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Die gotische Kathedrale (1150- 1500)

Die Gotik läßt sich in drei Epochen gliedem, die allerdings in den europäischen Ländern mit zeitlichen Verschiebungen beginnen und enden.

1. Der Übergang von der Romanik zur Gotik. Er beginnt in Frankreich etwa Mitte des 12. Jahrhunderts, in England 1175 und in Deutschland kurz nach 1200.

2. Die Wandlungen in der Politik (Aufstieg Frankreichs zur größten Macht in Europa durch ein starkes, das Land zentralisierendes Königtum), in der Gesellschaft (Aufstieg des städtischen Bürgertums) und der Philosophie (Scholastik) haben ein neues Weltbild geschaffen, das seinen umfassenden künstlerischen Ausdruck in Bau und Dekoration der Kathedralen des 13. und 14. Jahrhunderts findet. Das französische Kathedralprogramm setzt sich in Europa durch (Austausch zwischen den Bauhütten) und führt zur stärksten Vereinheitlichung der Architektur in Europa.

3. Das 14. Jahrhundert, von Epidemien, Kriegen und Not gekennzeichnet, geistig von der Mystik, gesellschaftlich vom Bürgertum getragen, entwickelt wieder deutlicher nationale Sonderformen. Predigerkirchen und Kapellen für die private Andacht werden bevorzugt, Dekorationen vermehrt. Gegen 1400 und später kommen unvollendete Groþbauten zum Erliegen. Die bildenden Künste lösen sich von der Bindung an die kirchliche Architektur und werden selbständig.

4. Die frühe Kirchen Saint-Denis, die Kathedralen in Sens, Senlis, Noyon, Laon und Paris sind richtungweisend. Zur klassischen Vollendung der Hochgotik reifte der Stil in der ersten Hälfte des 13.Jahrhunderts in den Kathedralen in Chartres, Soissons, Reims und Amiens. Bald setzte die Gotik sich auch in anderen Landschaften Frankreichs durch, meist in vereinfachten, regional abgewandelten Formen. Die Spätgotik lebte bis in das 16.Jahrhundert fort (Flamboyantstil). Neben den sakralen traten die profanen Bauaufgaben seit dem 14.Jahrhundert stärker hervor (Stadtbefestigungen, besonders von Carcassonne; Papstpalast in Avignon u.a.).


Der Dominikaner Thomas von Aquin und der spätere Benediktiner Abälard sind die führenden Köpfe der Scholastik, der neuen Philosophie. Sie lehren an der um 1200 gegründeten Universität von Paris.Die Kathedrale aber wird der Ort, in dem sich diese Wandlungen der Welt und des Weltbildes widerspiegeln: Nicht zuletzt ist die frühe Kathedrale ein Symbol für die neue Macht der französischen Könige.Mit dem Aufstieg des Bürgertums im 14. und 15. Jahrhundert bildet sich eine neue Gesellschaftsschicht mit Standes- und Selbstbewuþtsein heraus. Sie errichtet ihre Kathedralen nicht mehr als Frondienst, sondern in freier Zusammenarbeit und mit neuen Absichten, als Wahrzeichen der Stadt.

Der Dominikaner Thomas von Aquin und der spätere Benediktiner Abälard sind die führenden Köpfe der Scholastik, der neuen Philosophie. Sie lehren an der um 1200 gegründeten Universität von Paris. Die Kathedrale aber wird der Ort, in dem sich dieses Weltbildes widerspiegelt. Die frühe Kathedrale ist ein Symbol für die neue Macht der französischen Könige. Mit dem Aufstieg des Bürgertums im 14. und 15. Jahrhundert bildet sich eine neue Gesellschaftsschicht mit Standes- und Selbstbewußtsein heraus. Sie errichtet ihre Kathedralen nicht mehr als Frondienst, sondern in freier Zusammenarbeit und mit neuen Absichten, als Wahrzeichen der Stadt.

Zur Formgebung: Die wachsende Steilheit ihrer Wände, der Vertikalismus aller gliedernden Elemente deuten auf einen Formwillen hin, der von der neuen Frömmigkeit des Volkes und von der ekstatischen Gottsuche der Mystik geprägt ist. Spitzbogen und Strebewerk mit Rippengewölbe bestimmen den architektonischen Ausdruck. Es bleibt jedoch die Struktur des Basilikatypus erhalten. Aber die Einzelräume werden nicht mehr, wie in der Romanik, aneinandergereiht, sondern mehr und mehr zum Einheitsraum zusammengefaßt. Der Chor erhält einen Chorumgang und Kapellen.

Die Joche werden neu gebildet und erhalten gleichstarke Arkadenpfeiler an den Eckpunkten. Pfeilerdienste laufen vom Fußboden zum Gewölbeansatz durch und setzen sich in den Rippen bis zu den Scheitelpunkten des - nun meist vierteiligen - Gewölbes fort. Sie bilden das innere Strebewerk, in das die Last des Gewölbes abfließt. Die stetige Reihung solcher zeltartigen Joche bewirkt ein ruhiges Fortschreiten des Raumes in West-Ost-Richtung. Das äussere Strebewerk besteht aus einem Kranz von Strebepfeilern, von denen sich Strebebögen zum Schiff hinüberschwingen. Durch Fialen beschwert, stemmen sie sich an besonders zu sichernden Stellen gegen den Seitenschub. Die Mauen werden durchfenstert und so weitgehend aufgelöst. An ihrer Stelle werden Joch- und Chorwände mit farbigen Glasfenstern, die Giebelwände von Haupt- und Querschiffen mit Rosetten gefüllt. Sie sind Bildträger theologischer Programme, vor allem aber Quelle einer irrealen Raumbelichtung, in welcher der Gläubige die materiellen Lichter als ein Sinnbild der immateriellen Lichtergiessung betrachten.

 Die Vereinheitlichung des Raumes und der verstärkte West-Ost-Flucht der Längsachse führen schon in Notre-Dame von Paris zu einer Reduzierung des Querschiffs. Grosse Veränderung erfährt auch der Chor. In der Regel wird keine Krypta mehr gebaut. Der Chorraum wird deshalb nur wenig erhöht. Aber er wächst weit über die Vierung hinaus, wird mehrschiffig wie das Langhaus und bildet einfache oder doppelte Umgänge mit Kapellen. In der Romanik traten die Radialkapellen als isolierte Rundungen stark nach außen. Die Gotik bindet sie mehr und mehr zu einem Kranz von Polygonen zusammen, deren Gewölbe mit denen des Umgangs verschmelzen.


TEXT II

In der Baukunst steigerte ein neues Raumgefühl den Kirchenbau zu mächtiger Höhe; der Innenraum wurde als Raumeinheit und nicht mehr als Summe von Einzelräumen empfunden. Der Chor ist oft durch einen Chorumgang mit Kapellenkranz erweitert. Ein dreiteiliger Laufgang, das Triforium, durchbricht in der Hochgotik die Wand zwischen Bogenstellungen und Fenstern, während in der Frühgotik die aus der Romanik übernommenen Emporen noch eine wesentliche Rolle spielen.

Dem Streben des Bauwerks in die Höhe dient im Innern das Kreuzrippengewölbe: Die Kreuzrippe trägt das Gewölbe und leitet den Gewölbedruck zu den Pfeilern, die durch das nach außen verlegte Strebewerk von Strebebögen und -pfeilern gestützt werden. Im Kirchenraum verschmelzen die Pfeiler mit den die Rippen aufnehmenden Diensten zu Bündelpfeilern.

Der Spitzbogen, dessen Seitenschub wesentlich geringer ist, ließ nun eine stärker vertikale und durchbrochene Gliederung zu. Die nun geringere Mauerstärke erlaubt zwischen den Strebepfeilern hohe, farbige Glasfenster, deren Zwickel mit oft kunstvollem Maßwerk gefüllt sind. Im Außenbau wird die Westfassade durch reiche Gliederung und durch mächtig emporstrebende Türme betont. Fialen krönen die Strebepfeiler, Kreuzblumen die mit Krabben geschmückten Türme.

Ein wichtiges Schmuck- und Gliederungselement der Gotik ist das Maßwerk, das sich in den Bogenzwickeln großer Fenster und in Fensterrosen, an Brüstungen, Wimpergen, Portalen und Wandflächen findet. Die Bauten der Frühgotik (Sens, Senlis, Noyon, Laon, Paris) und der Hochgotik (Chartres, Soissons, Reims, Amiens) ließen einen nach Höhe und Tiefe gegliederten Raum entstehen, dessen einzelne Teile vom Beschauer nacheinander erlebt werden. Klöster, Schlösser, Burgen, später auch Rat- und Bürgerhäuser übernahmen die Formen der kirchlichen Baukunst. Erst in der Gotik begann die Stadt ein architektonisches Ganzes zu werden.

Die hervorragendsten Bauten der französischen Gotik sind die Kathedralen von Laon, Bourges, Paris (Notre-Dame), Chartres, Reims und Amiens. In England entwickelte sich die Gotik zu einem durch reiche Schmuckformen gekennzeichneten Stil (Salisbury, Westminster-Abbey in London). Der deutschen Frühgotik gehören SanktElisabeth in Marburg und die Liebfrauenkirche in Trier an, der deutschen Hochgotik das Straßburger Münster und der Kölner Dom. Die deutsche Spätgotik entwickelte die Hallenkirche zum bevorzugten Raumtypus. Zu Höhepunkten der Spätgotik gehören die Bauten, die unter Beteiligung der Parler (Heiligkreuzkirche in Schwäbisch Gmünd, Veitsdom in Prag), H. Stetheimers des Älteren (Sankt Martin in Landshut), Ulrichs von Ensingen (Münster in Ulm) und M. Gertheners (Turm des Doms in Frankfurt am Main) entstanden. Sonderformen der Gotik entstanden auch in Italien und Spanien. Charakteristisch für den Norden Europas ist die Backsteingotik (Backsteinbau).

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