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Banf & Jasper National Parks

In den gebirgigen Regionen der kanadischen Rocky Mountains ragen die majestätischen Gipfel der Banff& Jasper National Parks in den glasklaren Himmel. Wie uneinnehmbare Bollwerke, gemacht, den Horizont in Schach zu halten, erheben sich die blanken Felswände ehrfurchtgebietend aus den Tälern. Die beiden spektakulären Nationalparks an der Grenze zwischen den westkanadischen Provinzen Alberta und British Columbia teilen sich eine Gesamtfläche von über 17 500 Quadratkilometern. Aus Schiefer, Dolomit, Sandstein, Kalkstein und Quarzfels zusammengesetzt, bilden die Canadian Rockies den obersten Teil des nordamerikanischen Rückens - ein derart mächtiges Skelett, daß die Colorado Rocky Mountains daneben geradezu unbedeutend erscheinen.

Westlich des Hauptkamms der Canadian Rockies haben geologische Verwerfungen breite Täler geschaffen. Mächtigstes ist der Rocky Mountain Trench, ein drei bis sechzehn Kilometer breiter Riß in der Erdkruste, der die Rockies von den älteren Gebirgszügen in British Columbia trennt. Die riesigen Ausmaße dieses Grabens, der allein in Kanada 1300 Kilometer lang ist, sowie des Purcell Trench, der 320 Kilometer nördlich der kanadischen Grenze dazustößt, scheinen die Berge dreidimensional widerzuspiegeln: Die Einschnitte sind fast ebenso tief wie die Felsen hoch sind. Am Gebirgskamm sind die über 3700 Meter hohen Gipfelschiefer wie überdimensionierte steinerne Pfannkuchen aufeinandergeschichtet. Die gefurchten Massive und Felswändez eugen in ihrer vertikalen Maserung von den ungeheuren Kräften, die hier am Werk waren, während die horizontal verlaufenden Schichten zuweilen kilometerweit plan verlaufen - so als könnten sie die längst vergangene Erdgeschichte mit der ungewissen Zukunft verknüpfen.

Fast 5000 Kilometer weit erstrecken sich die Rocky Mountains - von New Mexico durch den ganzen nordamerikanischen Kontinent bis nach Alaska. Ihren höchsten Punkt - 3954 Meter - erreichen sie mit dem kanadischen Mount Robson, 77 Kilometer nordwestlich von Jasper. Auf einen großen Teil ihrer Länge bilden die Rockies die sogenannte Continental Divide, die große Wasserscheide, die die zum Pazifik fließenden Flüsse von denen trennt, die in den Atlantik und das Eismeer münden. Im Herzen der kanadischen Rocky Mountains und inmitten der Nationalparks liegt das riesige Columbia Icefield, der letzte Rest jenes gigantischen Eispanzers, der vor 10 000 Jahren fast ganz Kanada bedeckte. Dieses rund 250 Quadratkilometer große Vergletscherungsgebiet umfaßt eine erstaunliche Vielzahl einzelner Gletscher, die die zerklüfteten Berge abschleifen und mit ihren Ausläufern tiefe Täler indas Gestein graben.

Bis zu 750 Meter ist das Eis an manchen Stellen dick, und jedes Jahr fallen fünf Meter Neuschnee auf das Gletscherfeld, dessen gleißendes Weiß nur von einigen tiefen Spalten unterbrochen wird. Das Wasser am Fuße solcher Gletscherspalten gefriert nur deshalb nicht, weil es durch die Gletscherbewegung nie zur Ruhe kommt. Ahnlich dem Prozeß, der zur Bildung von Sedimentgestein führt, entsteht Gletschereis aus Schneekristallen, die unter ihrem eigenen Gewicht zusammengedrückt werden und verhärten. Der ungeheuere Druck des Gletschers auf das Grundgestein des Gebirges läßt Reibungswärme entstehen, die die unterste Eisschicht des Gletschers zum Schmelzen bringt, so daß der gesamte Eisstrom in langsamer Bewegung bergab fließt.

Vom Snow Dome (»Schneekuppe«) des Columbia Icefield strömen Schmelzwassermassen in alle Himmelsrichtungen: über den Columbia River zum Pazifik, über den North Saskatchewan River zur Hudsonbai und in den Atlantik und über Athabasca River, Slave River und MacKenzie River in das Eismeer. Der Athabasca-Gletscher bewegt sich gleichzeitig in zwei Richtungen. Einerseits ist er auf den Rückzug, da mehr Eis abschmilzt, als durch frisch gefallenen Schnee nachgebildet werden könnte. Doch da der Gletscher stellenweise noch immer dreihundert Meter stark ist und jährlich durch eine gewisse Schneemenge ergänzt wird, vollzieht sich dieser Rückzug extrem langsam.

Gleichzeitig fließt der Athalasca-Gletscher bergab, wobei es auf den ersten Kilometern nicht einmal richtiges Schmelzwasser ist, das zu Tal drängt. Gletscher fließen als gefrorene Ströme, ähnlich geschmolzener Lava. Während das Eis des Athabasca über das Gestein rutscht, lösen sich eisenbahnwaggongroße Blöcke und rollen donnernd den Eishang hinab. Wären diese Eisblöcke Teil eines Gletschers, der ins Meer kalbt, würden sie als Eisberge aufs Meer hinaus treiben. Doch nicht alles hier bewegt sich mit der Langsamkeit von Gletschereis, das weniger als einen Meter pro Tag zurücklegt. Mit bis zu 160 km/h tosen Schneelawinen zu Tal. Dabei verursachen sie Sturmböen, die selbst ausgewachsene Bäume wie Streichhölzer knicken. Auch das Gestein folgt den Gesetzen der Schwerkraft. Ganze Blöcke weichen Sedimentgesteins verwittern, brechen heraus und reißen auf ihrem Sturz weitere Felsbrocken mit. So entstehen riesige Geröllhalden. Die gebirgige Wildnis der Banff&Jasper National Parks ist ein sicherer Zufluchtsort für das selten gewordene Dickhornscha£ Früher in den gesamten Rocky Mountains verbreitet, findet man diese Tiere heute nur mehr in einigen abgelegenen Regionen. Weiche Fußballen ermöglichen es ihnen, selbst auf blankem Fels Halt zu finden. Den Sommer verbringen sie im Hochland, doch die kalten Winter treiben sie talwärts, wo auch Hausschafe weiden - und neue Gefahren lauern. Denn so gut sie sich ihren natürlichen Feinden in den Felsen entziehen können, so anfällig sind Dickhornschafe mittlerweile für Krankheiten, mit denen sie sich bei ihren domestizierten Verwandten anstecken.

Zur Zeit der Paarungskämpfe treten die bis zu 110 Kilogramm schweren Böcke zum Zweikampf an. Das Aufeinanderprallen der Hörner ist weithin zu hören, und häufig verlassen die stattlichen Rivalen die Stätte des Gefechts mit blutender Nase und rollenden Augen. Doch die Natur hat gute Vorsorge getroffen. Um den ständigen Kopf-an-Kopf-Zusammenstößen zu widerstehen, ist der Schädel des Dickhornschafs besonders widerstandsfahig; darüber hinaus dämpft das dicke Fell jeden Aufprall. Banff&Jasper sind auch die Heimat der Schneeziege, die sich durch kleinere und spitzere Hörner sowie das hellere, längere Fell vom Dickhornschaf unterscheidet. Beide Tierarten ernähren sich von der kargen Gebirgsvegetation, die nur während der sommerlichen Schneeschmelze ans Tageslicht kommt. Es sind niedere Büsche, Moose und andere Polsterpflanzen, die sich den harten Lebensbedingungen - der dünnen Humusschicht, dem kurzen Sommer und den harten Wintern - angepaßt haben. Bestimmte Hochgebirgspflanzen sind mit zahllosen winzigen Härchen auf Blättern und Stengeln ausgestattet, die den Wind abfangen und dadurch den Feuchtigkeitsverlust der Pflanze mindern.

Das Leben in diesen unwirtlichen Zonen teilt sich verschiedene Ebenen auf, die durch die jeweilige Vegetation bestimmt sind. Ganz oben auf den Geröllhalden jenseits der Waldgrenze tummeln sich Murmeltiere und Pfeifhasen. Nahrung bietet hier allerdings nur das eher spärlich wachsende Büschelgras. Kleine Pfeifhasen legen unter Felsblöcken regelrechte Heuschober aus Gräsern an, in denen sie - unter einer dicken Schneedecke vor der eisigen Kälte geschützt - überwintern. Die etwas niedrigere Ebene gehört den Schafen und Ziegen, und kaum tiefer liegt das Revier des Elk oder Wapiti. Als Könige der Bergregion sind diese Hirsche kaum kleiner als Elche.

Von den Rothirschen unterscheiden sie neben ihrer Größe auch das fahlgelbe Hinterteil und die dunkle Mähne. Wapitihirsche werden bis zu 350 Kilogramm schwer, und das Geweih des männlichen Tiers kann über 150 Zentimeter Spannweite erreichen. Während sie den Sommer über friedlich in Herden weiden, werden die Männchen im Herbst, wenn sie ins Tal hinabwandern und ihren Harem um sich sammeln, zu erbitterten Rivalen. Wochenlang ziehen sich ihre Schaukämpfe hin, bei denen sie mit gesenktem Geweih aufeinander losstürmen. Dabei gibt es auch Verwundete, und immer wieder kommt es vor, daß wiederholt siegreiche Hirsche nach der Paarungszeit derart geschwächt sind, daß sie eine leichte Beute der Bären werden.

Zuweilen verhaken sich die Geweihe zweier Gegner während des Kampfes, so daß beide Kontrahenten verhungern. Auf dem ganzen nordamerikanischen Kontinent wird man keine faszinierendere Hochgebirgslandschaft finden als in den Banff&Jasper National Parks, wo steil aufragende, schneebedeckte Gipfel sich in den klaren Wassern umwaldeter Bergseen spiegeln. Lake Louise bietet einen geradezu magischen Anblick: Von Gletschern umgeben, bildet Mount Victoria in feierlicher Strenge eine eindrucksvolle Kulisse, und von bestimmten Stellen aus scheint es, als wachse der Berg i mitsamt seinem eisigen Mantel direkt aus dem See empor. Dies ist ein imposantes, aberkein sanftes Land. Die Unzugänglichkeit der vielen zerklüfteten Bergregionen hat dazu beigetragen, daß beide Parks echte Wildnis bewahren konnten.

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