem, was er tat und lehrte, jüdisch geprägt, aber er hat die aus der jüd. Tradition übernommenen Motive in seiner Predigt so verändert und zugespitzt, dass es sich dabei der Sache nach nicht mehr um Judentum handelte: Er verkündete entsprechend der jüd. Apokalyptik und im Gefolge der Predigt Johannes des Täufers die Königsherrschaft Gottes; diese aber war nach seinen Worten in ihm schon angebrochen. So war die Zukunftsoffenheit der jüd. Geschichtsdeutung aufgehoben, das Ende hatte schon begonnen. Jesus selbst verstand sich deswegen nicht als einen der gottgesandten Männer oder Propheten in einer endlosen Kette, vielmehr sollte er diese Reihe abschließen und in seiner Person das Ende herbeiführen. Dieser Anspruch, die »endzeitl.« Gestalt zu sein, äußerte sich in der Radikalität der Nachfolgeansprüche, in der Souveränität gegenüber Gesetz und Tempel, in dem besonderen Gottesverhältnis, in der Freiheit der Tradition gegenüber, in seiner Bereitschaft zum Tod.

Der geschichtl. Jesus hat, zwar ganz aus dem Judentum kommend, dieses aber derart auf »den Menschen« und »die Humanität« hin vertieft und zugleich seiner eigenen Gestalt für diese neue Praxis eine so unverzichtbare Rolle zugeschrieben, dass die auch ideolog. und soziale Trennung vom Judentum und die Ausbildung einer eigenständigen Religion wenige Jahre nach seinem Tod zwangsläufig erscheinen.

Anfänge und römisches Reich: Keimzelle des Christentums waren die Jerusalemer Urgemeinde, aber auch palästin. Christengruppen in Judäa und Galiläa. Bedingt durch das Ausweichen der Christen vor Verfolgungen durch die jüd. und röm. Behörden, kam es zu einer ersten Missionswelle und in deren Gefolge zur Taufe von Samaritanern, Diasporajuden, Proselyten und Heiden. Einen gewaltigen Aufschwung nahm die Ausbreitung des Christentums allerdings erst durch die gezielte Arbeit einiger Missionare (»Apostel«), unter denen Paulus die größte Bedeutung gewinnen konnte (Heidenmission). Begünstigt durch die Bedingungen des Röm. Reiches, drang das Christentum auch in Städte des Landesinnern und bis nach England vor und repräsentierte zur Zeit der »konstantin. Wende« (311/313) im Röm. Reich einen (geschätzten) Bevölkerungsanteil von etwa 15%; während der Antike tritt uns das Christentum als Stadtreligion entgegen.

Die zunehmend auch umfassend gebildete umschließende christl. Bewegung wuchs so stark, dass Kaiser Konstantin I., d.Gr., in der christl. Minderheit die geistige und polit. Kraft der Zukunft erkennen konnte. Nach der »konstantin. Wende« nahm die Zahl der Christen rasch zu, bis Kaiser TheodosiusI., d.Gr. 380/381 das Christentum zur Staatsreligion erklärte.

Während sich das Griechisch sprechende (christl.) oström. Kaisertum (Byzantinisches Reich) auch in den Wirren der Völkerwanderung behaupten und dabei ein Staatskirchentum (Cäsaropapismus) etablieren konnte erst mit dem Vordringen des Islams (ab dem 7.Jh.) verschwand das Christentum in diesen Gebieten weitgehend, wurde der Westen des Röm. Reiches härter von der Völkerwanderung in Mitleidenschaft gezogen; 476 geriet Rom endgültig unter german. Herrschaft. Die Germanenstämme haben nach der Eroberung christl. Gebiete weitgehend das Christentum angenommen, aber in seiner arian. Gestalt (Arianismus). Erst in der Taufe des fränk. Königs ChlodwigI. 498/499 in Reims zum kath. Glauben war eine für die Zukunft Europas wichtige Entscheidung gefallen; von jetzt an konnte sich die lat. Form des antiken Christentums zunehmend unter den german. Stämmen Zentraleuropas verbreiten.

6. bis 11. Jahrhundert: Vorher aber hatte schon eine andere Entwicklung begonnen: Von ägypt. Mönchen war das Christentum nach Irland gebracht worden; hier sowie in Schottland und Wales bildete sich eine keltisch-grch. Mönchskirche (iroschottische Kirche), die aber von Gallien her auch lat. Einflüsse in sich aufnahm. Seit dem 6.Jh. entfaltete das iroschott. Mönchtum eine beeindruckende missionar. Tätigkeit in England und auf dem Festland (bis nach Oberitalien). So gab es bald in Europa zwei konkurrierende Formen des Christentums: eine lat.-bischöfl. und eine keltisch/griechisch-mönchistische. Die Entscheidung fiel zugunsten der ersten Variante, einmal aufgrund der seit Chlodwig nach Rom orientierten Interessen der fränk. Herrscher, die schließlich im Jahre 800 zur Krönung Karls d.Gr. als Röm. Kaiser führten, zum anderen wegen einer zweiten Missionswelle im 8.Jh., die von angelsächs. Mönchen (Bonifatius) getragen war und die sich eng an Rom anschloss. Die Christianisierung erfasste schließlich auch den Norden und die östl. Teile Zentraleuropas.

Die islam. Expansion im 7./9.Jh. brachte das Christentum in Nordafrika und weiten Teilen Spaniens zum Verschwinden; erst nach jahrhundertelangen Kämpfen (Reconquista) wurde der Islam von der iber. Halbinsel verdrängt.

Der größte Teil der slaw. Völker wurde vom 9. bis 11.Jh. missioniert und lehnte sich an Byzanz und das grch. Christentum an.

Neuzeit: Mit Beginn der Neuzeit geriet erstmals die ganze Erde in den Blick Europas und des Christentums, das nun in anderen Kontinenten Fuß fasste. Dieser Prozess ging einher mit negativen Begleiterscheinungen: Lange Zeit war die Mission Sache der Kolonialmächte (z.B. Patronatsmission der span. und portug. Könige), in Amerika und Australien war die (völlige) Christianisierung mit der Dezimierung der einheim. Bevölkerung verbunden, in Afrika und Asien wurde eine europ. Form des Christentums etabliert (Ritenstreit). Im Ergebnis dieser systemat. Mission gibt es in Schwarzafrika einige Länder mit christl. Bevölkerungsmehrheiten, in den meisten Staaten sehr dynam. Minoritäten. In Asien ist nur ein Land (Philippinen) mehrheitlich christlich, aber auch hier finden sich in beinahe allen Staaten kleine, aber aktive christl. Kirchen. Die Inselwelt Ozeaniens ist fast gänzlich christianisiert.

Heute (2001) wird die Zahl der Christen auf etwa 1,7 Mrd. geschätzt.

 

Theologie und Lehrentwicklung: Christliches Altertum:

Das Christentum bekannte sich von Anfang an zu Jesus Christus als der normierenden Instanz für Theorie und Praxis; deswegen musste es sich vom Judentum trennen und die »Freiheit vom Gesetz« verkünden, ohne die jüd. Religion und ihre Schriften zu verwerfen; diese wurden vielmehr als Vorgeschichte Jesu im Sinne einer Verheißung aufgefasst, die in Jesus Christus erfüllt war.

Das Christusbekenntnis zu sichern und unter neuen Verstehensbedingungen zu formulieren, war für das junge Christentum die zentrale theolog. Aufgabe. Hierbei war es mit zwei großen Kulturtraditionen konfrontiert, dem Judentum und der hellenist. Kultur des Röm. Reiches. Entsprechend dem Geschichtsdenken des Judentums haben die Judenchristen die Rolle Jesu heilsgeschichtlich umschrieben: Er war für sie der (endzeitl.) Messias (=Christus) oder Menschensohn; vielleicht haben sie ihn auch schon als »Sohn Gottes« bezeichnet, damit aber nicht eine zweite Natur, sondern seine geschichtl. Nähe zu Gott gemeint. Mit der Vermittlung des Christentums in die hellenist. Welt fand ein gänzlich neues Verstehen Einlass ins Christentum. Für die Heidenchristen war Christus derjenige, der beiden Welten angehört, der Welt des Geistes, des Wissens, der Unsterblichkeit, Gottes, und zugleich der Welt der Menschen; er ist Mensch. So kann er als Gottmensch in sich zw. Endlichkeit und Unendlichkeit vermitteln: Die Zweinaturenlehre entstand als Folge der Aneignung Jesu im hellenist. Raum. Im Verlauf der ersten nachchristl. Jahrhunderte trat das Judenchristentum in der Kirche immer stärker zurück.

Wenn die Gottessohnschaft Jesu im Sinne einer zweiten göttl. Natur aufgefasst wurde, ergab sich damit auch ein Problem für den vom Judentum und Jesus ererbten Monotheismus. Die christolog. Auseinandersetzung machte zugleich eine Diskussion der Trinität notwendig.

Der lat. Westen war an diesen Auseinandersetzungen nur wenig beteiligt. Sobald sich in diesem Raum eine eigenständige Theologie herausbildete in Nordafrika seit etwa 200, im übrigen Westen seit Mitte des 4.Jh., beschäftigte sie sich mit Fragen der christl. Praxis: Wie erlangt der Mensch das Heil, da er doch ganz von der Sünde geprägt ist? Was muss der Christ tun, wie muss die Kirche aussehen? So kam es in der ausgehenden Antike zur Ausbildung der Erbsündenlehre, einer Theologie des Kreuzestodes Jesu als Bezahlung und Lösepreis für die Sünden, einer Gnaden-, Prädestinations- und Sakramentenlehre.

Die Annahme des Glaubens war von Anfang an mit einer Gemeindebildung verbunden. Ebenso aber war das Bewusstsein vorhanden, einer größeren Gemeinschaft, der Kirche, zuzugehören. Der gemeindeübergreifende Charakter des Christentums schuf sich im Lauf der Zeit auch institutionellen Ausdruck; es bildete sich eine Organisation der Kirche in Analogie zur polit. Struktur heraus (bischöfl. Stadtgemeinden, Metropolitansitze, Patriarchate). Seit Ende des 4.Jh. erhoben die röm. Bischöfe einen formellen Primatsanspruch über die gesamte Kirche (Primat des Papstes). Dieser Anspruch wurde allerdings im östl. Christentum abgelehnt; im Westen konnte er sich erst allmählich während des Früh-MA. durchsetzen. Eine wichtige Rolle kam seit dem 3.Jh. dem Mönchtum zu.

Das Christentum konnte sich wenn auch in einer oft feindlich gestimmten Umwelt bis zur Mitte des 3.Jh. ausbreiten. Erst seit dieser Zeit kam es zu systemat. Verfolgungen durch den Staat, die der Kirche gefährlich wurden (Christenverfolgungen). Diese Epoche fand mit Beginn der Herrschaft Konstantins ihren Abschluss.

Mittelalter: Im MA. verlagerte sich das Zentrum christl. Aktivitäten auf das ländlich strukturierte europ. Festland. Theologie und theolog. Lehrbildung waren nicht mehr Sache der (großen) christl. Gemeinden, sondern der Schule (lat. schola): Die entstehende Schulwissenschaft (Scholastik) wurde an Kloster- und Kathedralschulen, seit dem Hoch-MA. an den Univ. gepflegt.

Die mittelalterl. Gesellschaft bildete das Feudalsystem aus, das mit dem Zusammenwachsen zu einer unversalen Kultur in einem universalen Kaisertum und Papsttum gipfelte. Welt, Mensch, Gesellschaft und ihre Institutionen wurden zunächst sakral gedeutet. Angestoßen durch Reformbewegungen innerhalb des Mönchtums (kluniazensische Reform), versuchte die Kirche, eine gewisse Unabhängigkeit von staatl. Gewalt zu erreichen (gregorianische Reform); im Investitutstreit wurde zw. profan. und sakral. Staat und Kirche unterschieden und eine gewisse Autonomie beider Bereiche erstmals gedacht. Hiermit war der Grund gelegt für den spätmittelalterl. Zerfall der universalen polit. Kultur: Nationalstaaten verfolgten eigene Interessen, die Ideen der Volkssouveränität und der Freiheit der Politik von der Ethik kamen auf, Wissenschaften emanzipierten sich vom Primat der Theologie, die Theologie zog sich aus der Spekulation zurück auf die geoffenbarten Grundlagen.

Neuzeit: Die Neuzeit brachte den prinzipiellen Durchbruch der Emanzipation des Menschen und seines Intellekts von vorgegebenen Autoritäten und kirchl. Tradition. Vollends vollzogen wurden diese Ansätze erst in den Gelehrtenzirkeln der Aufklärung und popularisiert in Bürgertum und Arbeiterschaft der Moderne (seit dem 19.Jh.).

Die Reformation wollte für die Rechtfertigung des Einzelnen nur noch die Autorität Gottes und Jesu Christi anerkennen und somit den Christen von der Heilsnotwendigkeit der kirchl. Zwischeninstanzen, von Amt, Tradition und Heilsangeboten der Kirche befreien; hierbei setzten die einzelnen Reformatoren verschiedene Schwerpunkte. Im Gegenzug banden sich die Katholiken ohne die Rechtfertigung durch Jesus Christus und seine Gnade aufzugeben fester an die überlieferten kirchl. Gegebenheiten (vollzogen im Tridentinum 154563). Die Neuzeit begann für das Christentum also mit einem Verlust seiner kirchl. Einheit; von jetzt an ist es, neben dem Morgenländischen Schisma (die auf das Jahr 1054 datierte Trennung zw. der lateinisch abendländ. [kath.] Kirche und den vier ostkirchl. Patriarchaten [Konstantinopel, Alexandria, Antiochia, Jerusalem]), in eine Fülle von Konfessionen, Kirchen u.a. aufgesplittert.

Das Christentum in der Moderne ist mit einem radikalen Säkularisierungsprozess konfrontiert, der sich nach Anfängen im MA. in der Aufklärung verstärkte und schließlich seit dem 19.Jh. dominierend wurde. Die Orientierung des modernen Menschen auf Gott hin wird problematisch.

Die mit der Entstehung der modernen Industriegesellschaften aufgeworfene soziale Frage wurde von den Kirchen u.a. in Form der christl. Soziallehren aufgegriffen.

Gegenwärtige Lage: In der Gegenwart setzt sich das Christentum v.a. mit drei Problemen auseinander. Zum einen geht es um eine Überwindung des Konfessionalismus (ökumenischeBewegung). Ein weiteres Problem ist die Auseinandersetzung mit dem in der Alten und Neuen Welt verbreiteten säkularisierten Denken. Das dritte Problem stellt sich durch die Tatsache, dass eine wachsende Mehrheit der Christen in der Dritten Welt lebt. Hier steht der Dialog mit den Weltreligionen an, ebenso eine Neubesinnung auf das Verhältnis zum Judentum.

 

Literatur:

Bultmann, R.: Das Urchristentum im Rahmen der antiken Religionen. Zürich u.a. 41976.

Maass, F.: Was ist C.? Tübingen 31982.

Troeltsch, E.: Die Absolutheit des C.s u. die Religionsgeschichte. Lizenzausg. Gütersloh 1985.

Das frühe C. bis zum Ende der Verfolgungen. Eine Dokumentation. Auswahl u. Kommentar v. R. Klein, Übers. der Texte v. P.Guyot, 2Bde. Darmstadt 199394. Nachdr. in 1Bd. ebd. 1997.

Küng, Hans: Projekt Weltethos. Neuausg. München u.a. 1993.

 

 

kunstwissen.de

 
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