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Turm zu Babel- Götterthron am Euphrat

Das Minarett von Samarra beeinflusste die frühen europäischen Vorstellungen vom Turm von Babylon

Fast jeder kennt die Geschichte, doch kaum jemand weiß, ob es ihn wirklich gab oder wie er gar ausgesehen hat: der Turm zu Babel. Keine andere biblische Erzählung hatte vergleichbare Auswirkungen auf unseren Sprachgebrauch: Große Bauprojekte tragen den Namen "Babylon", auf internationalen Konferenzen schlägt uns"babylonisches Sprachengewirr" entgegen. Und Babylon selbst, die versunkene Stadt am Euphrat, wurde zur "Mutter aller Metropolen".

Historischer Hintergrund für die Verfasser des bibfischen Berichts war die "Babylontsche Gefangenschaft" der Juden. Im Jahr 587 vor Christus eroberte der babylonische Herrscher Nebukadnezar 11. Jerusalem. Er zerstörte den Tempel Salomons und verschleppte die jüdische Oberschicht nach Mesopotamien. Die Gefangenen durften dort zwar als halbfreie Pächter leben und auch ihre Religion ausüben, doch die Schmach des Exils konnten sie nur ertragen, indem sie die Sitten und Gebräuche der Weltstadt am Euphrat ignorierten.

In Babylon sahen die Juden einen riesigen Tempelturm, den Nebukadnezar zu dieser Zeit vollenden ließ: die Zikkurat des Stadtgottes Marduk. Einen solchen Bau hatten die Fremden noch nie gesehen, denn die Tradition terrassenförmig angelegter Heiligtümer war in Palästina völlig unbekannt. Ich erhöhte den Turm, um sein Haupt mit dem Himmel wetteifern zu lassen" - so lautete Nebukadnezars Bauprogramm. Die Bibel übernimmt das fast wörtlich: "Lasset uns einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche", interpretiert dies aber als Versuchung Gottes. So entstand der Mythos von Anmaßung und Vermessenheit.

Der Tempelturm von Babylon war mit 91 Metern der höchste, der je in Mesopotamien gebaut wurde, zugleich aber auch der jüngste. Schon die Sumerer begannen im vierten Jahrtausend vor Christus, ihre Tempel auf kleine Terrassen zu stellen.

Die Freilegung Babylons verdanken wir dem deutschen Architekten und Archäologen Robert Koldewey. Im März 1899 begann er mit der Ausgrabung. 18 Jahre lang wühlte sich der Forscher durch die gigantischen Schutthügel und lieferte damit die ersten wissenschaftlichen Beweise für die Existenz des Turmes, dessen Lehmziegelkern und Treppenreste er 1913 ausgraben konnte. Spätere Forschungen ergänzten seine Ergebnisse, so dass sich heute der Gesamtkomplex im Computer simulieren lässt.

Die Ruinen von Babylon im Hintergrund die wiederaufgebaute Palastmauer

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