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Wrangel-Insel

Weitab von jeder Zivilisation liegt die Wrangelinsel vor der Küste Sibiriens im Nordpolarmeer. Nahe der Grenze zum Ewigen Eis machen es Packeis-Schollen selbst im Sommer schwierig, sie auf dem Seeweg zu erreichen. In den strengen, dunklen Wintern schließt sich ein kilometerbreiter Eisring um die Küsten dieser unbewohnten Region und schneidet sie vollends vom Rest der Welt ab. Die rund 125 Kilometer lange Insel bewacht gleichsam den Eingang zur Arktis, die oberhalb der schmalen, Sibirien von Alaska trennenden Beringstraße beginnt.

Ihren Namen leitet sie von einem russischen Forscher ab, der von ihrer Existenz wußte, jedoch nie Gelegenheit hatte, seinen Fuß auf dieses abgelegene Stück Land zu setzen oder es auch nur mit eigenen Augen zu sehen. In den zwanzigerJahren des 18. Jahrhunderts fielen Ferdinand Wrangel bei der Kartierung der Nordostküste Sibiriens große Vogelschwärme auf, die auf das zugefrorene Meer hinausflogen und wieder zurückkamen.

Die hier lebenden Tschuktschen bestätigten seine Folgerung, daß irgendwo dort draußen in der eisbedeckten Wildnis festes Land sein müsse. Tatsächlich ist die Insel derart abgelegen, daß noch mehrere Jahrzehnte vergingen, bis sie 1849 von Russen gesichtet wurde. Als dann Forschungsreisende erstmals ihre Küste erreichten, fanden sie ein karges, bemerkenswert eisfreies Stück Land - natürliche Zuflucht- und Brutstätte für zahllose Zugvögel, aber auch für arktische Säugetiere wie Walrosse und Eisbären. Im Gegensatz zu vielen anderen Inseln im Nordpolarmeer hat die Wrangelinsel weder eine permanente Eiskappe noch Gletscher.

Im Winter bedeckt eine dünne Schneeschicht die Gebirgszüge und Küstenebenen, und in den Tälern kommt es zuweilen zu hohen Schneeverwehungen. Doch die Sommer sind warm genug, um den Schnee größtenteils schmelzen zu lassen. Während des kurzen arktischen Sommers führen zahlreiche Bäche und Flüsse das Schmelzwasser durch Teiche und Marschland an die Küste. Die zerklüftete Tundralandschaft, durch die diese Wasseradern fließen, wird von Rot- und Brauntönen bestimmt, in denen vereinzelte grüne Vegetationsinseln aufleuchten. Die Pflanzenarten, die hier gedeihen, werden nicht höher als zehn Zentimeter, umfassen aber auch blühende Pflanzen wie Mohngewächse, Rispengras und Fingerkraut. Die geringe Höhe der Flora hängt sowohl mit der Kürze der Vegetationsperiode als auch dem Klima zusammen. In Bodennähe wachsende Pflanzen überstehen die winterlichen

 

Stürme und auch große Kälte besser. Besonders widerstandsfähige Pflanzen wie Moose und Flechten findet man auch außerhalb der Täler und Tiefebenen, doch nicht einmal sie können in den höheren Regionen der Insel überleben, wo keinerlei Erdreich das blanke Geröll bedeckt. Noch bevor aller Schnee geschmolzen ist, kommen schon die ersten gefiederten Sommergäste auf die Insel und beginnen in den geschützten grünen Tälern und Küstenstrichen mit dem Nestbau. Sie müssen frühzeitig anfangen, denn bereits Ende August wird das unwirtliche Wetter sie wieder vertreiben. Den meisten in Sibirien nistenden Arten ist der Flug hinüber zur Wrangelinsel zu anstrengend, doch diejenigen, die ihn wagen - vor allem Ringelgänse, Eiderenten, Steinwälzer und Kiebitzregenpfeifer-, kommen in riesigen Schwärmen.

Auch ist die Wrangelinsel der einzige Ort in der Arktis, an dem man große Brutkolonien der Schneegans findet. Schon im Mai bevölkern diese anmutigen weißen Vögel den gesamten Luftraum über der Insel. Häufig nisten Schneeeulen in der Nähe ihrer Kolonien, die jeweils mehrere Tausend Pärchen umfassen - eine perfekt organisierte Strategie zum gegenseitigen Schutz vor Nesträubern. Nähern sich Raubmöwen oder ein Eisluchs, stoßen die aufmerksamen Gänse laute Warnrufe aus, woraufhin die Eule eingreift und die Eindringlinge verjagt. Entlang der Klippen nisten jedoch noch wesentlich mehr Vogelarten. Die besten Plätze sichern sich Trottellummen, Kormorane, Dreizehenmöwen und andere Arten, die ohne Unterlaß vor der Küste durch die Luft segeln. Mindestens eine halbe Million Seevögel halten sich während des kurzen arktischen Sommers auf der Wrangelinsel auf£ Die Tatsache, daß im Sommer das Küsteneis aufbricht, führt auch Meeressäuger zur Wrangelinsel, wo sie in den seichten, frostfreien Gewässern leichter Nahrung finden.

Fast gleichzeitig mit den ersten Löchern im Eis erscheinen Bart-, Eismeer- und Ringerobben. Im Juli kommen dann die Walrosse zur Werbung, Paarung und Aufzucht ihrer Jungen. In manchen Jahren ist die Wrangelinsel von bis zu 80 000 dieser massigen, schnurrbärtigen Tiere bevölkert. Auch bei Eisbären ist die Wrangelinsel ein beliebter Fortpflanzungsort. Geschützt durch seinen zottigen, dichten Pelz und eine dicke Fettschicht, läßt sich dieses mächtige Raubtier auf Eisschollen umhertreiben, die es von Zeit zu Zeit verläßt, um kurze Beutezüge in das eiskalte Wasser zu unternehmen. Haupt- und wohl auch Lieblingsnahrung sind Robben, denen die Bären an Atemlöchern auflauern.

Wenn im November der Winter über der Wrangelinsel anbricht, sind einige Hundert der ansonsten einsam jagenden Eishären auf dem Weg zu ihren Höhlen im Inneren der Insel. Viele davon sind trächtige Weibchen, die während des finsteren Winters unter einer mächtigen Schneedecke ihre Jungen zur Welt bringen. Im April begleitet die Bärin ihre Kinder dann zu ersten Ausflügen in die Frühlingssonne. Noch vor wenigen tausend Jahren lebte auf der Wrangelinsel auch das zottige Mammut.

Diese prähistorischen elefantenähnlichen Tiere sind angeblich mit dem Ende der letzten Eiszeit vor rund 10 000 Jahren weltweit ausgestorben. Ungefähr zu dieser Zeit dürfte ein Ansteigen des Meeresspiegels die Insel vom Festland abgetrennt haben. 1991 entdeckten Paläontologen hier wesentlich jüngere Skelette, die darauf schließen lassen, daß einzelne Exemplare in dieser Region noch bis ungefähr 2000 v. Chr. existiert haben könnten.

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